Todesfall Kim Jong Nam Morde im Auftrag des Staates

Wenn Agenten töten, soll das meist unauffällig geschehen. Doch manchmal werden diese Aktionen schlagartig öffentlich - so wie im Fall Kim Jong Nam, dem Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers.

Getty Images/ Bettmann Archive

Von Maria Christoph


Zwei junge Täterinnen - möglicherweise Agentinnen - , eine hochgiftige Substanz, ein Diktator als Strippenzieher. Der mysteriöse Mord an Kim Jong Nam, dem Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un, erinnert an einen Spionagethriller. Malaysias Polizei fahndet aktuell nach einem hochrangigen Mitarbeiter der nordkoreanischen Botschaft, Südkorea erhob bereits früh Vorwürfe gegen das Regime in Pjöngjang. Aber ist Kim tatsächlich einem staatlich organisierten Mord zum Opfer gefallen?

"Vieles spricht dafür", sagt Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom. "Eine solche Tat wie die am malaysischen Flughafen muss lange vorher geplant worden sein."

Anschlagsopfer Kim Jong Nam
DPA

Anschlagsopfer Kim Jong Nam

Kim Jong Nam, 45, wurde am 13. Februar am internationalen Flughafen von Kuala Lumpur ermordet. Er fürchtete schon seit Jahren um sein Leben und bat seinen Halbbruder Kim Jong Un sogar um Gnade.

Genutzt hat es nichts. Ein Flughafen sei ein belebter Ort, so Schmidt-Eenboom, "da ist es danach leicht für die Auftragsmörder unterzutauchen". Auf einem Überwachungsvideo ist zu sehen, wie zwei Frauen sich Kim nähern. Eine greift ihn von hinten an, drückt ihm mutmaßlich ein Tuch ins Gesicht. Nach dem Angriff wendet er sich an das Flughafenpersonal und wird in eine Klinik gebracht, doch er stirbt auf dem Weg dahin. An der Leiche entdecken die Ermittler das Nervengift VX - auch das spricht für eine Beteiligung des Regimes in Pjöngjang. Immer wieder verüben Geheimdienste Anschläge. Die Motive: Rache oder Abschreckung.

Die Animation stellt die Attacke auf Kim Jong Nam nach

REUTERS

Viele dieser Taten geschehen im Verborgenen, werden vertuscht. Ziel sei es, so Schmidt-Eenboom, eine politisch gefährliche Person oder Personengruppe möglichst unauffällig auszuschalten.

Beim israelischen Geheimdienst Mossad handele es sich vor allem um Racheaktionen, sagt Schmidt-Eenboom. Nach dem Attentat auf Israels Olympiamannschaft 1972 in München seien dessen Spezialagenten und Killerkommandos, die sogenannte "Caesarea"-Einheit, weltweit ausgeschwärmt, um die Beteiligten umzubringen. Die Botschaft lautete: "Wenn so etwas nochmal passiert, dann kostet das eurer Leben!"

Einer der spektakulärsten Morde, der in den vergangenen Jahren dem israelischen Geheimdienst und dessen operativer Einheit zugeschrieben wurde, ist der an Mahmud al-Mabhuh. Der Chef-Waffenhändler der palästinensischen Hamas wurde am 20. Januar 2010 tot im Bett seines Hotelzimmers in Dubai aufgefunden, die Todesursache blieb zunächst unklar. Doch die Bilder der Überwachungskameras halfen dabei, die Tat bis ins Detail zu rekonstruieren.

Bei einer Pressekonferenz am 15. Februar 2010 präsentiert Dubais Polizeichef Dahi Chalfan Tamim tiefe Einblicke in die Arbeit des israelischen Geheimdienstes: 27 Agenten, die aus verschiedenen europäischen Städten anreisten, hatten den Auftrag Mabhuh auszuschalten. Er stand auf der Todesliste der Israelis. Seit Mabhuh 1989 einen israelischen Soldaten in Uniform ermordete hatte, besaß er eine sogenannte Red Page, hinter der ein direkter Befehl vom israelischen Premierminister und dem Verteidigungsminister steht.

Geheimdienstexperte Schmidt-Eenboom erklärt das Vorgehen der Agenten: "Vor der Ausführung eines Geheimdienstauftrags steht die Aufklärungsarbeit, Quellen und Zielperson werden über einen längeren Zeitraum observiert. Man will herausfinden: Wie verwundbar sind diese Personen, was sind ihre Gewohnheiten?"

So auch bei Mabhuh. Die Agenten haben gewusst, wo er sich aufhält, wo er sich sicher fühlt, wenn er nach Dubai kommt. Mehrmals zuvor hatte er bereits ein Zimmer im Bustan Rotana Hotel am Rande der Stadt bezogen.

Bis ins kleinste Detail muss alles stimmen, "erst dann schickt man ein sogenanntes 'Hit and Run'-Team los", erklärt Schmidt-Eenboom weiter. Die Durchführung müsse abgesichert sein durch eine Gegenobservation, die Angriffsziele, deren Bewegungsrichtungen und die Gefährdungslage sollen präzisiert werden, damit mögliche Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können, also ein Plan B.

Obwohl Israel die Operation bis heute nicht bestätigt hat, geriet der Mossad dadurch stark unter Druck. "Geheimdienstaktionen sind illegale Kriege. Die Anschläge gelten Organisationen und Gruppierungen, also keinen völkerrechtlichen Kriegspartnern, es wird nicht gegen einen anderen Staat gekämpft", sagt Schmidt-Eenboom, "Israel setzt sich mit den Killerkommandos über das Völkerrecht hinweg, schafft allerdings mit dem Vorbehalt des Premiers eine Hürde, um Eigenmächtigkeiten der Nachrichtendienste zu unterbinden."

Gleiches gilt für die USA, auch dort muss der Präsident illegale Tötungen autorisieren. Killerkommandos, also menschliche Auftragsmörder, gibt es nach Informationen des Autors in beiden israelischen Geheimdiensten und beim türkischen Nachrichtendienst, der russische Nachrichtendienst bilde ebenfalls dazu aus.

Fälle, die auf spektakuläre Weise öffentlich geworden sind, richten sich meist gegen bekannte politische Persönlichkeiten und Oppositionelle. Kubas Revolutionsführer Fidel Castro etwa brüstete sich, immer wieder dem US-Auslandsgeheimdienst CIA entkommen zu sein - der hatte mit vergifteten Zigarren und bakterienverseuchten Taucheranzügen experimentiert, um Castro zu töten.

In den Siebzigerjahren gab es in den Vereinigten Staaten mehrere Kommissionen, beispielsweise das "Church Committee", die illegale Aktivitäten der Geheimdienste untersucht haben. Es ging dabei vor allem um das Ausspähen von Vietnamkriegs-Gegnern und illegale CIA-Aktionen im Ausland. Daraufhin wurden die Zuständigkeiten der Geheimdienste und ihre Kontrolle durch ständige Ausschüsse des US-Kongresses neu geregelt. Der "Foreign Intelligence Surveillance Act" bestimmt unter anderem, wie die CIA im Ausland operieren darf und dass sie für Überwachungen von US-Bürgern zunächst eine Genehmigung des 1978 eigens eingerichteten FISA-Gerichts benötigt.

Giftanschläge, wie vermutlich der an Kim Jong Nam, gab es auch in Europa. Im Jahr 2006 starb der russische Ex-KGB-Spion Alexander Litwinenko, in seinem Körper wurde eine tödliche Dosis des radioaktiven Gifts Polonium-210 gefunden. Er lebte seit 2000 im britischen Exil, soll dort Informant für den Geheimdienst MI6 gewesen sein. Litwinenko wurde vermutlich beim Teetrinken vergiftet, vor seinem Tod blutete er aus Nase und Mund, litt an starkem Haarausfall und starb schließlich an Herzversagen.

Laut einem britischen Untersuchungsbericht, der Anfang 2016 veröffentlicht wurde, soll der Mord ein Auftrag des russischen Geheimdienstes FSB gewesen und von Präsident Putin gebilligt worden sein. Litwinenko selbst sagte in einem letzten Interview: "Die Bastarde haben mich gekriegt." Russland dementiert die Tat. Der Fall erregte international großes Aufsehen und löste starke Spannungen zwischen London und Moskau aus.

Nicht in allen Fällen endete eine Geheimdienstaktion tödlich. Der israelische Nukleartechniker Mordechai Vanunu ist beispielsweise noch am Leben. Er hatte 1986 der britischen "Sunday Times" Beweisfotos von dem bis dahin geheim gehaltenen Nuklearforschungsprogramm Israels geliefert. Noch bevor die Story veröffentlicht wurde, lockte eine israelische Agentin Vanunu nach Rom, von wo aus er vom Mossad nach Israel verschleppt wurde. Vanunu verbrachte 18 Jahre im Gefängnis, elf davon in Isolationshaft.



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