"Islamischer Staat" in Syrien Kobane offenbar kurz vor dem Fall

Die IS-Terrormiliz hat offenbar einen strategisch wichtigen Hügel am Stadtrand Kobanes erobert und mehrere Bezirke eingenommen. Tausende Zivilisten fliehen vor den Dschihadisten über die türkische Grenze.

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Berlin/Kobane - Seit Tagen haben die Terroristen der IS-Miliz nur geringe Geländegewinne bei Kobane gemacht - nun steht die nordsyrische Stadt an der türkischen Grenze offenbar vor der Eroberung durch den "Islamischen Staat". Die Dschihadisten hätten nun auch den seit Tagen heftig umkämpften Mistenur-Hügel erobert, meldet die BBC unter Berufung auf einen Sprecher der kurdischen Stadtverwaltung. Von dort aus soll ein permanenter Beschuss der gesamten Stadt möglich sein.

Der Kurden-Sprecher Idriss Nassan sagte laut BBC, die Stadt werde "zweifellos bald fallen". Seit Tagen hatten die wenigen kurdischen Verteidiger der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) den Vormarsch der Terrormiliz aufgehalten - obwohl die Dschihadisten erheblich besser ausgerüstet und in großer Überzahl sind.

Mittlerweile sollen mindestens drei Stadtteile von Kobane, das auf Arabisch Ain al-Arab heißt, in der Hand der Terroristen sein. Der IS habe eine Industriezone sowie die Viertel Maktala al-Dschadida und Kani Arabane in seine Gewalt gebracht, erklärte die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Zudem hätten sich die Kämpfe am Dienstag auf Stadtviertel im Süden und Westen ausgeweitet. Die US-geführte Koalition habe indes neue Luftangriffe auf den IS im Osten der geflogen.

2000 Menschen fliehen aus Kobane

Die Terrormiliz dringt damit von drei Seiten in Kobane ein, nur der nördliche Stadtrand an der Grenze zur Türkei ist noch unter kurdischer Kontrolle. Der Chef der Beobachtungsstelle, Rami Abd al-Rahman, sprach von "guerillaartigen" Kampfszenen in der Stadt. Seit Montagabend liefern sich kurdische Kämpfer erstmals Gefechte mit dem IS im Zentrum der Stadt, die unmittelbar an der syrisch-türkischen Grenze liegt.

Die Dschihadisten rücken verschiedenen Berichten zufolge mit Panzern vor und setzten Autobomben ein. Kurdische Volksschutzeinheiten stellen sich den Extremisten demnach entgegen und bringen Zivilisten und lokale Amtsträger zur nahe gelegenen türkischen Grenze - dorthin sollen zuletzt mehr als 2000 Menschen geflohen sein. Überprüft werden können die Meldungen aus der Stadt inzwischen kaum noch: Neutrale Berichte aus der Region sind sehr schwer zu bekommen, zudem drängten türkische Sicherheitskräfte Journalisten am Montag mit Tränengas von der Grenze zurück.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat indes dazu aufgerufen, sofort zum Schutz der Bevölkerung zu handeln. Er verfolge die IS-Offensive gegen Kobane mit erheblicher Sorge, sagte sein Sprecher in New York. Die Terroristengruppe sei auf einem "barbarischen Feldzug". Zuletzt hatte die türkische Regierung den Menschen in Kobane ihre Unterstützung zugesichert - allerdings kein direktes militärisches Eingreifen.

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Kampf um Kobane: Terror an der türkischen Grenze
Die USA, die eine internationale Koalition gegen den IS anführen, haben für den Kampf gegen die Terrormiliz inzwischen etwa 1,1 Milliarden Dollar ausgegeben. So hoch seien die Ausgaben für die Interventionen in Syrien und im Irak seit Mitte Juni gewesen, teilte das Pentagon mit. 62 Millionen Dollar kosteten demnach allein Marineeinsätze sowie Angriffe mit Marschflugkörpern.

Die IS-Miliz belagert Kobane im äußersten Norden Syriens seit fast drei Wochen. In den vergangenen Tagen hatten die Terroristen trotz Luftangriffen der US-geführten Allianz eine Offensive gestartet. Die Dschihadisten haben bereits mehr als 300 Dörfer im Umland von Kobane eingenommen, rund 160.000 Menschen flohen in die Türkei. Etwa 5000 Kurden stellen sich nach Angaben aus Kobane derzeit den IS-Extremisten entgegen. Die im syrischen Bürgerkrieg stark gewordene IS-Terrormiliz beherrscht inzwischen weite Landstriche in Syrien und im Irak.

mxw/dpa/Reuters/AP/AFP

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bernteone 07.10.2014
1. schöne Hilfe
da lassen sich die amis und anhang aber zeit . vielleicht ist das auch gewollt . erst mal sollen sie sich selbst aufreiben und der rest wird weggefegt . ich verstehe nur nicht warum so getan wird als wenn man helfen wollte . es verfolgt doch da unten jeder seinen eigenen interessen und die kurden zu stärken zählt wohl niccht dazu .
friehelmdampf 07.10.2014
2. Ein schwarzer Tag
Die tapferen Kurden sollen fliehen sich sammeln an einem Ort kämpfen wo sie Verstärkung bekommen können und sich auf ihre Landsleute verlassen können. Was haben die Türken versprochen? Wo ist die anti Terror Allianz? Alle haben versagt und die Opfernamen stehen auf deren Händen.
Big_Jim 07.10.2014
3. Der Westen muss endlich umdenken und Assad unterstützten.
Lieber einen Diktator unter dem die verschiedenen Religionen halbwegs friedlich zusammen leben können als diese Islamisten. Wenn der IS erst einmal richtig Fuß gefasst hat, dann schickt er seine Mörderbanden auch nach Europa. Das muss verhindert werden und das geht nur mit und nicht gegen Assad und seine Truppen.
der-denker 07.10.2014
4.
Die Militärmacht des Westens ist also mit all ihren Drohnen, Jets und Marschflugkörpern nicht in der Lage diesen Hügel terroristenfrei zu halten? Wer soll denn das glauben? Soll die Stadt geopfert werden damit dann eine neue Kriegsrunde eingeläutet werden kann? Und "Natopartner" Türkei schaut auch zu. Aber die taktiert ohnehin nur schon die ganze Zeit auf verantwortungslose Weise.
wilmawupp 07.10.2014
5. Es ist zum Verzweifeln! Wo bleibt die Solidarität?
All diese leeren Beteuerungen von Politikern. Warum lässt die internationale Gemeinschaft, warum die arabischen Staaten, warum lässt die Türkei den ungehinderten Vormarsch dieser pathologischen "Gotteskrieger" zu? Ja, ich kann mir die strategischen Finten und taktischen Überlegungen eines Erdogans redlich vorstellen, der hat für die Kurden eh nicht viel übrig, und die IS-Kämpfer aus Europa sind nicht zuletzt vor allem durch sein Land ungehindert ins Kampfgebiet eingereist. Die USA hat ihre Interessen, will Bündnispartner nicht verprellen, die Saudis, Iran, Syrien selbst - und die EU muss erst noch ihre neue Garnitur neoliberaler Kommissare durchwinken, ehe sie sich zu Isis äußern kann... Es erschüttert mich, wie alle den Vormarsch hinnehmen. Gibt es denn in der Politik keine Werte mehr und nur noch Geschwätz? Kein Wunder, dass sich immer mehr Bürger angewidert von ihren (demokratischen) Regierungen abwenden. Was für eine Tragödie für die Menschen, die dort Leben!
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