Wiederaufbau in Syrien Die guten Deutschen von Kobane

In den zerschossenen Ruinen der syrischen Grenzstadt Kobane arbeitet eine Gruppe von Deutschen: Die linken Aktivisten wollen beim Wiederaufbau helfen. Worauf sie sich da einlassen, ahnen die wenigsten.

Aus Kobane berichtet

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Die Reise nach Kobane hatte sich Viana*, 33, anders vorgestellt, irgendwie einfacher. Sie hastet in der Dunkelheit einen Hügel hinauf, einen zehn Kilogramm schweren Rucksack auf dem Rücken. Hinter ihr heult die Sirene des türkischen Militärs. Ihre Lunge brennt und auch die Schienbeine schmerzen, wo der Grenzzaun blutige Kratzer gerissen hat. Mit ihr stolpern drei weitere Deutsche in Richtung der syrischen Grenze.

Viana* begutachtet die Kratzer vom Grenzzaun
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Viana* begutachtet die Kratzer vom Grenzzaun

(Weitere Bilder aus Kobane finden Sie hier in der Fotostrecke.)

Sie sind Teil der ersten "Brigade" - so nennen sie sich. Insgesamt 140 Brigadisten will ein linkes Bündnis, hinter dem vor allem die marxistisch-leninistische Partei Deutschlands (MLPD) steht, für jeweils vier Wochen zwischen Juni und Oktober nach Syrien schicken. Ihre Mission: humanitäre Hilfe.

Kobane ist weltweit zum Symbol im Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) geworden. Im Januar gelang es den Kämpfern der syrischen PKK unterstützt durch die US-Luftwaffe, die Radikalislamisten zurückzuschlagen.

Schon länger stehen Deutschlands Marxisten mit den kurdischen in Kontakt. Nun träumen beide von einer neuen sozialistischen Utopie in dem zerstörten syrisch-kurdischen Provinznest. Die deutschen Linken sprechen von Kobane, als ob es auf dem Mond liegen würde: Syrien, das Land, in dem die Stadt liegt, nennen sie in einem Video-Aufruf für das Hilfsprojekt nicht ein einziges Mal, nur von "Rojava" (Westkurdistan) ist die Rede.

Im normalen Leben sind die meisten der deutschen Helfer, auch Viana, Industriearbeiter und Handwerker. Größtenteils haben sie ihren Jahresurlaub genommen, um in Kobane zu helfen. Weil die Türkei fast alle humanitäre Hilfe blockiert, müssen die Deutschen illegal nach Syrien einreisen. Ihre Gesichter und echten Namen möchten sie daher nicht veröffentlicht wissen.

Der Plan: Wiederaufbau. Im Sommer. Im Bürgerkrieg

Die deutschen Helfer wollen in Kobane ein 700 Quadratmeter großes Gebäude hochziehen, 800 Tonnen Zement verbauen. Es soll eine Klinik werden, mit OP-Raum und vier Sprechzimmern gebaut und ausgestattet durch Sachspenden deutscher Arbeiter und Mediziner. Dazu kommen Wartezimmer, die auch sozialen Projekten dienen könnten. So zumindest hat es die MLPD mit ihren "kurdischen Freunden" vereinbart - gemeint ist der politische Arm der syrischen PKK.

Es ist ein riskantes Unterfangen: Häuserbau mitten in einem grausamen Bürgerkrieg. Dazu noch im Sommer in einer Gegend, in der die Temperaturen auf 45 Grad steigen. Noch gefährlicher wird die Lage dadurch, dass sich die MLPD-Organisatoren oft mehr von Wunschdenken leiten zu lassen scheinen als von realistischer Risikoeinschätzung.

So sehen die Verantwortlichen in Deutschland bisher offenbar kein Problem darin, Menschen mit hörbaren Atemproblemen nach Kehlkopfoperation mitzuschicken. Die Einsatz-Teilnehmer wurden angewiesen, ihre Handys zu Hause zu lassen; die Sorge vor vermeintlicher Ortung durch Nato-Drohnen scheint größer als die vor der IS-Terrormiliz, die vor Kobane steht.

Alle Teilnehmer wissen natürlich vorher, dass sie in ein Kriegsgebiet reisen werden. Doch worauf sie sich da einlassen, ahnen wohl die wenigsten. Woher soll jemand das auch wissen, der noch nie Krieg erleben musste?

Situation in Syrien (Stand: 23. Juni 2015)
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Situation in Syrien (Stand: 23. Juni 2015)

"Man wusste ja, dass viel zerstört ist. Aber wenn man hier ist, ist es was anderes", sagt Viana. Sie macht am Morgen mit den anderen ihre ersten Schritte durch den zerstörten Teil der Stadt. Etwa 80 Prozent der Gebäude gelten als beschädigt.

Ein wenig hat sich bereits getan: Nur noch vereinzelt werden Leichen unter den Trümmerbergen vermutet. Die Straßen wurden weitgehend vom Schutt geräumt. Blindgänger aber gibt es noch reichlich, immer wieder kommen dadurch Menschen um. Mehrere Tausend Bürger sind zurückgekehrt in die Stadt, die vor Beginn der Gewalt in Syrien rund 55.000 Einwohner zählte. Die meisten aber bleiben weiterhin in der sicheren Türkei.

Die Strom- und Wasserversorgung ist noch immer weitgehend lahmgelegt. Am 15. Juni ist es den Volksverteidigungseinheiten (YPG, ausgesprochen: "Je Pe Sche"), wie sich der syrische PKK-Ableger nennt, gelungen, das isolierte Kobane über Land mit der Kurdenregion im Irak zu verbinden. Von dort kommt nun Treibstoff für Generatoren, Mopeds und Autos, der mit umgerechnet 6 Cent pro Liter billiger ist als das Trinkwasser in Flaschen (24 Cent). Das Obst und Gemüse auf dem Markt kommt von den Bauern der Umgebung und aus der Türkei. Hilfe lässt Ankara meist nicht durch, türkischen Handel schon.

"Ich war noch nie irgendwo, wo es so heiß ist"

Brettharter Lehmboden voller Gestrüpp markiert die Stelle, an der einmal das Gesundheitszentrum stehen soll. Die Helfer sitzen im Schatten und planen. Es ist 10 Uhr morgens. Auf ihren T-Shirts zeichnen sich Schweißflecken ab. "Ich war noch nie irgendwo, wo es so heiß ist", sagt Viana. Trotzdem sei sie froh, in Kobane zu sein. Es fühle sich richtig an.

Mahmud Shekho Ali kommt hinzu, ein Beamter aus der Stadtverwaltung von Kobane: 46 Jahre alt, dunkler Schnauzer, weißes Hemd, Bügelfaltenhose. Klaus*, in seiner Funktion als "politischer Leiter der ersten Brigade", setzt zu einer Begrüßungsrede an.

Mahmud Shekho Ali, Beamter in Kobane
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Mahmud Shekho Ali, Beamter in Kobane

"Der Wiederaufbau von Kobane ist der Schlüssel, damit eure demokratische Revolution Früchte trägt", sagt Klaus auf Deutsch. "Gott sei Dank, dass ihr hergekommen seid nach Ain al-Arab", antwortet der syrische Beamte auf Arabisch. Konsequent nennt der Beamte Kobane beim alten arabischen Stadtnamen wie unter dem Regime von Baschar al-Assad. Von einer Revolution und von Kurdistan will der Beamte nichts hören. Klaus bemerkt dies nicht.

Shekho Ali erzählt später, dass er seit elf Jahren in der Stadtverwaltung von Kobane arbeitet. Seinen Lohn überweise immer noch Damaskus - also das Assad-Regime.

Kobane untersteht derzeit einem Mischsystem: Am mächtigsten sind die YPG-Militärs. Das Rathaus wird geführt von kurdischen Aktivistinnen und Aktivisten aus Syriens Demokratiebewegung. Bürgermeister sind in einer Mann-Frau-Doppelspitze der 33-jährige Ibrahim Haj Khalil und die etwa gleichaltrige Shevin Mahmoud. Darunter sitzen die Beamten des alten Assad-Verwaltungsapparats.


Video: Kobanes Bürgermeister spricht über seine Stadt

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Einzigartig derzeit in Syrien ist: Journalisten können frei arbeiten und bekommen keinen YPG-Begleiter zur Seite gestellt. In welche Richtung sich diese Mischform entwickeln wird, bleibt vorerst offen. Mehr Rechte für die lange unterdrückten syrischen Kurden wird es wohl in jedem Fall geben.

Die Einheimischen suchen Arbeit

Keiner in der Gruppe spricht Kurmandschi, den kurdischen Dialekt der Region. Ein Einziger spricht Arabisch, er muss alles übersetzen und ist auch der einzige Ansprechpartner für die Einheimischen. Ihm platzt immer wieder der Kragen. "Die eigenen Leute nerven manchmal am meisten", sagt er. "Den ganzen Tag reden sie von internationaler Solidarität - das interessiert die Leute hier doch nicht."

Die Einwohner von Kobane beobachten die Deutschen neugierig. Es gilt die herzliche Gastfreundschaft der Region. Eine Nachbarin bringt ihnen immer wieder Tee vorbei. Doch vor allem interessiert die Bewohner von Kobane eines: Stellen die Deutschen ein?

Die Einheimischen können es sich nicht leisten, den ganzen Tag umsonst auf einem öffentlichen Bauprojekt mitzuhelfen. Irgendwoher muss das Geld für Brot und Wasser kommen. Viele hoffen nun auf Anstellung bei den Deutschen. Doch es ist noch nicht klar, ob und wie viel Unterstützung diese bezahlen werden. Es gibt kaum Arbeit in Kobane. Auch deswegen, nicht nur wegen der Sicherheitslage, bleiben viele der Geflohenen bisher lieber in der Türkei. Dort finden sie leichter Jobs.

Markt in Kobane: Obst und Gemüse kommen von den umliegenden Feldern und aus der Türkei
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Markt in Kobane: Obst und Gemüse kommen von den umliegenden Feldern und aus der Türkei

Am nächsten Tag besucht Dostar die Baustelle der Deutschen. Er wird von allen in Kobane nur beim Vornamen genannt - und alle zollen ihm Respekt. Er trägt zivil, hat sein schwarzes Haar akkurat gescheitelt. Über sein genaues Amt schweigt Dostar. Mehrere Einheimische versichern aber, dass er der YPG-Chef in der Stadt sei, mit direktem Draht zur PKK-Führung in den irakischen Kandil-Bergen.

Die YPG ist Schutzmacht der deutschen Helfer in Kobane. Für die Miliz sind die Ausländer VIPs. Ihre Unversehrtheit hat Priorität - das macht die YPG auch den Schleusern klar, die die Deutschen über die Grenzen schmuggeln. Während Einheimische 50 Dollar zahlen müssen, um illegal in die Türkei zu kommen, reisen Ausländer - Helfer wie Journalisten - kostenlos.


Video: Siegesparade der kurdischen YPG-Kämpfer in Kobane

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Die Motivation der Miliz? Es geht ihr um Anerkennung und um Unterstützung. Die PKK will Partner des Westens im Kampf gegen den IS werden. Doch in einigen Ländern, auch in Deutschland, wird sie wegen ihrer jahrzehntelangen Anschläge auf militärische und zivile Ziele in der Türkei noch immer als Terrororganisation eingestuft. Journalisten und Helfer sollen nun ein positiveres Bild von der Miliz in die Welt tragen.

Auch manche syrische Kurden und Angehörige anderer ethnischer und konfessioneller Minderheiten beäugen die Miliz noch skeptisch. Die PKK wirbt auch um sie: Im Irak hat sie 2014 die Jesiden gerettet, die von den IS-Kämpfern im Sindschar-Gebirge belagert wurden. In Nordsyrien schützt sie alle Konfessionen in den von ihr kontrollierten Gebieten, auch die Christen

Klaus scheint nicht zu bemerken, dass er mit Dostar einen Militär vor sich hat. Er möchte Dostar einen kurzen Vortrag halten über die "internationale Koordinierung revolutionärer Parteien und Organisationen", zu der die MLPD gehört. Der Milizenchef wiegelt ab: "Ich weiß, wer ihr seid."

Klaus fragt ihn, ob die Deutschen irgendetwas zu ihrer eigenen Sicherheit beitragen könnten. Dostar lächelt. Was sollen die Deutschen tun, wenn der IS angreift. Mit der Trillerpfeife dagegen halten? "Macht euch keine Sorgen. Das übernehmen wir", sagt Dostar.

Viana fühlt sich sicher. Es ist Dienstagnachmittag. 36 Stunden später schlagen die IS-Schläferzellen in Kobane los. Die Deutschen geraten zwischen die Fronten. Nach bangem Ausharren, das ihnen wie Stunden erscheint, gelingt es der YPG, sie in Sicherheit zu bringen. Die deutschen Helfer haben Glück gehabt. Über 170 einheimische Zivilisten werden an diesem Tag von den IS-Kämpfern ermordet. Der Einsatz der Deutschen soll nun weitergehen - mit verstärktem YPG-Schutz.

Rauch über Kobane am 25. Juni: IS-Kämpfer begannen eine neue Anschlagsserie
DPA

Rauch über Kobane am 25. Juni: IS-Kämpfer begannen eine neue Anschlagsserie

* Namen von der Redaktion geändert

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