Kindererziehung EU-Kommissar will Väter zur Auszeit verpflichten

Männer verdienen noch immer mehr als Frauen. Das liege vor allem daran, dass Mütter sich um Haushalt und Kinder kümmern müssen, konstatiert EU-Kommissar Spidla. Der Sozialpolitiker will gegensteuern und die Männer an den Wickeltisch bringen - notfalls unter Zwang.


Brüssel - EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla erwägt die Einführung eines generellen Vaterschaftsurlaubs. Das immer noch erhebliche Lohngefälle zwischen Männern und Frauen hänge stark mit der "ungleichen Verteilung der Pflichten in der Familie" zusammen, sagte der tschechische Kommissar am Mittwoch in Brüssel. Gerade auch in Deutschland stelle dies ein großes Problem dar, wobei die Bundesregierung in Sachen Kinderbetreuung zuletzt "sehr wichtige und sehr gute Entscheidungen" getroffen habe.

Kindererziehung: Nicht nur Frauensache
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Kindererziehung: Nicht nur Frauensache

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hatte bei der Einführung des Elterngelds die so genannten "Vätermonate" eingeführt: Das Elterngeld wird statt zwölf Monate 14 Monate lang gezahlt, wenn auch der Vater für die Kinderbetreuung eine berufliche Auszeit nimmt.

Spidla erwägt nach Angaben aus Kommissionskreisen sogar eine verpflichtende Elternzeit für Väter. Der Sozialkommissar erklärte allerdings lediglich, die Idee eines allgemeinen Vaterschaftsurlaubs werde derzeit mit den europäischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden erörtert. Er wolle "nicht ausschließen, dass es einen Legislativvorschlag geben wird", sagte Spidla, der sich nach eigenen Angaben während einer schweren Krankheit seiner Frau zwei Jahre lang nahezu alleine um seine beiden Kinder gekümmert hat.

Spidla beklagte, dass Frauen mit Kindern in den meisten EU-Staaten bei der Entlohnung systematisch benachteiligt seien. Er verwies auf Zahlen des europäischen Statistikamtes Eurostat, wonach Frauen in der EU im Schnitt 15 Prozent weniger verdienen als Männer. In Deutschland beträgt der Abstand, der sich auf den Stundenlohn bezieht, sogar 22 Prozent. Als einen wesentlichen Grund dafür macht die EU-Kommission aus, dass sehr viel mehr Frauen als Männer teilzeitbeschäftigt sind und familienbedingt mehr "Brüche in ihrer Berufslaufbahn" aufweisen.

Es könne nicht sein, dass eine Frau, "die bis zum 35. Lebensjahr zwei Mal eine Auszeit von acht Monaten für die Kindererziehung genommen hat, die Folgen noch 25 Jahre später zu spüren bekommt", sagte Spidla. In diesem Zusammenhang kritisierte der Sozialkommissar auch die in vielen Unternehmen üblichen Gehaltssteigerungen nach Dienstalter: "Alle Senioritätssysteme sind eigentlich negativ für Frauen."

"Indirekte Diskriminierung" typischer Frauenberufe

Ein weiteres Problem stellt nach Auffassung Spidlas die "indirekte Diskriminierung" typischer Frauenberufe dar. "Wie kann es sein, dass eine Supermarktkassiererin weniger verdient als ihr Kollege, der im Lager arbeitet?", fragte der Sozialkommissar. Auch dass Krankenschwestern in vielen Ländern schlechter bezahlt würden als Polizisten, sei sachlich unbegründet: Vom Ausbildungsniveau vergleichbare Tätigkeiten müssten auch gleich bezahlt werden, forderte Spidla.

Als wichtigste Maßnahme gegen diese Form von Benachteiligung betrachtet der EU-Kommissar eine bessere Aufklärung der Arbeitnehmer über ihre Rechte sowie die Auszeichnung von Unternehmen, die solche Ungleichheiten beendeten. Zugleich müssten Frauen stärker dazu ermutigt werden, etwa technische Berufe zu ergreifen: "Frauen konzentrieren sich auf bestimmte Sektoren des Arbeitsmarkts, die in der Regel schlechter bezahlt werden", sagte Spidla. Allerdings scheint hier eine Wechselwirkung zu bestehen: Komme es in einem ehemals männlich dominierten Sektor wie etwa dem Journalismus zu einer "Feminisierung, dann gehen die Löhne runter", konstatierte der Sozialkommissar.

Barbara Schäder, AP



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