Kämpfe im Irak Die schwarze Woche der Kurden

Peschmerga bedeutet so viel wie "zum Tode bereit": Doch nun verloren die kurdischen Kämpfer binnen Tagen fast die Hälfte ihres Gebiets im Irak - ohne viel Widerstand. Politisch ist dieses Fiasko hochbrisant.

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In den 14 Jahren seit dem Sturz von Diktator Saddam Hussein hatte sich die kurdische Autonomieregierung im Irak viel aufgebaut - und nun innerhalb einer Woche einen großen Teil wieder verloren. Da sind zum einen die Gebietsverluste: Praktisch das gesamte Areal, das die Peschmerga - die kurdischen Sicherheitskräfte - 2014 im Nordirak eingenommen hatten, ist in den vergangenen Tagen von irakischen Regierungstruppen und schiitischen Milizen zurückerobert worden.

Allen voran die Stadt Kirkuk und die gleichnamige ölreiche Provinz: Viele bezeichnen die Stadt wegen ihrer symbolischen Bedeutung als "kurdisches Jerusalem". Als am Montag irakische Armee und schiitische Volksverteidigungseinheiten in die Stadt einrückten, lösten sie eine Massenflucht aus. Die Peschmerga leisteten kaum Widerstand. Zwar verhinderten sie damit ein größeres Blutvergießen - zerstörten aber zugleich den Mythos von den furchtlosen kurdischen Kämpfern. Schließlich bedeutet Peschmerga frei übersetzt: "Die zum Tode Bereiten".

Von diesem Ruf ist nach dieser Woche nicht mehr viel übrig geblieben, in der die kurdischen Kämpfer rund 40 Prozent des von ihnen gehaltenen Territoriums verloren. Am Freitag nahmen Kräfte von irakischer Armee, Polizei und Volksverteidigungseinheiten Altin Köprü ein, den letzten Ort in der Provinz Kirkuk, den die Peschmerga noch kontrollierten. Damit stehen Bagdads Truppen nun an der Grenze zur Autonomen Region Kurdistan - gerade einmal 50 Kilometer von der kurdischen Hauptstadt Arbil entfernt.

Barzanis Fehlkalkulation

Derzeit ist noch offen, ob die Regierungstruppen hier haltmachen. Am Freitag kam es an dieser innerirakischen Grenze zu den bisher schwersten Gefechten seit Ausbruch der Kämpfe am Montag. Sollten die Einheiten von Ministerpräsident Haider al-Abadi weiter vorrücken, stünde der Fortbestand der kurdischen Autonomieregion infrage, die nach Saddams Sturz 2003 in einem Sondergesetz anerkannt wurde. Der jetzige Vizepräsident und frühere Regierungschef Nuri al-Maliki forderte die Armee bereits auf, bis nach Arbil vorzurücken. Deshalb leisten die Peschmerga nun erbitterten Widerstand.

Dass es überhaupt so weit gekommen ist, liegt an einer schweren politischen Fehleinschätzung des Präsidenten der kurdischen Autonomieregion, Masoud Barzani. Er hatte am 25. September ein Referendum über die Unabhängigkeit von Irakisch-Kurdistan durchführen lassen. Mit diesem Schritt wollte er aber nicht nur das Autonomiegebiet aus dem Irak lösen, sondern auch jene Gebiete um Kirkuk, die seine Truppen im Sommer 2014 im Schatten des Kampfes gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) eingenommen hatten.

Uno, USA, EU, Türkei, Iran - mit Ausnahme Israels war die gesamte internationale Gemeinschaft gegen das Referendum. Trotzdem zog Barzani die Abstimmung durch. Die Konsequenzen zeigten sich in dieser Woche. Mit schweigender Billigung der Vereinigten Staaten und Europas hat Premier Abadi den Kurdenführer nun in die Schranken gewiesen. Damit positioniert sich der Regierungschef rechtzeitig zu den Parlamentswahlen im kommenden Jahr als durchsetzungsstarker Politiker und erhöht seine Siegchancen deutlich.

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Kurden im Irak: Kontrollverlust in Kirkuk

Barzani steht hingegen vor den Trümmern seines politischen Wirkens: Seit rund 50 Jahren kämpft er für die kurdische Unabhängigkeit - erst als Guerillero, dann als Politiker. Er vermittelte jahrelang den Eindruck, als sei Kurdistan schon ein funktionierender Staat, der nur noch auf seine Unabhängigkeit warte. Doch in dieser Woche hat sich gezeigt, wie fragil die kurdischen Institutionen sind.

Gibt es bald zwei kurdische Regionen im Irak?

Auch der tiefe Riss, der sich durch Kurdistans Gesellschaft und Politik zieht, ist nun offensichtlich geworden. Denn während Barzanis KDP den Konflikt mit Bagdad suchte und verlor, hat die zweite große kurdische Partei PUK offenbar einen Deal mit der irakischen Regierung geschlossen. Es waren nämlich in erster Linie PUK-treue Kämpfer, die Kirkuk widerstandslos geräumt hatten.

KDP und PUK sind seit 40 Jahren Konkurrenten. Mitte der Neunzigerjahre schlug die Rivalität in offene Feindschaft um und beide Seiten lieferten sich einen innerkurdischen Bürgerkrieg. In der Folge entstanden zwei parallel existierende kurdische Herrschaftsgebiete - die Gegend um Arbil kontrollierte Barzanis KDP, rund um das weiter südlich gelegene Sulaimanija herrschte die PUK unter Führung des kürzlich verstorbenen Dschalal Talabani. Nach 2003 wurde der innerkurdische Machtkampf in einem Kompromiss beigelegt. Doch diese Einigung ist nun Geschichte.

Möglich ist daher, dass sich die territoriale Spaltung nun wiederholt. Anstelle eines unabhängigen Staates Kurdistan gäbe es dann zwei rivalisierende kurdische Regionen im Irak.



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melnibone 22.10.2017
1. Endlich ein freies Kurdistan ...
da ist seit fast 100 Jahren eine gemeinsame Schuld der Völkergemeinschaft einzulösen! Überall kämpfen die Kurden für den ´Westen´ und ihre Freiheit.
frank.huebner 22.10.2017
2. Stellung beziehen!
Nun muss die Weltgemeinschaft, auch Deutschland, enmal deutlich Stellung beziehen: gesteht man den Kurden einen Staat zu oder waren die Kurden im Kampf gegen den IS nur Marionetten? Dass die Kurden nach Ende des Kampfes gegen den IS, ausgerüstet mit deutschen Waffen, eine UNabhängigkeit anstreben musste unseren Politikern klar gewesen sein. Ich fürchte, man lässt die Kurden nun am langen Arm verrecken. Die deutschen Berater werden sicher schnell abgezogen, die Waffen wird man nicht mehr zurückholen können. Malsehen, wann die ersten irakischen oder türkischen Panzer mit von Deutschland gelieferten MILAN-PzAbwLFK abgeschossen werden. Im Falle des Kosovos war man damals schnell bei einer Anerkennung, aber damals wollte man Serbien schwächen. Heute will man den Irak schonen, also springen die Kurden über das Messer. Deutschland ist und war nie neutral, auch wenn die Politker das gerne hätten. Mit den Waffenlieferungen haben wir bereits Partei ergriffen.
geotie 22.10.2017
3.
Je mehr Gebiete man kontrollieren muss und man immer weniger Soldaten hat, dann muss man sich wieder verkleinern. Alexander der Große hat mit der Zeit auch nur noch Schlachten geführt, um dann die gewonnenen Ländereien dem Volke wieder zu geben. Er hatte einfach keine Leute die dort die Regierungsgeschäfte für ihn übernehmen konnten.
ichsetzmichbessererstmal 22.10.2017
4.
Solange die Iraker nicht in die Gebiete vor 2014 vorrücken sehe ich da keinerlei Anlass einen Gesichtsverlust Barsanis herbeizureden. Ich empfinde das als äußerst Staatsmännisch wenn man Blutvergiesen verhindert. Die Bundesregierung sieht das wohl genauso, sonst würde die Bundeswehr nicht weiterhin die Peschmerga trainieren.
walter_de_chepe 22.10.2017
5. Die Türkei kennt sich dort aus
Wer die Brutalität von Kurden in Deutschland schon einmal erlebt hat, kann erahnen, was ein „Kurdenstaat“ für Folgen haben würde. Die Türkei kennt sich in der Region aus. Alle NATO-Staaten müssen der Türkei die Führungsrolle überlassen.
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