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Kinderherzen verspeist: General gesteht Kannibalen-Rituale vor dem Kampf

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In die Schlacht mit verspeisten Kinderherzen: Ex-Rebellengeneral Milton Blahyi gesteht grausame Details aus dem liberianischen Bürgerkrieg. Er sei wie "von einem Dämonen besessen" gewesen.

Berlin - Wenn er in die Schlacht zog, war er meist nackt bis auf die Schuhe. Martialisch sollte das sein; der ehemalige liberianische Rebellenführer Milton Blahyi hieß nur noch "General Butt Naked" - in etwa "General Splitternackt".

Ex-Rebellenführer Blahyi (bei Predigt in Monrovia): Vor der Schlacht unschuldige Kinder getötet
AP

Ex-Rebellenführer Blahyi (bei Predigt in Monrovia): Vor der Schlacht unschuldige Kinder getötet

Inzwischen ist der 37-Jährige zum christlichen Priester konvertiert. Und behauptet in einem Interview mit der BBC, während des Bürgerkrieges in Liberia von "einem Dämon" besessen gewesen zu sein: Vor den Schlachten habe er Menschen geopfert, um sich die Gunst der Götter für den Sieg zu sichern. Teil der Opferzeremonien sei gewesen, "ein unschuldiges Kind zu töten und ihm das Herz herauszureißen, das dann aufgeteilt und gegessen wurde".

Berichte und Gerüchte über Menschenopfer und Kannibalismus im Bürgerkrieg hatte es bereits vorher gegeben, etwa in den Büchern des britischen Afrika-Forschers Stephen Ellis. Doch Blahyi ist laut BBC der erste Kriegsherr, der solche Taten öffentlich zugibt.

Vor der Wahrheitskommission in Liberia, die Kriegsverbrechen aus dem liberianischen Bürgerkrieg untersucht, gab Blahyi an, seine Truppen hätten insgesamt etwa 20.000 Menschen getötet. Sie kämpften gegen die Milizen von Ex-Diktator Charles Taylor, der sich seit Anfang Januar vor dem Kriegstribunal in Den Haag für illegalen Waffenhandel mit Sierra Leone verantworten muss.

Hunderttausende Tote, Millionen Vertriebene

In zwei Bürgerkriegen in dem westafrikanischen Staat kamen zwischen 1989 und 2003 etwa 250.000 Menschen ums Leben, etwa eine Million Menschen wurden aus dem Land vertrieben. In den Kämpfen versuchten Warlords, politische Macht und Rohstoffe zu erstreiten, außerdem ging es um ethnische Konflikte zwischen verschiedenen Volksgruppen. Bis heute hat sich das Land nicht von den blutigen Auseinandersetzungen erholt, die Arbeitslosigkeit ist enorm hoch und die Wirtschaft instabil. Eine etwa 15.000 Mann starke Uno-Friedenstruppe ist weiterhin in Liberia stationiert.

Blahyis Geständnis vor der Wahrheitskommission belegt, wie im liberianischen Bürgerkrieg archaische Sitten wieder auflebten. In der Ausnahmesituation des blutigen Konflikts suchten manche Soldaten Zuflucht bei Geistern.

Blahyi, der bereits als Elfjähriger traditionelle Priesterweihen empfangen hatte, handelte in seinen Truppen nach alten mystischen Traditionen. Er habe sogar zögerliche Mitstreiter überzeugt, dass es wichtig sei, vor Schlachten Menschenopfer zu bringen. "Sie wollten, dass ich die Rituale im Verborgenen durchführe, aber manche Opferhandlungen sollen eine Zeremonie sein, deshalb machten meine Jungs und ich das auch vor den anderen." Woher er die Kinder nahm, wollte Blahyi nicht sagen.

Er habe lange nach einer Möglichkeit gesucht, seine Geschichte zu erzählen, jetzt fühle er sich erleichtert, sagte Blahyi. Wenn er geständig sei und um Vergebung bitte, könne das helfen, die Wunden seines Landes zu heilen. Deshalb forderte er auch andere frühere Kriegsherren auf, über ihre Greueltaten im Bürgerkrieg zu berichten.

Vom Kriegsherr zum Prediger

Im Jahr 1996 verließ Blahyi das Militär - weil ihm in einer Schlacht Gott erschienen sei und gesagt habe, er tue Satans Werk. Danach zog der Geläuterte als christlicher Wanderprediger durch Straßen und Kirchen der liberianischen Hauptstadt Monrovia, verteilte Audiokassetten mit seinen Sermonen. "Ich predige gegen Mord und gegen Menschenopfer", sagte Blahyi. Bei seinen Ausführungen vor der Wahrheitskommission bat er um Gnade. "Ich könnte auf dem elektrischen Stuhl landen, ich könnte gehängt werden", - doch Vergebung sei der richtige Weg.

In einem krisengeschüttelten Land, in dem Viele nur die Schrecken der Vergangenheit vergessen wollen, könnte er tatsächlich glimpflich davonkommen. Denn die Wahrheitskommission selbst ist kein Kriegsverbrechertribunal, sie kann niemanden verurteilen, sondern lediglich ein Gerichtsverfahren vorschlagen. Schon häufen sich die Stimmen, die einen Justizapparat fordern, der Kriegsverbrecher zur Verantwortung zieht. "Wenn jemand zugibt, mit seiner Gruppe 20.000 Menschen umgebracht zu haben, dann sollte es einen Mechanismus geben, der für Gerechtigkeit sorgt", sagte Mulbah Morlue, Leiter eines Forums zur Errichtung eines Kriegstribunals in Liberia.

Der ehemalige Rebellenführer Prince Johnson etwa, der heute Kongressmitglied ist, weigert sich, vor der Wahrheitskommission auszusagen. Er gilt als mitverantwortlich für die brutale Ermordung des Staatspräsidenten Samuel Doe, die auch auf einem Video festgehalten wurde. Er werde erst vor die Kommission treten, wenn jemand ihn direkt eines Verbrechens bezichtige, sagte Johnson. Was er sagen wird, scheint nach der bisherigen Arbeit der Wahrheitskommission vorhersehbar. Denn eigentlich findet jeder, ob Politiker oder General, dort immer die gleiche Begründung: Man sei "von einem Dämonen besessen gewesen".

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