Diplomatische Offensive aus Pjöngjang Kims Kalkül

Drohungen in Richtung Washington - aber ein Dialogangebot an Südkorea: Mit seiner Neujahrsansprache sorgt Nordkoreas Diktator Kim Jong Un für Verwirrung. Warum plötzlich die versöhnlichen Töne?

Kim Jong Un
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Kim Jong Un


Mit seinem Nuklearprogramm und Raketentests hat Nordkoreas "Oberster Führer" Kim Jong Un die Welt 2017 auf Trab gehalten. Auch ins neue Jahr startet der Diktator vollmundig und erklärt in seiner Neujahrsansprache, Nordkorea werde auch in Zukunft atomare Sprengköpfe und ballistische Raketen "in Massenproduktion" fertigen.

Erst Ende November hatte das nordkoreanische Fernsehen Bilder einer Interkontinentalrakete gezeigt, die nördlich der Hauptstadt Pjöngjang getestet worden war. Die "Hwasong-15" soll in 53 Minuten etwa 950 Kilometer zurückgelegt und eine Flughöhe von knapp 4500 Kilometer erreicht haben - eine erstaunliche Leistung nicht nur in den Augen der Propaganda-Beauftragten des Regimes. Auch westliche Experten gehen davon aus, dass die neue Rakete in der Lage ist, Teile des US-Festlands zu erreichen. Ob sie, wie vom Regime behauptet, mit Atomsprengköpfen bestückt werden kann, ist umstritten.

"Die gesamten Vereinigten Staaten liegen in Reichweite unserer Kernwaffen und auf meinem Schreibtisch steht immer ein Atomknopf", betonte Kim hingegen zum Jahresauftakt. "Das ist keine Drohung, sondern Realität." Die Folge? "Die USA können niemals einen Krieg gegen mich oder mein Land beginnen."

US-Präsident Donald Trump, der in den elf Monaten seiner Amtszeit keine nachhaltige Strategie zum Umgang mit dem Atomprogramm Pjöngjangs vorgelegt hat, hielt sich angesichts dieser Behauptungen bedeckt. "Wir werden sehen, wir werden sehen", sagte er auf dem Weg zur Silvesterveranstaltung in seinem Luxusresort Mar-a-Lago im US-Bundesstaat Florida. Auch das US-Außenministerium äußerte sich bisher nicht zu den Aussagen von Kim Jong Un.

US-Außenminister Rex Tillerson war auf Nordkorea zugegangen und hatte Mitte Dezember erklärt, er sei bereit, ohne Vorbedingungen zu verhandeln. Präsident Trump hatte den diplomatischen Ansatz seines Außenministers im Atomkonflikt wiederholt öffentlich kritisiert.

Der ehemalige US Navy Admiral Mike Mullen sieht die Situation um einiges angespannter. Die USA und Nordkorea seien näher an einem Konflikt als je zuvor, erklärte der Admiral beim Sender ABC.

Solche Einschätzungen scheint Kim Jong Un derzeit entschärfen zu wollen. Nordkorea werde seine Atomwaffen nur einsetzen, wenn die Sicherheit des Landes bedroht sei, behauptet er. Sein Land sei "eine friedliebende und verantwortungsbewusste Atommacht" - die jetzt offenbar ihre Hand gen Südkorea ausstreckt. "Was die Nord-Süd-Beziehungen angeht, sollten wir die militärische Spannung auf der koreanischen Halbinsel verringern, um ein friedvolles Umfeld zu schaffen." Dafür sollten sich beide Länder ins Zeug legen.

Sportliche Annäherung?

Südkorea reagierte positiv auf die Ankündigung Kims, eine Delegation zu entsenden, um eine mögliche Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Winterspielen vom 9. bis 25. Februar 2018 in der südkoreanischen Stadt Pyeongchang zu besprechen.

"Wir haben stets unseren Willen bekundet, jederzeit und an jedem Ort mit Nordkorea Gespräche zu führen, wenn dies helfen kann, unsere Beziehungen wiederherzustellen und zu Frieden auf der koreanischen Halbinsel führt", hieß es von südkoreanischer Seite.

Nordkorea - Die Chronik des Konflikts

Auch der Präsident des Olympischen Organisationskomitees Lee Hee-beom begrüßte eine mögliche Teilnahme Nordkoreas. Das Internationale Olympische Komitee will die Ankündigung "unvoreingenommen prüfen". Möglich sei, dass Athleten aus Nordkorea auch nach Ablauf der Meldefristen eine sogenannte Wildcard für einen Olympia-Start erhielten.

Südkoreas Präsident Moon Jae-in erklärte, eine Teilnahme Nordkoreas an den Wettkämpfen würde zu mehr Sicherheit führen. Moon hatte im vergangenen Monat vorgeschlagen, große gemeinsame Manöver von Washington und Seoul auf die Zeit nach den Olympischen Spielen zu verschieben, da Pjöngjang diese Militärübungen als Provokationen wahrnehme. Zuvor hatten zahlreiche Athleten sich besorgt über die Sicherheitslage in Pyeongchang geäußert, das nur 80 Kilometer von der Grenze zu Nordkorea entfernt liegt. Moon war im Mai vergangenen Jahres angetreten mit dem Versprechen, er wolle den Dialog mit dem Nachbarn im Norden wiederbeleben.

"Wovor Nordkorea am meisten Angst hat, ist, auf internationalem Parkett vergessen zu werden", sagt der Nordkorea-Experte Nam Sung-wook von der Korea Universität in Seoul. "Ohne Raketenstarts und Nukleartests wird Nordkorea nur mit einer Teilnahme an den Olympischen Winterspielen ins Rampenlicht gelangen."

In diesem Zusammenhang scheint es zumindest möglich, dass das Regime im Vorfeld der Veranstaltung Provokationen vermeiden könnte. "Ich glaube, dass ein Rückgang der Tests realistisch ist", sagte der Militärexperte Scott LaFoy von der Website NK Pro.

Der Wissenschaftler Youngshik Daniel Bong vom Yonsei Institute für Nordkorea-Studien sagte der BBC, die direkte Ansprache Südkoreas sei ein Novum für Kim Jong Un. Nordkorea ignoriere Südkorea in der Regel, weil es nach seinem Selbstverständnis als "Atommacht" allein mit den USA verhandele. Indem Kim Jong Un Südkorea einbeziehe, "hofft er, eine Entfremdung zwischen Südkorea und den USA zu erzeugen". Auch der erhöhte wirtschaftliche Druck durch die jüngsten Uno-Sanktionen könne der Grund dafür sein, dass Pjöngjang auf Seoul zugehe.

Wie sehr das Land unter den Sanktionen leidet, dringt öffentlich nicht nach außen. In seiner Ansprache lobte Kim Jong Un neben den militärischen Errungenschaften auch die ökonomischen Fortschritte. So sei die Produktion von Textilien, Schuhen und Traktoren gestiegen. Ziel sei es, den nationalen Lebensstandard zu erhöhen.

Wegen der Raketen- und Atomtests Nordkoreas hatten die Vereinten Nationen die Sanktionen gegen das Land verschärft und unter anderem ein Ölembargo verhängt. Insidern zufolge haben russische Tanker in den vergangenen Monaten aber mindestens dreimal Nordkorea mit Treibstoffen versorgt. Südkorea hatte in den vergangenen Tagen zwei Schiffe wegen des wegen der möglichen Umgehung von Nordkorea-Sanktionen beschlagnahmt. Sie fuhren unter den Flaggen Hongkongs und Panamas.

ala/dpa/Reuters/sid

insgesamt 14 Beiträge
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Atheist_Crusader 01.01.2018
1.
Vielleicht will Nordkorea damit rationaler und zivilisierter wirken als die USA. Das ist momentan ja auch nicht schwierig. Zwar wäre es für Südkorea sicherlich einfacher wenn man nur mit EINEM instabilen Element verhandeln müsste, aber ein Risiko bleibt es trotzdem. Pyöngyang hat sich in der Vergangenheit weder als vertrauenswürdig gezeigt noch als respektvoll gegenüber internationalen Regeln und Abkommen. Über den Wert dieses Angebotes kann man da bestenfalls skeptisch sein.
phillyst 01.01.2018
2. Was wird er damit wohl erreichen wollen...
Das sollte offensichtlich sein - er fühlt sich (wohl nicht ganz zu unrecht) wegen seiner Atomraketen einigermaßen sicher vor dem großen Feind Amerika, dem er jetzt aber nicht so einfach die Hand hinhalten kann. Also nähert man sich erst an den Nachbarn an um sich mit dem vielleicht wieder näher zu kommen - der ganze Grund für die amerikanische Präsent ist zumindest ursprünglich Südkorea. Sieht Südkorea keinen Grund mehr, den Schutz der USA zu benötigen können die Jungs einpacken und nach Hause (zumindest theoretisch)... Kim will wichtig sein, weltpolitisch Bedeutung haben, und nicht sein Land und halb Asien in Schutt und Asche legen. Das war schon immer so. Bisher war halt gepolter der Weg, Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist jetzt nicht mehr so nötig.
hellocapetown 01.01.2018
3. Warum? ...
... weil er vielleicht annimmt, dass Amerika scheinheilig Südkorea (oder sich selbst) bombardieren wird, um Nordkorea dann dafür zu beschuldigen, und "legitim" angreifen kann? "Das Jahr der großen siebenten Nummer umkreist, Es wird erscheinen zur Zeit der Spiele der Hekatombe, Nicht weit entfernt vom großen Millennium, Wenn die Toten ihre Gräber verlassen werden". X,74 "Der Himmel wird bei 45 Grad rösten, Feuer nähert sich der großen neuen Stadt, Eine riesige Flamme züngelt hoch auf, Wenn sie einen Beweis für die Normannen haben wollen". VI, 97 ~ Nostradamus
meinerlei 01.01.2018
4. 0,1%
Es gibt auf der Welt rund 15.000 Atomsprengköpfe, 15 davon im Besitz Nordkoreas. Das sind 0,1% des Bestandes. Sichere Trägerraketen für einen militärischen Schlag gibt es noch nicht. Das ist beunruhigend aber kein Grund, diese Sau jeden Tag durchs Dorf zu jagen. Das dient doch nur dem Interesse Nordkoreas, im Gespräch zu bleiben.
hansriedl 01.01.2018
5. NK wird sanktioniert.
Im von den USA gegründeten SK sind US Truppen stationiert (10000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt). Die USA haben einst NK so total in Schutt und Asche bombardiert wie kein Land zuvor und danach. 25% der Bevölkerung von NK starben und weitere Millionen wurden verletzt und kein Stein stand mehr auf dem anderen. Trotz dieser totalen militärischen Überlegenheit konnten die USA den Krieg nicht gewinnen und mussten sich mit einem Waffenstillstand zufrieden geben den sie nicht in einen Friedensvertrag ändern wollen (Angebote wurden abgelehnt) weil sie offensichtlich glauben am Ende doch zu siegen. NK wurde und wird sanktioniert. Das Ergebnis ist nicht etwa eine Kapitulation der Regierung oder Aufstände gegen die Regierung sondern eine Stabilisierung der Regierung von NK auf Grund der vielen Opfer des Krieges und der Sanktionen. NK macht klar, das Angreifer dieses Mal auch in ihrer Heimat getroffen werden.
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