Kirchner-Wahlsieg Argentinien setzt auf das Projekt K

Ihr Erdrutschsieg ist auch eine Verpflichtung: Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner hat nun den Spielraum, auch unpopuläre Reformen durchzusetzen. Denn das Land kämpft mit einer extremen Inflation - und auch auf den Boom, der ihr zur Wiederwahl verhalf, darf sich das Land nicht verlassen.

REUTERS

Aus Rio de Janeiro berichtet


Ihr letzter Gruß war ein Versprechen. "Ich werde Sorge tragen, dass Du in die Geschichte eingehst", flüsterte Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hinter vorgehaltener Hand ihrem verstorbenen Mann zu, der in ihrem gemeinsamen Haus in Patagonien aufgebahrt war. Das war am 27. Oktober 2010, Néstor Kirchner war kurz zuvor einem Herzinfarkt erlegen.

Fast genau ein Jahr später hat seine Witwe ihr Versprechen erfüllt: Mit fast 54 Prozent wurde Cristina wiedergewählt - ein Erdrutschsieg. Seit Juan Domingo Perón, der von 1946 bis 1955 regierte, hat kein argentinischer Präsident so hoch gewonnen. Ihr erster Dank galt "ihm": Néstor, dem sperrigen Mann aus dem kalten Patagonien, der die Pampa-Republik nach dem Crash von 2001 wieder auf die Beine gebracht hat.

Néstor und Cristina, das ist die erfolgreiche Wiederauflage des legendären Präsidentenpaares Perón und Evita - mit dem Unterschied, dass Cristina das politische Erbe ihres Mannes schon zu dessen Lebzeiten antrat. Zu Evitas Zeiten wäre das undenkbar gewesen, erst unter Perón erlangten die Frauen überhaupt das Wahlrecht.

Unter Cristina ist das "Projekt K", das Lebenswerk der Kirchners, mit dem Peronismus zu einer politischen Kraft verschmolzen, die Argentiniens politische Szene auf Jahre hinaus dominieren dürfte. Wer nach Néstors Tod gezweifelt hatte, ob die Witwe zu einem politischen Solo in der Lage sei, wurde in den vergangenen Monaten eines Besseren belehrt.

Aus dem Mitleid geschickt politisches Kapital geschlagen

Néstor war schroff im Umgang mit Freunden und Verbündeten, aber er war ein gewiefter Stratege. Wenn es nötig war, handelte er mit den mafiösen peronistischen Provinzbossen Hinterzimmer-Deals aus und sicherte so das Überleben des "K-Projekts". Cristina dagegen galt als schnippisch und arrogant, in den ersten Amtsjahren legte sie sich gleichzeitig mit der Presse, den Landwirten und dem Establishment der Hauptstadt an. Die Elite von Buenos Aires verachtete die Aufsteigerin aus der Provinz.

Doch seit Néstors Tod erleben die Argentinier eine gewandelte Cristina: Sie hat ihren Frieden mit den Bauern gemacht, die Gewerkschaften kaltgestellt und aus dem Mitleid, das ihr als trauernde Witwe entgegen gebracht wird, geschickt politisches Kapital geschlagen. Immer noch geht sie in Schwarz. Gelegentlich weint sie in der Öffentlichkeit, auch gesundheitlich ist sie angeschlagen. Bei vielen Argentiniern bringt ihr das Sympathiepunkte.

Früher hat sie ihr Privatleben abgeschirmt, neuerdings treten ihre Kinder Florencia und Máximo in der Öffentlichkeit auf. Florencia lebt mit ihr in der Präsidentenresidenz Olivos. Außerdem wohnen ihre Mutter, ihre Schwester sowie eine Cousine und deren Töchter bei Cristina: Die Machorepublik Argentinien wird von einem Matriarchat regiert.

Wachstumsraten von über sieben Prozent

Nur Sohn Máximo lebt in Rio Gallegos, der Heimatstadt der Kirchners im Süden. Er ist einer der Mitbegründer von "La Cámpora", der Jugendorganisation der Peronisten. In 15 Bezirken von Buenos Aires unterhalten die Cámpora-Leute Stadtteilbüros. Diese Jungen sind das Gesicht eines neuen Peronismus: Sie sind Studenten, Freiberufler und Angestellte der Mittelschicht. Cristinas Vizepräsident Amado Boudou steht der Organisation nahe, am Wochenende spielt er in einer Rockband. Unter Cristina hat der Peronismus die Hauptstadt erobert.

Es gibt ein Leben nach dem Crash - das ist die Erfahrung des Argentiniens der Kirchner-Jahre. Unter Néstor mussten Argentiniens Gläubiger 75 Prozent ihrer Anlagen abschreiben. Das Land wurde zum Paria der internationalen Finanzwelt. Doch die Kirchners hatten Glück: Vor allem in Asien wuchs der Bedarf nach argentinischer Soja und anderen Agrarprodukten, das boomende Brasilien nahm Autos und andere Industriegüter ab. Die Soja-Dollars aus China und der Kaufdrang der Brasilianer bescherten Argentinien Wachstumsraten von zeitweise über sieben Prozent. Cristina leitete einen Großteil dieser Einkünfte in Sozialprogramme, erhöhte die Gehälter der Staatsbeamten und kurbelte den Konsum an - das hat sich am Wahltag nun ausgezahlt.

Allerdings fragen sich viele Experten, wie lange der Boom noch anhält. Argentinien kann sich nicht auf Dauer von der Weltwirtschaftskrise abkoppeln. Wenn China weniger Soja kauft oder die Lokomotive Brasilien schwächelt, schlägt das sofort auf die Haushaltskasse in Buenos Aires durch. Ohnehin traut keiner den Wirtschaftsdaten der Regierung: Sie manipuliert die Statistiken, die Inflationsrate hat sie auf knapp zehn Prozent schöngerechnet - tatsächlich liegt sie bei mindestens 30 Prozent.

Cristina hat mit ihrem deutlichen Wahlsieg Spielraum für unpopuläre Maßnahmen gewonnen. Ob sie den zur Sanierung des Haushalts nutzt, ist allerdings fraglich. In Buenos Aires wird spekuliert, ob die "Presidenta" ihr politisches Kapital womöglich an einer anderen Front verbraucht: für eine Verfassungsreform, die ihr das Recht auf eine weitere Wiederwahl in vier Jahren sichern könnte.

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insgesamt 2 Beiträge
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dommanolito 25.10.2011
1. Falsches Foto!
Grober Fehler in der Fotogalerie: Bild 5 zeigt nicht Evita Peron im Jahr 1974 (das ginge auch gar nicht, weil Evita schon 1952) sondern Isabel Perón, die zweite Frau Peróns - die im übrigen in Argentinien zutiefst verhasst ist.
hansulrich47 25.10.2011
2. Das glaube ich nicht!
Zitat von sysopIhr Erdrutschsieg*ist auch eine Verpflichtung:*Argentiniens*Präsidentin Cristina Kirchner hat nun den Spielraum, auch unpopuläre*Reformen durchzusetzen. Denn das Land kämpft mit einer extremen Inflation - und auch*auf den Boom, der ihr zur Wiederwahl verhalf, darf sich das Land nicht verlassen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793802,00.html
Argentinien ist ein schönes Land, nur die Menschen!! Die Wahlsiegerin wird keine Reformen machen, sondern Reförmchen. Genauso wie bisher wird die Realität einfach ignoriert. Da bin ich leider sicher. Bisher wurde einfach die Statistik gefälscht, um die Inflation ignorieren zu können. Damit wird man weitermachen und im Zweifel die Nachbarn beschimpfen, wie Uruguay oder Brasilien oder die bösen Engländer, die immer noch die Malvinas besetzt halten und sie bösartig Falkland islands nennen.
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