Kampf um Kobane Kurden drängen Dschihadisten weiter zurück

Erfolge für die Kurden in der Schlacht um Kobane: Nach eigenen Angaben kontrollieren sie die Stadt an der türkischen Grenze wieder zu großen Teilen. Die Terrormiliz könnte jedoch schon bald zurückschlagen.

Rauch steigt über Kobane auf: IS soll noch ein Fünftel der Stadt kontrollieren
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Rauch steigt über Kobane auf: IS soll noch ein Fünftel der Stadt kontrollieren


Kobane - Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verliert in der nordsyrischen Stadt Kobane an Boden. Mit Hilfe von Luftangriffen der internationalen Koalition drängten kurdische Kämpfer die Dschihadisten am Freitag weiter zurück.

Die Dschihadisten hätten noch 15 bis 20 Prozent des Ortes unter Kontrolle, sagte der Vize-Sprecher für auswärtige Angelegenheiten in Kobane, Idris Nassan. Vor einer Woche war von etwa 40 Prozent die Rede. Kurdische Aktivisten warnten jedoch, die sunnitischen Extremisten brächten Verstärkung in die Stadt an der Grenze zur Türkei.

Ismet Hassan vom Verteidigungsrat in Kobane sagte, IS-Einheiten aus den Städten Rakka, Dair as-Saur, Dscharabulus und Manbidsch kämen den Extremisten zu Hilfe. Die kurdischen Volksschutzeinheiten hätten dagegen keinen Nachschub erhalten.

IS könnte bald Kampfflugzeuge einsetzen

Nach Angaben der oppositionsnahen syrischen Menschenrechtsbeobachter können die Dschihadisten in Aleppo womöglich auch bald Kampfflugzeuge einsetzen. Ehemalige irakische Armeeoffiziere bildeten IS-Kämpfer derzeit aus, hieß es.

Drei Kampfflugzeuge - vermutlich ältere MiG 21 und 23 aus russischer Fertigung - sollen sich auf einem Militärflugfeld in der nördlichen Provinz Aleppo befinden. Die Aktivisten berichten unter Berufung auf Einwohner der Region, dass mindestens ein solches Flugzeug im Tiefflug gesehen wurde. Solche Angaben sind von unabhängiger Seite aber nur schwer überprüfbar.

Im Westirak bereitet sich die Stadt Ramadi auf einen Großangriff der Dschihadisten vor. Die dortigen Behörden verhängten in der Nacht zum Freitag eine Ausgangssperre, wie das Nachrichtenportal "Sumaria News" berichtete. Es war unklar, wie lange die Maßnahme andauern sollte. Zuvor habe es Geheimdienstinformationen über bevorstehende Angriffe der Dschihadisten auf Sicherheitskräfte und Bürger der Stadt gegeben.

Ramadi liegt 100 Kilometer westlich von Bagdad. Die Stadt befindet sich auf einer wichtigen Versorgungsroute der Extremisten, die von Syrien bis kurz vor Bagdad reicht. Viele Gebiete in Anbar sind bereits unter IS-Herrschaft.

"Wir brauchen Panzer"

Der Präsident der kurdischen Autonomieregion im Nordirak, Massud Barsani, forderte mehr Hilfe des Westens für die Kurden, vor allem in Form schwerer und moderner Waffensysteme. "Wir brauchen Panzer, Artillerie, gepanzerte Mannschaftswagen und Anti-Panzer-Raketen". Im Nordirak kämpft auf dem Boden vornehmlich die kurdische Peschmerga-Armee gegen den IS, im syrischen Kobane sind es die mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK verbündeten Volksschutzeinheiten YPG. Unionsfraktionschef Volker Kauder schloss im SPIEGEL-ONLINE-Interview auch die Unterstützung der PKK mit Waffen nicht aus.

Trotz der aktuellen Erfolge in Kobane fürchten Kurden in Deutschland weiterhin ein Massaker in der Stadt an der syrisch-türkischen Grenze: Tausende wollen am Wochenende in mehreren deutschen Städten demonstrieren. Für eine Demo am Samstag in Berlin haben sich 2000 Teilnehmer angemeldet. In Bielefeld werden an dem Tag rund 1000 Menschen erwartet. Auch in München und Frankfurt wollen Kurden gegen die IS demonstrieren.

ade/dpa

insgesamt 18 Beiträge
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JDR 18.10.2014
1.
Nun, ein gutes Zeichen ist schon mal, dass die Operation einen Namen hat. Gut denkbar, dass man unbedingt vermeiden wollte, diesen ausgerechnet unmittelbar vor einer möglichen Niederlage zu verkünden. Die Flugzeuggeschichte ist seltsam. Natürlich ist es möglich, dass irakische Piloten syrische Maschinen zum Fliegen bringen, oder auch einsetzen können. Aber warum sollten sie dann Syrer daran ausbilden, anstatt sie selbst zu verwenden ? Tiefflugübungen gehören üblicherweise nicht gerade zu den ersten paar Flugstunden, die man unternimmt und in größerer Höhe wären die Migs von den Koalitionspartnern vermutlich bemerkt worden. Selbstverständlich besteht die Option, dass IS(IS)-Leute für Kamikaze-Operationen vorbereitet werden, welche die Iraker selbst nicht fliegen wollen. Es ist aber auch so, dass diese Berichte in einer Zeit aufkommen, zu der die Türkei wieder einmal sehr laut und nachdrücklich eine Flugverbotszone fordert. Die Fähigkeiten der Terroristen sind reduziert worden - nicht zuletzt, indem ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurde. Es stellt sich die Frage, ob es nicht doch möglich ist, die Fronten vom Nachschub abzuschneiden.
retro71 18.10.2014
2. Respekt
Es ist wirklich erstaunlich was die Kurden in Kobane leisten.Von den Strategen der USA schon längst verloren geglaubt, behauptet sich eine kleine, nur leicht bewaffnete, Widerstandsgruppe gegen einen übermachtigen Feind,Respekt. Die Kurden/Perschmerga in Syrien und im Irak scheinen die einzige Gruppierung in diesem Konflikt zu sein, welche es tatsächlich schafft, IS die Stirn zu bieten.Dagegen kann die von den USA hochgerüstete irakische Armee einpacken. Ich hoffe die Kurden bleiben weiter standhaft und Kobane wird zum syrischen "Salingard" für den IS.
mightyschneider 18.10.2014
3.
Meinen Respekt für diese Leitung an die kurdischen Kämpfer. Den AKP-Türken wird diese Nachricht nicht schmecken, so ging doch der Schulterschluss mit Islamischer Staat nicht auf.
e_d_f 18.10.2014
4. Luftwaffe?
Die Meldung hört sich an, als könne man einen Kampfjet wie ein KFZ mal eben aus der Garage fahren und eine Spritztour unternehmen. Das ist aber völlig abwegig. Um ein so kompliziertes Waffensystem einsetzen zu können, bedarf es umfangreicher Logistik und eines funktionierenden Gesamtsystems vom Bodenpersonal über den Piloten bis zur letzten Schraube. Ohne ein aufeinander eingespieltes Team von Spezialisten und einen halbwegs funktionsfähigen Flughafen incl. Fluglotsen bekommt man diese Kisten ganz sicher nicht in die Luft und wieder runter ("Übungsflüge"). Auch nicht diese relativ einfachen Russenkisten. Diese sind uralt und die hat auch die syrische Luftwaffe kaum noch in die Luft bekommen. Die meisten Kisten diesen Alters standen doch schon unter Assad viele Jahre ungenutzt herum und wurden allenfalls noch als Ersatzteilspender für einige wenige übrig gebliebene flugfähige Jets diesen Typs genutzt. Ein Blick bei Google Maps genügt, dass der alte Schrott auf den syrischen Militärflughäfen neben der Piste verrottet. Selbst wenn die IS-Idioten ein paar Fachleute in den Reihen haben (25% der dt. Islamisten soll ja sogar mindestens einen Hauptschulabschluss haben), haben sie noch lange kein funktionierendes Gesamtpaket. Ein solches zu bündeln, dauert Jahre. Außerdem gibt es nur wenige Flugplätze, die für einen Einsatz überhaupt in Frage kämen. Im Übrigen: Ein paar Bomben würden ohnehin reichen, um die Landebahnen der wenigen in Frage kommenden IS-Flugplätze (m. W. eigentlich nur der östlich von Aleppo, denn der Flughafen von Deir-Ez-Zur wird ja offenbar noch von Assads Leuten gehalten) außer Gefecht zu setzen. Ein "Übungsflug" würde der US-Luftraumüberwachung niemals entgehen; die Landebahn wäre längst zerstört (vielleicht ist sie es ja bereits). Und: Die uralten HAS (Splitterschutz-Bunker) der syrischen Luftwaffe wären ein sehr leichtes Ziel für die US-Präzisionsbomben. Kurzum: Es ist absolut unmöglich, dass die IS-Idioten die alten Kisten im streng überwachten syrischen Luftraum mal eben so ungestraft zur Übung durch die Gegend fliegen. Mal abgesehen davon, dass sie leichte Übungsziele für die US-Jets im Kriegsgebiet wären. Wer solche völlig abwegigen Behauptungen in die Welt setzt, muss andere Ziele verfolgen. Ich tippe auf die Türkei; die hätte einen Vorwand für die von ihr geforderte Flugverbotszone. Schade, dass es beim Spiegel niemanden mit ausreichend militärischem Sachverstand gibt, um diese Meldung über die "Übungsflüge" als völligen Blödsinn zu charakterisieren.
Frittenbude 18.10.2014
5. Peschmerga ungleich YPG
Zitat von retro71Es ist wirklich erstaunlich was die Kurden in Kobane leisten.Von den Strategen der USA schon längst verloren geglaubt, behauptet sich eine kleine, nur leicht bewaffnete, Widerstandsgruppe gegen einen übermachtigen Feind,Respekt. Die Kurden/Perschmerga in Syrien und im Irak scheinen die einzige Gruppierung in diesem Konflikt zu sein, welche es tatsächlich schafft, IS die Stirn zu bieten.Dagegen kann die von den USA hochgerüstete irakische Armee einpacken. Ich hoffe die Kurden bleiben weiter standhaft und Kobane wird zum syrischen "Salingard" für den IS.
Die Peschmerga (im Irak) waren leider bislang nicht in der Lage, dem IS die Stirn zu bieten - anders als die YPG (und nicht zuletzt die Frauenbatallione YPJ !) in Syrien. Den YPG daher meine größte Hochachtung, auch und ganz besonders den tapferen Frauen von der YPJ. Meines Wissens waren es übrigens auch die YPG/YPJ, die die Jesiden beschützt und (zusammen mit den USA) vor dem IS gerettet haben, während die Peschmerga sich vor dem anrückenden IS zurückgezogen und die Jesiden im Sindschar-Gebirge im Stich gelassen haben.
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