Spekulationen um Zugreise von Kim Jong Un Nordkoreas geheime Mission in Peking

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un ist angeblich mit der Eisenbahn nach Peking gereist. Oder hat er seine Schwester geschickt? Für Kim würde eine solche Reise durchaus Sinn ergeben.

Sonderzug, der vom koreanischen Machthaber Kim Jong Un genutzt wird (Archiv)
DPA

Sonderzug, der vom koreanischen Machthaber Kim Jong Un genutzt wird (Archiv)

Von , Tokio


Der Zug, der am Montag gegen 15 Uhr aus Richtung Nordkorea in den Bahnhof von Peking einfuhr, sah altmodischer aus als Modelle, die dort sonst verkehren: grün mit gelben Streifen, 21 Waggons. Und als dann noch ein ungewöhnlich starkes Polizeiaufgebot am Bahnhof, am staatlichen Gästehaus Diaoyutai und bei der Großen Halle des Volkes gesichtet wurde, schien einiges darauf hinzudeuten: Ein hochrangiger Gast aus Pjöngjang könnte in Peking eingetroffen sein.

Handelte es sich womöglich um Diktator Kim Jong Un? Das chinesische Außenministerium hat das vorerst nicht bestätigt. "Ich weiß gegenwärtig nichts über die genannte Situation", antwortete eine Sprecherin am Dienstag mit einem einzigen Satz auf eine schriftlich eingereichte Frage. Handelt es sich dann um dessen jüngere Schwester Kim Yo Jong, die er kürzlich bereits als Sondergesandte zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang schickte?

Allerdings landete die Schwester damals per Flugzeug in Seoul. Und so könnte es vielleicht doch der Große Führer höchstselbst sein, der nach Peking gereist ist. Angeblich über die chinesisch-nordkoreanische "Freundschaftsbrücke" in der Grenzstadt Dandong, in diesem grünen Gefährt, das so auffällig dem Sonderzug Nummer eins ähnelt, mit dem bereits sein Vater, der verstorbene Führer Kim Jong Il, nach China zu reisen pflegte - zuletzt im August 2011.

Eine Straße, die zum Diaoyutai Gästehaus in Peking führt, wird streng bewacht
AP

Eine Straße, die zum Diaoyutai Gästehaus in Peking führt, wird streng bewacht

Die Spekulationen um Kims angebliche China-Reise tauchten zuerst in japanischen Medien auf, die nicht selten hervorragend informiert sind über Vorgänge in und um Nordkorea. Was tatsächlich daran ist, dürfte sich in den kommenden Tagen klären. Unabhängig davon aber gilt: Für Kim würde es durchaus Sinn machen, seine Beziehungen mit China, der traditionellen Schutzmacht, wieder ins Lot zu bringen.

Es wäre ein genialer Schachzug des Diktators. Er würde damit aufs Neue beweisen, wie er im Streit um sein Atomprogramm die diplomatische Regie führt: Erst mit seiner spektakulären Neujahrsansprache. Dann mit der erfolgreichen Charmoffensive während der Olympischen Winterspiele, dann mit der Ankündigung, Ende April einen Gipfel mit Südkoreas Präsident Moon Jae In abzuhalten. Und schließlich mit der Einladung an US-Präsident Donald Trump zu einem Zweiertreffen, die dieser dann prompt annahm.

Voraussichtlich im Mai sollen Kim und Trump sich treffen. An welchem Ort, steht offenbar noch nicht fest. Doch falls Kim sich vorher tatsächlich mit der Schutzmacht China versöhnt, könnte er dem Gipfel mit Trump noch selbstbewusster entgegensehen: Nicht nur als Führer der jüngsten Atommacht, sondern auch als einer, der die Rückendeckung von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping genießt.

Die Front gegen Nordkorea beginnt zu bröckeln

Noch vor einem halben Jahr stand Kim ganz anders da. Mit seinem Atomversuch und immer neuen Raketentests manövrierte er sein Regime tiefer und tiefer in die Isolation. Auf Druck der Trump-Regierung beteiligte sich China an immer schärferen wirtschaftlichen Sanktionen, mit denen die Vereinten Nationen Nordkorea für sein Atom- und Raketenprogramm belegt haben. Doch nun könnte die Front der Weltgemeinschaft gegen die jüngste Atommacht bröckeln. Selbst Japans Premier Shinzo Abe, lange einer der eifrigsten Scharfmacher gegenüber Nordkorea, lässt nun angeblich die Möglichkeit eines Treffens mit dem Führer in Pjöngjang sondieren.

Polizisten bewachen die vielbefahrene Changan Straße in Peking: Ein Hinweis auf hohen Besuch?
REUTERS

Polizisten bewachen die vielbefahrene Changan Straße in Peking: Ein Hinweis auf hohen Besuch?

Der chinesischen Führung dürfte es sehr gelegen kommen, wenn Kim ihr mit einer Visite huldigt. Bereits bei den einstigen Sechsergesprächen mit den beiden Koreas, den USA, Russland und Japan nutzte Gastgeber China gerne die Gelegenheit, sich als Vermittler im Atomstreit mit Nordkorea zu profilieren. Nun könnte die aufstrebende Supermacht wieder eine führende Rolle annehmen. Im Gegenzug könnte Peking seine Sanktionen gegenüber Pjöngjang ein wenig lockern.

Dass tatsächlich Kim Jong Un nach Peking gereist ist, ist bislang nur ein Gerücht. Aber dass der Diktator sich mit China aussöhnen würde, hatten Nordkorea-Experten erwartet. "Auf diese Weise würde er sich zusätzlichen diplomatischen Spielraum verschaffen", sagte Lee Kwan Sei, der an der Kyungnam-Universität in Südkorea lehrt, kürzlich dem SPIEGEL. Möglicherweise werde Kim auch eine Reise zu Russlands Präsident Wladimir Putin unternehmen.

Rückendeckung aus China

Vor allem mit China muss Kim sich verständigen: Der mächtige Nachbar gehört zu den Unterzeichnern des Waffenstillstands, der den Korea-Krieg (1950-53) beendete. Ohne ihn kann es auf Dauer keinen Frieden auf der koreanischen Halbinsel geben. China würde auch gebraucht werden, um eine mögliche Einigung mit den USA über ein Einfrieren oder gar einen Stopp des nordkoreanischen Atomprogramms zu garantieren.

Ob es zu so einer Vereinbarung zwischen Kim und Trump kommt, kann derzeit allerdings niemand seriös voraussagen. Angesichts seiner jüngsten diplomatischen Erfolge dürfte Kim noch weniger bereit sein, auf sein Atomprogramm zu verzichten. Und inwieweit Trump mit Nordkorea ernsthaft verhandeln will, muss dieser auch erst noch beweisen.

Der Atomstreit zwischen Nordkorea und den USA lässt sich in jedem Fall nur durch geduldige Gespräche dauerhaft lösen. Ob Trump dazu bereit ist, hängt sicher auch von John Bolton ab, seinem frisch designierten Sicherheitsberater. Bolton ist ein Hardliner. Erst vor einem Monat plädierte er im "Wall Street Journal" für einen militärischen Erstschlag gegen Nordkorea und dessen Atomwaffen. Das sei "völlig legitim". Auch deshalb wäre es durchaus verständlich, wenn Kim sich nun Rückendeckung in Peking holt.

insgesamt 31 Beiträge
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Fonso 27.03.2018
1. Ganz schlechtes Deutsch
"Für Kim würde eine solche Reise durchaus Sinn machen"? "make sense" sagt der Engländer. Im Deutschen heißt es ""sinnvoll sein" oder "einen Sinn ergeben". Auch wenn das gerade viele falsch machen...
fabiofabio, 27.03.2018
2. Die Chinesen
würden sogar zu einer Vereinigung der beiden Korea ja sagen, unter der Bedingung, dass das neue Korea neutral wird und fremde Truppen die Halbinsel verlassen. Die Geschichte Chinas und vor allem die Geschichte zwischen NATO und Russland in den letzten 20 Jahren dürfte China aber sehr vorsichtig agieren lassen ( der Westen beginnt für seine Unzuverlässlichkeit zu zahlen). Und würden die Amis das Land, so nahe an der chinesischen Grenze überhaupt verlassen? Ich zweifle und wenn, werden sie unter irgendeinem Vorwand schnell zurück kommen.
bollocks1 27.03.2018
3. Sinn “machen”...
...oder ”waere sinnvoll”?
bligen 27.03.2018
4. Mag in einem geopolitischen PR-Blatt eigentlich nicht zu viel
schreiben. Aber BITTE bezeichnet die Neujahrsansprache nicht als "spektakulär". Dies zeigt nur eure PR-Sicht oder Unkenntniss. Lest, ja das geht, einfach ALLE Neujahrsansprachen von Kim Jong Un ! Dieses Angebot gab es seit Jahren ! Ergründet lieber, warum es vorher nie angenommen werden durfte ! Nein ich mag ihn auch nicht, aber PR noch weniger.
helmut.alt 27.03.2018
5. Kim ist raffiniert genug
die Welt glauben zu lassen, dass er auf militärischem Gebiet konstruktiv einlenkt, um wirtschaftliche Erleichterungen zu erhalten. Nach einer gewissen Schamfrist und einer wirtschaftlichen Erholung wird er wieder auf das alte politische Gleis zurückfinden, das die Welt zur Genüge kennt.
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