Ex-Uno-General Roméo Dallaire "Sie kämpfen wie Soldaten - aber sie sterben als Kinder"

Weltweit setzen Armeen und Milizen Jungen und Mädchen als Kindersoldaten ein. Ex-Uno-General Roméo Dallaire will die Warlords davon überzeugen: Das ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch taktisch falsch.

Roméo Dallaire Child Soldiers Initiative

Von Susanne Maria Krauß


Von Syrien über die Demokratische Republik Kongo bis nach Nigeria und Myanmar: In zahlreichen Konflikten der Welt kämpfen Kindersoldaten. Missbraucht als menschliche Schutzschilde, Spione, Wasserträger oder Sexsklavinnen. "Sie kämpfen wie Soldaten - aber sie sterben als Kinder", sagt der pensionierte Uno-General Roméo Dallaire, der heute weltweit gegen die Rekrutierung von Kindersoldaten vorgeht.

Rückblick: 1994 leitet Dallaire den Einsatz der Blauhelmsoldaten in Ruanda. Der Kanadier warnt seine Vorgesetzten in New York vor ethnischen Massakern - und findet kein Gehör. Und so spielt sich vor seinen Augen der Genozid ab. In hundert Tagen werden mehr als 800.000 Menschen grausam umgebracht. Mit Macheten, Knüppeln, Schusswaffen. Und manchmal sind jene, die sie in den Händen halten, noch Kinder. Diese Bilder haben sich in Dallaires Gedächtnis eingebrannt.

"Er zielte genau auf meinen Kopf", erinnert sich Dallaire und macht mit Daumen und Zeigefinger eine Schussbewegung. Sein Uno-Fahrzeug wurde damals an einem Checkpoint gestoppt. Hinter dem improvisierten Schlagbaum stand ein Junge, kaum 15 Jahre alt, die Waffe auf ihn gerichtet. "Mir ist damals nichts anderes eingefallen, als ihm einen Schokoriegel anzubieten." Der Junge griff danach, ließ seine Waffe sinken, und die Anspannung der hochriskanten Situation löste sich.

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Kindersoldaten in Afrika: Der Kampf des Roméo Dallaire

Stahlblaue Augen, akkurat gestutzter Schnurrbart, Anzug. Auch mit 71 Jahren macht Dallaire Eindruck. Sein militärisches Wissen aus mehreren Einsätzen nutzt er heute für seine neue Aufgabe. "Kinder als Soldaten zu missbrauchen, ist unmenschlich und grausam. Doch es gibt in dieser Diskussion auch einen militärischen, einen strategischen Ansatz, und damit haben sich Organisationen bisher noch nicht befasst", sagt er. Tatsächlich verstehen Hilfsorganisationen bisher ihr Mandat so, ehemalige Kindersoldaten psychologisch zu betreuen und ihnen bei der Reintegration in ein normales Leben zu helfen.

Dallaires Organisation mit dem Namen Child Soldier Initiative setzt hingegen bei den Faktoren an, die dazu führen, dass Kinder für den Krieg rekrutiert werden. "Kinder sehen und hören besser als Erwachsene, sind schnell und leicht manipulierbar. Außerdem muss man sie oft nicht einmal bezahlen", zählt Dallaires Mitarbeiterin Dr. Shelly Whitman zunächst trocken die Vorteile auf. "Doch sie sind gleichzeitig weniger zuverlässig, können beispielsweise militärische Geheimnisse verraten, sind anfälliger für Krankheiten und Verletzungen und brechen auch einfach mal zusammen, weil sie Heimweh haben."

"Wir sprechen über die Realität im Busch"

Mit dieser Analyse und anderen militärisch-strategischen Überlegungen konfrontiert Dallaires Organisation die Warlords der Welt. "Das Spannende des Ansatzes ist, dass wir mit ihnen kein theoretisches Gespräch über internationale Gesetze führen", sagt Whitman, die in ihrer beruflichen Vergangenheit bereits mit vielen Rebellengruppen verhandelt hat. "Wir sprechen über die Realität im Busch."

Diese grausame Realität im Busch kennt Tuma Amani* nur zu gut. Lange Märsche, extremer Hunger, Alkohol und Drogen gegen die Angst und die Albträume. Der 16-Jährige war fast die Hälfte seines Lebens Kindersoldat in der Demokratischen Republik Kongo. Erst vor wenigen Wochen ist er in der Provinzhauptstadt Goma im Nordosten des Landes in einer Zwischenunterkunft für ehemalige Kindersoldaten angekommen. Bis vor Kurzem hat er noch für eine Rebellengruppe namens Nyatura gekämpft. "Ich gehörte zur Eskorte für unseren Kommandanten. Als eines Tages mein Kommandant in die Hände der Polizei fiel, wurde ich als Verräter verdächtigt", berichtet der Junge leise. "Da wusste ich, dass mein Leben in Gefahr ist. Ich habe so getan, als müsste ich pinkeln gehen, und bin abgehauen." Ihm gelang die Flucht. Nach sieben Jahren als Kindersoldat.

40 Prozent der Kindersoldaten sind Mädchen

"Die Situation im Kongo ist alarmierend", sagt Bassem Saadallaoui, Unicef-Büroleiter in Goma. Nach einem Bericht von Human Rights Watch hat sich zwischen 2015 und 2017 die Zahl der bewaffneten Gruppen im Osten Kongos von 60 auf über 120 mehr als verdoppelt. "Die meisten dieser Gruppen haben Kindersoldaten in ihren Reihen", sagt Saadallaoui. Nach Schätzungen von Unicef waren 2017 rund 3600 Kinder in der Gefangenschaft bewaffneter Gruppen im Ostkongo. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. "Wer weiß schon, welche der Rebellengruppen nächste Woche wieder Dörfer überfällt und weitere hundert Kinder verschleppt", sagt Dallaire.

Laut einem Berichts des Uno-Generalsekretärs von 2017 sind heute weltweit sieben staatliche Militärs und 56 nichtstaatliche bewaffnete Gruppen dafür bekannt, Kinder für den Krieg zu missbrauchen. Die Boko-Haram-Mädchen in Nigeria und Kinder, die in den Reihen der Islamisten einer Gehirnwäsche unterzogen werden, haben dem Thema zu neuer Aufmerksamkeit verholfen. In ihrem Schatten leiden jedoch auch in Darfur, im Südsudan, in der Zentralafrikanischen Republik oder in Myanmar Kindersoldaten unter Tyrannei und Missbrauch. 40 Prozent von ihnen sollen laut Uno-Bericht Mädchen sein, die Haushaltsarbeiten übernehmen und oft als "Ehefrauen" missbraucht und vergewaltigt werden.

Dallaires Organisation bildet Militärs und Polizisten aus

"Wir können nicht beeinflussen, dass die Zahl der Konflikte weltweit ansteigt", sagt Dallaire. Doch seine Organisation bringt beispielsweise Militärs, Polizisten und Uno-Blauhelmen bei, wie sie taktisch reagieren können, wenn bei Operationen plötzlich Kindersoldaten auftauchen. "Zu glauben, dass ein Soldat dann intuitiv richtig reagiert, ist naiv!", sagt der pensionierte General. Schießt er, tötet er vielleicht ein Kind. Zögert er, ist sein eigenes Leben in akuter Gefahr.

Deshalb hat Dallaires Organisation Trainingsmodule entwickelt. Im Sommer etwa wurden 800 ruandische Soldaten über zwei Wochen lang ausgebildet, die kurz vor einem Uno-Friedenseinsatz in Darfur stehen. "Wir gehen verschiedenste Szenarien in Rollenspielen und Simulationsübungen durch", beschreibt Whitman das Training. "Ein Soldat sollte die Begegnung mit einem Kindersoldaten neun bis zehn Mal durchgespielt haben, damit er im Ernstfall richtig reagieren kann und nicht seine Emotionen die Situation steuern." Noch in diesem Jahr soll auch das kongolesische Militär ausgebildet werden. Es wurde erst im vergangenen Jahr von der Uno-Liste der staatlichen Streitkräfte gestrichen, die selbst Kindersoldaten in ihren Reihen haben.

* Name geändert

Im Video: Kindersoldat Nadim - Interview mit ehemaligem IS-Gefangenen

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Fuxx81 08.10.2018
1. Aus der Not geboren
---Zitat--- Das ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch taktisch falsch. ---Zitatende--- Ich bin sicher die Warlords würden liebend gern ausgebildete Veteranen einsetzen, wenn sie die hätten und die für sie arbeiten wollten...
p-touch 08.10.2018
2. So lange sich die
Hintermänner keine all zu große Sorgen über Strafverfolgung und Strafen machen müssen wird sich da nie was ändern.
Beat Adler 08.10.2018
3. Es geht nicht "nur" um Kampf sondern auch um Indoktrination.
Zitat von Fuxx81Ich bin sicher die Warlords würden liebend gern ausgebildete Veteranen einsetzen, wenn sie die hätten und die für sie arbeiten wollten...
Es geht nicht "nur" um Kampf sondern auch um Indoktrination. Wer im Kindesalter eingebleut bekommt, dass der Anfuehrer der bewaffneten Bande gottgleich ist, so wie z.B. Joseph Koni, der Chef der Lords Resistance Army, ist so gehirngewaschen, dass das Kind in der Folge jeden Befehl ohne nachzudenken ausfuehrt. Das war auch der Grund, warum die Anfuehrer vor 85 Jahren, zur Zeit des 12 Jahre lang andauernden 1000-jaerhigen Reiches Kinder abrichteten, wie es heute der Islamische Staat in seinem Einflussgebiet tut. Dass der SPON ueber die Verhaeltnisse hier vor Ort, in der D.R.Kongo, schreibt, ist einmal lobenswert. In keinem anderen Land wurden in den vergangenen 18 Monaten durch die im Artikel erwaehnten 120 bewaffneten Gruppierungen mehr Menschen zur Flucht getrieben wie hier. Es sollen 4.5 Millionen von ca. 80 Millionen Einwohnern sein. mFg Beat z.Z. D.R.Kongo
reever_de 08.10.2018
4.
Kindersoldaten sind leicher zu rekrutieren, schnell ausgebildet, leichter beinflußbar/indoktrinierbar und halten loyaler zur ihrer „Vaterfigur“ als erwachsene Rekruten. Und da sie dann für die Gegenseite völlig unberechenbar sind, geht auch eine gehörige Portion Angst und Furcht von ihnen aus. Und: würde eine westliche Schutztruppe, z.B. die Bundeswehr, im Einsatz auf sie schiessen? Nein. Das wissen die Bosse dort genau .... Von daher fürchte ich, wird es mir der Überzeugung der Warlords letztlich leider nicht viel werden.
Beat Adler 08.10.2018
5. Banden mit Kindersoldaten werden nur selten in Kaempfe verwickelt.
Banden mit Kindersoldaten werden nur selten in Kaempfe verwickelt. Die Meisten unter ihnen haben gar nicht genug Munition dazu. Im Dezember 1999 begegnete ich zum ersten Male solchen bewaffneten Maennern in der D.R.Kongo, keine Kinder darunter, auf der Strecke zwischen der ugandischen Grenze und Watsa im Nordosten der D.R.Kongo. Sie trugen rostige AK47 bei sich. Die Holzteile wurden von Draehten und Klebeband zusammen gehalten, keine Ersatzmagazine auf der Brust. Leider schiesst das Ding auch in diesem Zustand :-( Sie wollten meine Papiere sehen. Auf meine Frage: Warum? Antwortete der Anfuehrer, der noch eine rostige Makarov im Guertel stecken hatte, dass er fuer die Sicherheit der Region verantwortlich sei. Ich fragte dann zurueck, was dann wohl die Polizisten in den blauen Uniformen, ausgeruestet mit nickel-nagel neuen M16 Sturmgewehren hier vor Ort tun? Wir diskutierten eine Weile, selbstverstaendlich ein paar Witze reissend, ueber wer denn nun fuer Sicherheit oder Unsicherheit zustaendig sei und ueber Fussball! Darf nie fehlen! Diese Banden terrorisieren, marodieren, massakrieren, meist munitionsparend mit Macheten, vergewaltigen, siehe die Berichte ueber den Friedensnobelpreistraeger Mukwege, stehlen, aber sie werden leider viel zu selten in Kaempfe gegen disziplinierte Soldaten oder Polizisten verwickelt.
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