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Kindersterblichkeit: Der vermeidbare Tod

Von Thomas Joppig

Die Tragik wiederholt sich durchschnittlich etwa alle drei Sekunden: Irgendwo auf der Welt stirbt ein Kind noch vor seinem fünften Geburtstag. In zwei von drei Fällen wäre dies mit kostengünstigen Hilfsmitteln zu vermeiden. 25 führende Wissenschaftler haben nun dazu eine umfangreiche Studie vorgelegt.

Mutter im Sudan: Stillen als Krankheitsvorbeugung
DPA

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Detlef Hiller kennt die einfachen Mittel, um ein Leben zu retten. Der Referatsleiter der Kindernothilfe für Asien und Osteuropa ist gerade von einer Reise durch den Nordirak zurückgekommen. Die Kindersterblichkeit, sagt er, sei dort enorm. Und die Gründe dafür meist leicht behebbar. Mit einer Tablette zum Desinfizieren von Wasser zum Beispiel. Die kostet nur wenige Cent und reicht für mehrere Liter.

Fehlende Muttermilch als Todesursache

Ist das Wasser verunreinigt, führt das meist zu kaum zu stoppendem Durchfall. Die Kinder trocknen aus und sterben. Denn Krankheitserreger stoßen in den kleinen Körpern auf wenig Widerstand; das Immunsystem ist bereits geschwächt. Eine der Hauptursachen: Die Kinder werden nicht lange genug gestillt. Manchmal, weil die Mütter selbst ausgemergelt sind, manchmal aber auch, weil sie es einfach nicht besser wissen. Ohne die Abwehrkräfte und die Energie aus der Muttermilch ist jedoch das Risiko, an Durchfall zu erkranken sieben Mal größer als bei ausreichend gestillten Kindern.

Doch von solchen Statistiken wissen die Menschen in den nordirakischen Dörfern nichts: "Die meisten Eltern, die wir dort südlich der Kurdengebiete besucht haben, können weder lesen noch schreiben", sagt Detlef Hiller. "Sie wissen nicht, wie lange die Kinder gestillt werden müssen, wie viel Wasser sie ihnen zu trinken geben müssen und wie sie dieses Wasser säubern können. Da lässt sich die Kindersterblichkeit durch entsprechende Aufklärung deutlich senken."

Aufrüttelnde Zahlen

Ein Beispiel von vielen. Weltweit, so die jüngst im britischen Wissenschaftsmagazin "Lancet" veröffentlichte internationale Bellagio-Studie, sterben jährlich mehr als zehn Millionen Kinder bevor sie das fünfte Lebensjahr erreichen. Die Hälfte der Todesfälle wurde im Jahr 2000 in nur sechs Ländern registriert: Indien, Nigeria, China, Pakistan, Kongo und Äthiopien.

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Die 25 beteiligten Wissenschaftler, beschäftigt an Universitäten, bei der Weltbank, der Uno und bei Hilfsorganisationen, nennen hierfür eine aufrüttelnd große Zahl an vermeidbaren Ursachen.

Neben Durchfall sind Malaria und Lungenentzündung die häufigsten Todesursachen von Kindern - seit mehr als zwanzig Jahren. Doch eigentlich bräuchte man weder auf neue Impfstoffe und Medikamente zu warten, noch auf neue Technologien, sagt Gareth Jones vom United Nations Childrens Fund in New York. Es komme schlichtweg darauf an, Nahrungsmittel und die bereits bekannten Medikamente zu den Betroffenen zu bringen.

Große Worte, kleine Wirkung

Gute Vorsätze gab es bereits vor dreizehn Jahren. Auf dem Weltkindergipfel 1990 in New York fassten über 70 Staats- und Regierungschefs den Vorsatz, dass es zehn Jahre später kein Land mehr geben solle, in dem mehr als sieben Prozent der lebend geborenen Kinder sterben müssen. In 55 Ländern lag damals allein die Kindersterblichkeit der unter Fünfjährigen bei mindestens zehn Prozent. Zehn Jahre später, waren es, trotz aller schönen Worte, noch immer 51 Länder.

Im Rahmen des "Aktionsprogramms 2015" zur Armutsbekämpfung wurde im vergangenen Jahr nun das Ziel gefasst, die Kindersterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren bis 2015 um zwei Drittel zu senken.

Dass dieses Ziel weltweit umgesetzt wird, erscheint offenbar selbst den Initiatoren fraglich. Auf der Website der Bundesregierung zum Aktionsprogramm ist eine Erdkarte abgebildet, auf der eine ganze Reihe von Ländern markiert ist, in denen die Reduzierung bereits jetzt als "unwahrscheinlich" oder "sehr unwahrscheinlich" eingestuft wird.

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AP

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So unerreichbar erscheint den Autoren der Bellagio-Gruppe das Ziel indes nicht. Wer heute auf die individuellen Todesursachen der Kinder schaue, stelle fest, mit welch einfachen Hilfsmitteln viele von ihnen gerettet werden könnten. Ganz oben auf der Liste der viel versprechenden Maßnahmen stehen Lebensmittelhilfen für die Mütter, damit sie ihre Babys stillen können, Nahrung und sauberes Wasser für die Kinder, Schutzimpfungen gegen Masern sowie Moskitonetze mit Insektengift, um die Verbreitung von Malaria einzudämmen. "Das Überleben der Kinder muss wieder auf die Tagesordnung, damit das Wissen schnell in Taten umgesetzt werden kann", schreibt die Bellagio-Gruppe.

Aus den Köpfen verschwindet das Thema leider allzu oft - nicht nur bei Staatenlenkern, sondern auch bei privaten Spendern. Die Hilfsbereitschaft der Deutschen war einer Umfrage zufolge bei Hilfsorganisationen im vergangenen Jahr trotz Wirtschaftsflaute zwar groß - sie richtete sich aber vor allem an die Hochwasseropfer in Ostdeutschland. Hilfsorganisationen, die sich vor allem im Ausland engagieren, verzeichneten deutliche Spendeneinbußen. Besonders stark betroffen waren Care Deutschland und die Deutsche Welthungerhilfe, die jeweils ein Minus von rund 20 Prozent verzeichneten.

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AP

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Katastrophen, sagt auch Detlef Hiller von der Kindernothilfe, führen dazu, dass weniger Geld für die langfristigen Projekte übrig bleibe. Zwar verfüge die Hilfsorganisation dank vieler Patenschaften für Kinder in Entwicklungsländern über einen recht treuen Spenderkreis. Doch es werde zunehmend schwerer, neue Paten zu gewinnen. Der Trend, aus einem aktuellen Anlass heraus zu spenden, ohne sich langfristig an eine Organisation zu binden, nehme zu.

Mehr als Akuthilfe leisten

Dabei ist gerade bei der Bekämpfung von Kindersterblichkeit langer Atem nötig, um nicht nur Akuthilfe zu leisten, sondern langfristige Erfolge zu erzielen. So empfiehlt die Bellagio-Gruppe, die erforderlichen Maßnahmen weltweit zentral zu koordinieren und starke Gesundheitssysteme in den betroffenen Ländern aufzubauen - nach dem Prinzip "Hilfe zur Selbsthilfe".

Die jährlichen Kosten für die wichtigsten Präventions- und Behandlungsmaßnahmen von Kindern beziffern die Autoren mit 6,5 Milliarden Euro pro Jahr. Das wäre weniger als die Hälfte dessen, was in den USA und Europa jährlich für Haustierfutter ausgegeben wird.

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