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Flüchtlingsdrama: Polio-Ausbruch in Syrien bedroht ganz Nahost

Von Ulrike Putz, Beirut

Polioverdächtiges syrisches Kleinkind im Libanon: Angst vor der Seuche Zur Großansicht
REUTERS

Polioverdächtiges syrisches Kleinkind im Libanon: Angst vor der Seuche

Viele Tausende Neugeborene sind wegen des Krieges in Syrien nicht gegen das Polio-Virus geimpft worden, deshab grassiert dort wieder die Kinderlähmung. Die Weltgesundheitsorganisation hat bereits zehn Fälle bestätigt. Nachbarländer fürchten nun die Ausbreitung der Seuche durch Flüchtlinge.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt Alarm: Im Nordosten Syriens ist es zu einem Ausbruch der als Kinderlähmung bekannten, hoch ansteckende Viruskrankheit Poliomyelitis gekommen. Bei zehn von 22 Verdachtsfällen in der an den Irak grenzenden Provinz Deir al-Sor sei das Polio-Virus nachgewiesen worden, berichtetet WHO-Sprecher Oliver Rosenbauer in Genf.

Schon Anfang des Monats hatte es die Befürchtung gegeben, dass die beinahe ausgerottete Krankheit in das Bürgerkriegsland zurückgekehrt ist: Bei 22 Kindern waren Lähmungserscheinungen beobachtet worden, wie sie für Polio typisch sind. Experten der WHO wiesen jetzt nach, dass mindestens zehn dieser - meist sehr kleinen - Kinder an der unheilbaren Krankheit leiden.

Normalerweise werden Kinder schon ab dem zweiten Lebensmonat mittels Schluckimpfung gegen Polio geimpft. Um den Schutz zu gewährleisten, wird der Impfstoff in den nächsten Lebensmonaten noch weitere drei Mal verabreicht.

Die WHO geht davon aus, dass die syrischen Kinder wegen des Bürgerkrieges nicht geimpft wurden. In Syrien galt Polio seit 1999 als ausgerottet.

Der Ausbruch der Viruskrankheit hat in Syriens Nachbarländern größte Sorge ausgelöst. Etwa 4000 Syrer flüchten jeden Tag über die Grenzen nach Jordanien, Irak, in die Türkei und in den Libanon. Die WHO warnte, dass das Virus sich durch die Flüchtlinge dorthin ausbreiten könne. Das Risiko dafür sei "hoch", sagte Sprecher Rosenbauer.

Angst vor Ausbreitung auch nach Europa

Der Libanon, wo sich zurzeit bis zu eine Million Syrer aufhalten, hat angekündigt, eine Impfkampagne für 700.000 libanesische und ausländische Kinder zu starten. So soll sichergestellt sein, dass tatsächlich alle Babys geimpft werden. Dazu sollen Aktivisten von Haus zu Haus gehen und auch auf Beiruts internationalem Flughafen ankommende Kinder den Impfstoff verabreicht bekommen.

Experten fürchten sogar, dass sich der aktuelle Polio-Ausbruch nicht auf den Nahen Osten beschränken könnte. Das Virus könne auch nach Europa schnell wieder eingeschleppt werden, warnte der Präsident des Robert Koch-Instituts in Berlin, Reinhard Burger, anlässlich des Welt-Polio-Tags am Montag. Auch wenn man der Ausrottung von Kinderlähmung nie so nahe gewesen sei wie heute, sei die Gefahr noch nicht gebannt. "Wenn wir es auf diesem letzten Stück nicht schaffen, die Krankheit zu besiegen, werden auch wir sie wieder haben."

Kinderlähmung ist eine unheilbare Krankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren trifft. Eine von 200 Infektionen mit dem Polio-Virus führt zu dauerhaften Lähmungen. Etwa fünf bis zehn Prozent der Gelähmten sterben, weil ihre Atemmuskeln unbeweglich werden.

1988 startete die WHO ein globales Programm zur Ausrottung der Kinderlähmung. Die Zahl der Infektionen ist seither um mehr als 99 Prozent zurückgegangen - von geschätzt 350.000 im Jahr 1988 auf 223 im Jahr 2012. Vor den jetzigen Fällen in Syrien trat Polio in diesem Jahr nur noch in drei Ländern gehäuft auf: Afghanistan, Nigeria und Pakistan. 1988 waren noch 125 Länder betroffen. In Deutschland gab es 1992 die letzten Polio-Fälle.

mit Material von dpa

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1. Impfverweigerung
Shaun das Schaf 29.10.2013
Kinderlähmung ist eine schreckliche Erkrankung. In der Nachkriegszeit gab es auch in Deutschland Polio-Fälle. Dann kam die Schluckimpfung. Ein paar Tropfen Impfstoff auf einem Würfelzucker und das Kind ist geschützt.In Afrika ist Polio noch eine Gefahr. Die Impfung wird häufig verweigert, weil es eine Ablehnung aller westlichen Errungenschaften gibt. Das trifft vor allem auf die muslimischen Staaten nördlich der Sahara zu. Die genannten Gründe für die Ablehnung sind häufig grotesk., aber sie sind tief verwurzelt.
2. Waere nett, etwas uber den Uebertragungsweg zu erfahren,
hdudeck 29.10.2013
so muss ich (und andere Interesierte) wieder einmal selber Nachschlagen. Sowas gehoert einfach in einen solchen Artikel. Ohne diese Information verstehe ich z.B. nicht, wieso Polio in ein Land zurueckkehren konnte, das praktisch frei von Polio war und nur noch in drei Laendern vorkam.
3. Ja fein :)
sebastian.teichert 29.10.2013
Jetzt kommen sie nicht nur noch so und kosten Geld... Nein. Schleppen sie Polio auch noch mit nach Europa... -.- Alle Arbeit die man investiert hat zerstört weil ein paar Länder nicht mal Dreck unter den Fingernägeln garantieren können -.-
4. Wir haben doch ach so überzeugte Impfgegner,
docmillerlulu 29.10.2013
die können sich - haben ja nix besseres zu tun als die Menschen zu belügen - um diese bedauernswerten Kinder zu kümmern. Die konnten sich noch nicht einmal so eine krude Weltanschauung aussuchen, diese Menschen hatten einfach keinen Zugang zu lebensrettenden Impfstoffen. Dumm nur wenn sie sich über nicht geimpfte Menschen/Flüchtlinge jetzt Polio in ihre Familien holen. Da wird dann der Hordenschutz ganz plötzlich dünn.
5. Verweigerung
brehn 29.10.2013
Zitat von Shaun das SchafKinderlähmung ist eine schreckliche Erkrankung. In der Nachkriegszeit gab es auch in Deutschland Polio-Fälle. Dann kam die Schluckimpfung. Ein paar Tropfen Impfstoff auf einem Würfelzucker und das Kind ist geschützt.In Afrika ist Polio noch eine Gefahr. Die Impfung wird häufig verweigert, weil es eine Ablehnung aller westlichen Errungenschaften gibt. Das trifft vor allem auf die muslimischen Staaten nördlich der Sahara zu. Die genannten Gründe für die Ablehnung sind häufig grotesk., aber sie sind tief verwurzelt.
Gibt auch bei uns genug dumme, welche ihren Kindern solche Impfungen verweigern. Die Gründe sind auch nicht weniger grotesk...
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