Kleinkrieg im Westjordanland "Ihr seid Hunde!"

Im Dorf Bilin knallt es jeden Freitag: Palästinensische Demonstranten schleudern Steine auf israelische Soldaten, die Truppe feuert Tränengassalven. Hier erprobt die Armee eine Kampfdoktrin, mit der sie der neuen Strategie des Gegners begegnen will - dem Massenprotest.

Aus Bilin berichtet Gil Yaron

Gil Yaron

Israels Armee gilt als eine der modernsten Streitkräfte der Welt. Trotzdem wirkt die Schlacht, die israelische Soldaten jeden Freitag in den Feldern des Dorfes Bilin im Westjordanland austragen, fast mittelalterlich. Das liegt nicht nur an der dicken Panzerung, die sich die Soldaten und Soldatinnen kurz vor Beginn der Scharmützel anziehen. Auch die Regeln des Schlagabtauschs erinnern an eine Zeit, in der sich edle Ritter nach ehernen Regeln tugendhaft die Köpfe einschlugen.

"Wo bleiben die nur?", fragt Oberstleutnant Schachar um 13 Uhr. Eigentlich müssten seine Kontrahenten längst im Olivenhain mehrere hundert Meter westlich von Bilin erschienen sein. Heute kommt die Menschenmenge zu spät, die ihn bald mit Steinen traktieren wird. Seine Soldaten pflegen mit Salven von Tränengas zu antworten. Fast unhöflich, diese Verspätung, schließlich wollen alle pünktlich zum Abendbrot wieder daheim sein.

Seit sechs Jahren kommt es am Stacheldrahtzaun, der sich mitten durch die Felder Bilins zieht, einmal pro Woche zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und israelischen Soldaten. Grund dafür sind die Sperranlagen, die Israel während der zweiten Intifada im Westjordanland errichtete. Der Staat wollte sich damit ursprünglich vor Angriffen palästinensischer Selbstmordattentäter schützen, die fast täglich Anschläge verübten. Doch der Selbstschutz war gleichzeitig eine massive Landnahme, die zwölf Prozent des Westjordanlandes von den palästinensischen Besitzern abtrennte.

Das Dorf Bilin verlor durch den Zaun rund 700.000 Quadratmeter Felder. Die Proteste begannen. Doch statt auf Terror setzte das kleine Dorfe bei Ramallah auf Demonstrationen gemeinsam mit israelischen Friedensaktivisten, gekoppelt mit Klagen vor israelischen Gerichten. Nach sechs Jahren Kampf kann Bilin einen Teilsieg feiern: Diesen Monat wird der Zaun laut dem Beschluss eines israelischen Gerichts demontiert werden. Die neue Trasse mehrere hundert Meter weiter westlich trennt dann "nur" noch 150.000 Quadratmeter ab.

"Wir sind hier doch nicht in Syrien"

Mit den wöchentlichen Protesten und dem symbolischen Sieg wurde Bilin zum Prototyp für unbewaffnete Aufstände gegen die Besatzungsmacht, die den Selbstmordterror inzwischen diplomatisch und militärisch besiegt hat. Die Proteste am Nakba-Tag, an dem die Palästinenser die Staatsgründung Israels betrauern, zeigten deutlich die Vorreiterrolle Bilins. Tausende demonstrierten unbewaffnet an Israels Grenzen, genau wie hier jeden Freitag. In den Golanhöhen trampelten sie gar den Grenzzaun nieder. Rund 150 Palästinenser drangen in israelisches Gebiet ein. Doch all das ist nur eine Generalprobe für das, was Israel ab September erwartet.

Wenn die Uno-Generalvollversammlung einen Palästinenserstaat ausruft, soll breiter Massenprotest Israel in die Knie zwingen.

Oberstleutnant Schachar hat seine Soldaten bereits vor Stunden an der Anhöhe in Stellung gebracht, an der jeden Freitag die Demonstration stattfindet. Frauen und Männer stehen und sitzen gelangweilt in der Sonne und schwitzen in voller Montur und schwerer Rüstung. Kurz vor zwölf geht der Offizier kurz auf die andere Seite des Zaunes, legt einen zerknitterten Zettel auf das gelbe Tor und beschwert ihn mit einem der Steinbrocken, die seinen Männern bald um die Köpfe fliegen werden: "Das ist meine Anordnung, die dieses Gebiet zur militärischen Sperrzone erklärt", sagt Schachar. Damit wird die Demonstration auf der anderen Seite illegal: "Wir könnten mit Schusswaffen innerhalb von sechs Minuten jede Demo sofort auflösen, aber wir sind hier doch nicht in Syrien."

"Lass uns mal so 20 Minuten Steine für die Kameras werfen"

Eine halbe Stunde später kommt eine Fernsehcrew des palästinensischen Senders al-Quds TV und stellt gemächlich seine Kamera auf. Linda Shuqri berichtet jeden Freitag live von der Demo. Ihr Team ist bereits mit Gasmasken ausgerüstet. Der erfahrene 35 Jahre alte Schachar sieht in den Demonstrationen vor allem einen Medienkrieg. Schachars Untergebener, Oberstleutnant Ofir, erinnert sich an ein Gespräch mit dem palästinensischen Organisator der Demonstrationen vor wenigen Wochen: "Er sagte mir: Hör mal, heute ist CNN dabei, lass uns mal so 20 Minuten Steine für die Kameras werfen, danach gehen wir wieder zur Routine über." "Wir ließen sie gewähren", sagt Schachar. Später erschienen Ofir und Schachar im israelischen Fernsehen: "Der Organisator kam die Woche darauf zu uns und gratulierte uns zu unserem Auftreten, bevor er zurückging und seine Jungs weiter Steine warfen."

Die Präsenz der Medien lässt Schachar Zurückhaltung üben: "Wenn hier jemand zu Schaden kommt habe ich verloren - weil dann Israel in aller Welt verurteilt wird und die Demonstration eine Woche später viel größer wird. Wir laufen hier einen Marathon, das ist kein Spiel, das man mit einem Schachzug gewinnen kann."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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yaelle.schlichting 28.05.2011
1. Ich weiß ich liege ein bisserl neben dem Thema,....
Ich weiß ich liege ein bisserl neben dem Thema, aber ich empfinde die Berichte des Spiegel als angenehm ausgewogen. Ich würde auch mehr Berichte gegen Israel vertragen, wenn nicht wie in anderen Zeitungen Berichte für Israel so unterdrückt würden. Manchmal weiß ich nicht mehr so recht, was Ausgewogenheit eigentlich ist, so entsetzlich einseitig, wie manchmal berichtet wird. Hier setzt der Spiegel mal wieder ein Zeichen, daß es auch anders geht und gerade der Spiegel ist da ein Leuchtturm! Ich danke dem Spiegel für seine Berichte aus dem bisweilen absurden Alltag in Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten. Sie lassen die Menschen Menschen sein. Sie lassen zu, daß weder die Juden, noch die Araber als Böse Kreaturen erscheinen sondern Sie lassen die Verantwortung da, wo sie hingehört: Bei den Politikern! Ich habe Ihren Bericht gerne gelesen. Ja, so geht's da zu!
Antje Technau, 28.05.2011
2. Landraub
Zitat von sysopIm Dorf*Bilin knallt es jeden Freitag: Palästinensische Demonstranten schleudern Steine auf israelische Soldaten, die Truppe feuert Tränengas-Salven. Hier erprobt die Armee eine Kampfdoktrin, mit der sie der neuen Strategie des Gegners begegnen will*- dem Massenprotest. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,763180,00.html
Ich frage mich, warum der Spiegel nicht in jedem Artikel zur Situation im Besetzten Westjordanland klar macht, dass es der gegenwärtigen Regierung unter Netanyahu nur um eines geht: darum, die Palestinenser aus den Besetzten Gebieten wegzumobben. Denn Netanyahu denkt, dass es eine "strategische Katastrophe" wäre, wenn die Palestinenser ihren eigenen Staat bekämen. Netanyahu denkt, dass die Palestinenser alle nach Jordanien gehen sollten, denn "Jordanien IST Palestina". Kurz gesagt: Netanyahu träumt von einem Groß-Israel, das alle bisher nur "Besetzten Gebiete" in Israel inkorporiert. ...Netanyahu's view that a Palestinian state is a strategic disaster, that Jordan is actually Palestine and that any withdrawal exacerbates the situation. (http://www.haaretz.com/opinion/one-more-victory-like-that-and-israel-is-done-for-1.364325) Daher war Netanyahu auch so empört, als Präsident Obama von einer Staatsgrenze Israels basierend auf der ehemaligen Grenze von 1967 sprach. Denn dann müsste Israel praktisch alle im Westjordanland besetzten Gebiete an die Palestinenser zurückgeben. Und genau das will Netanyahu niemals tun. Den Palestinensern soll sukzessive ihr Ackerland, ihre Wasserquellen und damit ihre Lebensgrundlage genommen und den israelischen Siedlern gegeben werden. So auch in Bilin, wo das Land der Palestinenser mit Hilfe des "Schutzzaunes" großzügig der benachbarten, illegalen, israelischen Siedlung "Modiin Illit" zugeschlagen wurde. Und die Palestinenser aus Bilin durften den israelischen Siedlern auch noch beim Bauen ihrer Häuser auf Palestinenserland helfen... Wenn der israelische High Court jetzt nicht so eindeutig entschieden hätte, dass der "Schutzzaun" in diesem Fall eindeutig nur dem Landraub diente, dann hätte die HAMAS wieder einmal Recht behalten, dass *friedlicher Protest* und der Rechtsweg gegen die israelischen Landräuber nichts nützt. So aber ist ein Präzendezfall gesetzt, von dem man nur hoffen kann, dass er Schule machen wird: Court restricts West Bank separation fence in ruling hailed as precedent - High court rules that barrier can't run in wide loops around Israeli settlements to allow for their expansion. (http://www.haaretz.com/news/court-restricts-west-bank-separation-fence-in-ruling-hailed-as-precedent-1.259558)
Antje Technau, 28.05.2011
3. zwei Staaten
Zitat von yaelle.schlichtingIch weiß ich liege ein bisserl neben dem Thema, aber ich empfinde die Berichte des Spiegel als angenehm ausgewogen. Ich würde auch mehr Berichte gegen Israel vertragen, wenn nicht wie in anderen Zeitungen Berichte für Israel so unterdrückt würden. Manchmal weiß ich nicht mehr so recht, was Ausgewogenheit eigentlich ist, so entsetzlich einseitig, wie manchmal berichtet wird. Hier setzt der Spiegel mal wieder ein Zeichen, daß es auch anders geht und gerade der Spiegel ist da ein Leuchtturm! Ich danke dem Spiegel für seine Berichte aus dem bisweilen absurden Alltag in Israel und den Palästinensischen Autonomiegebieten. Sie lassen die Menschen Menschen sein. Sie lassen zu, daß weder die Juden, noch die Araber als Böse Kreaturen erscheinen sondern Sie lassen die Verantwortung da, wo sie hingehört: Bei den Politikern! Ich habe Ihren Bericht gerne gelesen. Ja, so geht's da zu!
so müsste es dort aber nicht zugehen. Die Politiker beider SEiten müssten lediglich die Frage der Grenze klären, und danach macht dann jeder auf seiner Seite, was er will. Ob Israel dann auf seiner Seite eine Berliner Mauer baut, die auch quer durch Jerusalem verläuft, oder nicht: ist Sache der Israelis. Ob die Palestinenser Hamas per Wahl zur stärksten Partei machen oder doch lieber Fatah: das ist dann Sache der Palestinenser. So einfach könnte es sein.
Portobello39 28.05.2011
4. Netanyahu
Zitat von Antje TechnauIch frage mich, warum der Spiegel nicht in jedem Artikel zur Situation im Besetzten Westjordanland klar macht, dass es der gegenwärtigen Regierung unter Netanyahu nur um eines geht: darum, die Palestinenser aus den Besetzten Gebieten wegzumobben. Denn Netanyahu denkt, dass es eine "strategische Katastrophe" wäre, wenn die Palestinenser ihren eigenen Staat bekämen. Netanyahu denkt, dass die Palestinenser alle nach Jordanien gehen sollten, denn "Jordanien IST Palestina". Kurz gesagt: Netanyahu träumt von einem Groß-Israel, das alle bisher nur "Besetzten Gebiete" in Israel inkorporiert. ...Netanyahu's view that a Palestinian state is a strategic disaster, that Jordan is actually Palestine and that any withdrawal exacerbates the situation. (http://www.haaretz.com/opinion/one-more-victory-like-that-and-israel-is-done-for-1.364325) Daher war Netanyahu auch so empört, als Präsident Obama von einer Staatsgrenze Israels basierend auf der ehemaligen Grenze von 1967 sprach. Denn dann müsste Israel praktisch alle im Westjordanland besetzten Gebiete an die Palestinenser zurückgeben. Und genau das will Netanyahu niemals tun. Den Palestinensern soll sukzessive ihr Ackerland, ihre Wasserquellen und damit ihre Lebensgrundlage genommen und den israelischen Siedlern gegeben werden. So auch in Bilin, wo das Land der Palestinenser mit Hilfe des "Schutzzaunes" großzügig der benachbarten, illegalen, israelischen Siedlung "Modiin Illit" zugeschlagen wurde. Und die Palestinenser aus Bilin durften den israelischen Siedlern auch noch beim Bauen ihrer Häuser auf Palestinenserland helfen... Wenn der israelische High Court jetzt nicht so eindeutig entschieden hätte, dass der "Schutzzaun" in diesem Fall eindeutig nur dem Landraub diente, dann hätte die HAMAS wieder einmal Recht behalten, dass *friedlicher Protest* und der Rechtsweg gegen die israelischen Landräuber nichts nützt. So aber ist ein Präzendezfall gesetzt, von dem man nur hoffen kann, dass er Schule machen wird: Court restricts West Bank separation fence in ruling hailed as precedent - High court rules that barrier can't run in wide loops around Israeli settlements to allow for their expansion. (http://www.haaretz.com/news/court-restricts-west-bank-separation-fence-in-ruling-hailed-as-precedent-1.259558)
Ich weiß nicht, woher Sie alle Ihre Informationen beziehen, aber lesen Sie einfach mal Ihren eigenen post durch. Israel ist eine Demokratie, auch wenn es manche nicht begreifen wollen. In einer Demokratie entscheidet nicht allein der Premierminister, sollte er nicht den Mehrheitswillen des Volkes vertreten, wird er über kurz oder lang abgewählt. Dies sieht aber gerade bei Netanyahu NICHT so aus, weil er durchaus mehrheitlich die Interessen seines Volkes vertritt. Wir hatten die Diskussion schon einmal, aber gern nochmal hier: Israel hat mehrere Kriege gewonnen, und Gebiete dazu erobert. Warum sollte es außer in einem Friedensprozeß wie mit Ägypten zu einer Rückgabe kommen? Selbst Syrien akzeptiert dies in den Golanhöhen.
pdp-11/34 28.05.2011
5. Eine Einstaaten Lösung würde ja auch gehen
Die Palestinenser im Westjordanland wären dann auch wahlberechtigt und könnten sich innerhalb des Landes frei bewegen. Alle hätten nur noch einen Pass. Ich denke, Israel ist eine Demokratie. Wo ist dann das Problem ?
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