"Islamischer Staat" in Syrien Türkei warnt vor Kobanes Fall - und stellt Bedingungen

Die türkische Regierung drängt im Kampf um Kobane auf eine Bodenoffensive gegen die IS-Milizen - aber nur, wenn es gleichzeitig eine Strategie gegen Syriens Machthaber Assad gibt.

Türkischer Präsident Erdogan: "Der Terror wird mit Luftangriffen nicht aufhören"
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Türkischer Präsident Erdogan: "Der Terror wird mit Luftangriffen nicht aufhören"


Ankara/Kobane - Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat seine Forderung nach einer Bodenoffensive zur Bekämpfung des "Islamischen Staats" (IS) bekräftigt. "Der Terror wird mit Luftangriffen nicht aufhören", sagte Erdogan im südtürkischen Gaziantep. Notwendig sei eine Kooperation von Truppen am Boden. Bereits bei einer Parlamentssitzung in der vergangenen Woche hatte der Präsident betont, dass Luftangriffe nur eine vorübergehende Lösung darstellten.

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu erklärte indes, die Türkei sei "zu allem" im Kampf gegen die Dschihadisten in Syrien bereit, stellte aber Bedingungen: Notwendig sei eine abgestimmte Strategie gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad, sagte Davutoglu dem US-Nachrichtensender CNN. Ankara werde nur Truppen entsenden, wenn "andere ihren Anteil leisten".

Für eine langfristige Lösung des Konflikts in Syrien müsse es auch eine umfassende internationale Strategie gegen Assad geben, nicht nur gegen den IS, forderte der Ministerpräsident. Auch nach einem möglichen Sieg über den IS müsse die Grenze zur Türkei sicher sein. Sollte Assad aber über ein Wirken des IS hinaus an der Macht bleiben, könne eine neue radikale Gruppe in Erscheinung treten, warnte Davutoglu.

Keine Zusammenarbeit mit Assad

Vorschläge, die Türkei sollte im Kampf gegen die IS-Extremisten mit der Assad-Regierung zusammenarbeiten, nannte Davutoglu "schockierend". "Mit einem Teufel gegen einen anderen zusammenzuarbeiten, sollte nicht der Weg der internationalen Gemeinschaft sein", sagte er.

Das türkische Parlament hatte in der vergangenen Woche grünes Licht für einen Militäreinsatz gegen die Extremisten in Syrien gegeben. Zwar wurden Truppen an der Grenze zusammengezogen, bislang ist die Türkei aber nicht ins Nachbarland eingerückt.

Das an der nordsyrischen Grenze liegende Kobane steht unmittelbar vor dem Fall: Trotz Luftangriffen der US-geführten Koalition auf Stellungen des IS sind die Extremisten an drei Seiten in die Stadt eingedrungen und kontrollieren mehrere Viertel. Zuvor hatten sie den seit Tagen heftig umkämpften Mistenur-Hügel erobert, von dem aus ein permanenter Beschuss Kobanes möglich sein soll. Damit befindet sich nur noch der nördliche Stadtrand Kobanes an der Grenze zur Türkei unter kurdischer Kontrolle - die Kurden sind der IS-Miliz jedoch deutlich unterlegen.

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Schlacht um Kobane: Terror in der Stadt, Attacken aus der Luft
Im Kampf um Kobane sind in den vergangenen drei Wochen Hunderte Menschen ums Leben gekommen. Augenzeugen hätten 412 Todesfälle dokumentiert, meldete die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag. Unter den Opfern sind demnach 219 Dschihadisten, 173 kurdische Kämpfer sowie 20 Zivilisten. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer sei aber wahrscheinlich etwa doppelt so groß. Überprüft werden können die Meldungen aus der Stadt inzwischen kaum noch, neutrale Berichte aus der Region sind sehr schwer zu bekommen.

Die IS-Miliz belagert Kobane im äußersten Norden Syriens seit Mitte September. In den vergangenen Tagen hatten die Terroristen trotz Luftangriffen der US-geführten Allianz eine Offensive gestartet. Die Dschihadisten haben bereits mehr als 300 Dörfer im Umland von Kobane eingenommen, rund 160.000 Menschen flohen in die Türkei. Etwa 5000 Kurden stellten sich nach Angaben aus Kobane zuletzt den IS-Extremisten entgegen. Die im syrischen Bürgerkrieg stark gewordene IS-Terrormiliz beherrscht inzwischen weite Landstriche in Syrien und im Irak.

mxw/AFP/AP/Reuters

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