Köhler in China: Ein Prosit auf die Gelassenheit

Aus Peking berichtet

Bundespräsident Köhler weilt in China, wo er mit Parteichef Hu die Finanzkrise beriet. Mehr als eine Plauderei war jedoch nicht drin, stattdessen gab's Böllerschüsse und einen Rundgang im geheimnisvollen Regierungssitz. Momentaufnahmen eines höchst gelassenen Staatsbesuchs.

Horst Köhler (li) und Hu Jintao: Ein Glas Sekt mit einem "alten Freund" Zur Großansicht
dpa

Horst Köhler (li) und Hu Jintao: Ein Glas Sekt mit einem "alten Freund"

Er schaut kurz zu ihr hinüber, sie aber hat keinen Blick für ihn. Er trägt kurze Haare und einen länglichen Koffer, in dem eine Maschinenpistole steckt. Sie trägt einen sehr, sehr kurzen violetten Rock, silberne Schuhe und braun getönte lange Haare. Beide stehen vor dem Fahrstuhl im Foyer des Westin-Hotels und warten: er auf einen Präsidenten, sie auf einen Mann, der sie in sein Zimmer führen wird.

Sie verschwindet im Lift. Der Mann mit dem Koffer kann nun konzentriert darüber wachen, dass dem deutschen Staatsoberhaupt, Horst Köhler, nichts passiert.

Der steigt ein paar Schritte weiter mit seiner Frau in einen Mercedes S 600 mit dem Kennzeichen PQ 3627. Wagentüren klappen, Blaulicht flackert, im Seitenfenster des Dienst-BMW von Botschafter Michael Schäfer klebt ein Schild mit der Aufschrift "Bo".

Es ist der zweite Tag des Staatsbesuchs von Köhler in der Volksrepublik China, und auf beiden Seiten herrscht gepflegte Gelassenheit. Köhler bricht an diesem Nachmittag zum "Gespräch mit der Zivilgesellschaft", wie es offiziell heißt, auf. Es sind chinesische Künstler, Wissenschaftler und Journalisten, die ihm das wirkliche China erklären sollen.

Die Gastgeber nehmen die Visite Köhlers ernst, mit ihm können sie über die Finanzkrise reden. Sie wissen aber, dass sie mit der Kanzlerin sprechen müssen, wenn sie Dinge im deutsch-chinesischen Verhältnis bewegen wollen - und Angela Merkel kommt erst in zwei Monaten.

So haben die Journalisten Zeit, sich den Nebensächlichkeiten zu widmen, jenen kleinen Ereignissen am Rande eines solchen Staatsbesuches, die häufig mehr aussagen über China als so manche Politikerphrase.

Auf die Schöne vor den Hotel-Fahrstühlen etwa, die Köhler knapp verpasst. Oder auf jene zwei lächelnden Hostessen in traditionellen Seidenkleidern in der Großen Halle des Volkes, die rote Kissen durch die spärlich beleuchteten Räume hin- und hertragen. Sind es Sitzkissen für die Staatsführer, Ruhekissen für ein Nickerchen? Wer braucht sie, wer hat sie angefordert?

Empfang auf dem Tinanamen-Platz

Um fünf Uhr nachmittags wird Staats- und Parteichef Hu Jintao Köhler mit militärischen Ehren empfangen. Eine Stunde vorher müssen alle Besucher den Tiananmen-Platz verlassen. Dann rollen die Kanonen für die Salutschüsse heran und werden auf einem roten Teppich postiert. Die Ehrenkompanie marschiert auf, ein Soldat sorgt mit kräftigen Bewegungen dafür, dass ihre roten Fahnen frei flattern können. Die Trompeten der Musiker sind so blank geputzt, dass sich die Große Halle des Volkes in ihnen spiegelt.

Nach ihrem Gespräch der nächste Programmpunkt: Die chinesische Vize-Außenministerin Fu Ying und ein deutscher Staatssekretär unterzeichnen ein Dokument über die Zukunft des "Deutsch-Chinesischen Dialogforums". Alles wirkt ein wenig skurril, denn das Forum existiert schon seit 2005, aber niemand kennt es so recht.

Es solle den "breit gefächerten deutsch-chinesischen Dialog der Regierungsebene auf die Zivilgesellschaft ausdehnen", heißt es offiziell, "hochrangige Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Medien" treffen sich "mindestens zwei Tage" einmal im Jahr.

Zu erfahren ist auch, dass der ehemalige Shanghaier Oberbürgermeister Xu Kuangdi und jetzige Präsident des chinesischen Industrieverbandes sowie der Aufsichtsratsvorsitzende des TÜV Rheinland, Bruno Braun, dieses Forum leiten. Offen bleibt die Frage, was der deutsche TÜV und Xu, der deutsche Gewerkschaften ziemlich störend findet, eigentlich mit der "Zivilgesellschaft" zu tun haben.

Eine andere Runde, der Rechtsstaatsdialog, ist neulich sang- und klanglos verschoben worden. Im April sollten beide Seiten über Anwälte in der Gesellschaft debattieren, doch die Pekinger Funktionäre winkten ab: Es sei gerade ein wichtiger Minister ausgewechselt worden, erklärten sie. Vielleicht nur Zufall, dass nur kurz darauf kritischen Advokaten die Lizenz entzogen wurde?

Besuch im chinesischen Wandlitz

Am Dienstag steht Zhongnanhai auf dem Programm Köhlers: das chinesische Wandlitz, geheimnisvoller Regierungssitz im Zentrum Pekings. Hier trifft der Deutsche am Nachmittag auf den Premierminister und seinen Stellvertreter. Nur selten öffnen sich die Tore dieses ehemaligen kaiserlichen Quartiers, dieses Mal sind Journalisten zugelassen.

Erste Station ist ein verwittertes Wachhäuschen am Nordwest-Tor. Hanteln liegen in der Ecke, auf dem Fensterbrett steht ein Bügeleisen, ein Fernseher ist auch da. Im Nebenzimmer können die Aufpasser auf einem Bildschirm Tor und Mauerzinnen beobachten. Über dem Briefkasten gegenüber steht groß die Postleitzahl des Areals: 100017.

Doch hier kommen nie Briefe an, jene von Bittstellern etwa, die sich bei ihren Oberen über Ungerechtigkeiten beschweren wollen. Soldaten in weißen Hemden putzen mit Reisigbesen die Straße, Uniformierte in grünen Baretten marschieren hin und her. "Es gibt verschiedene Eingänge, manche für den Staatsrat, andere für das Politbüro", erläutert ein Diplomat, während schwarze Limousinen vorbeifahren.

Drei Ehrenwachen machen sich bereit, sie rücken sich gegenseitig die Mützen zurecht, bevor sie im Stechschritt durch das Tor marschieren, die Köhler-Kolonne zu begrüßen. Die Journalisten müssen zuvor zu einem anderen Tor fahren: Sicherheitskontrolle. Ein heftiges Gewitter geht in diesem Moment über Peking nieder.

Vizepremier Wang Qishan wartet auf Köhler, er plaudert unter anderem mit der Vizeaußenministerin. Sie ist eine attraktive Grauhaarige, im Gegensatz zu den Herren hat sie ihre Haare nicht gefärbt. Sie schaut zu den Journalisten hinüber, lächelt und winkt verstohlen. Eine nette Geste, wenn man nicht wüsste, dass sie ausländische Korrespondenten in der Regel arrogant findet.

Rosa Waschlappen und Blümchentassen

Auf den Tischen stehen Tassen mit Blümchenmuster, daneben liegen rosa Waschlappen. Der Vizepremier sagt, Köhlers Besuch auf der Expo in Shanghai am Mittwoch werde dem deutschen Pavillon "noch mehr Glanz verleihen".

In der "Halle des purpurnen Glanzes" gegenüber preist Regierungschef Wen Jiabao Köhler als "alten Freund". Die Hostessen tragen hier blaue Kleider mit gelbem Kragen. Vögel zwitschern. Der Fahrer des S 600 putzt den Wagen. Der geöffnete Kofferraum gewährt Einblicke in das Innenleben einer chinesischen Staatslimousine: Sie befördert außer dem Präsidenten einen grünen Eimer, eine Aktentasche, einen Bilderrahmen und einen gelben Kleidersack.

Dann rauscht die Kolonne los Richtung Flughafen, Shanghai und die Expo warten. Soldaten sind an den Straßen aufgezogen, Fahrbahnen werden gesperrt. Es ist Stoßzeit, und der Verkehr in diesem Teil Pekings bricht endgültig zusammen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Und wir zahlen
nowayjose, 18.05.2010
immer noch Entwicklungshilfe an China.
2. Recht so!
suum.cuique 18.05.2010
Zitat von nowayjoseimmer noch Entwicklungshilfe an China.
Dumm ist nicht wer nimmt, dumm ist der, der gibt. Warum sollte China dies auch ablehnen? Die sind ja nicht bloed. In D geht alles den Bach runter, China bekommt Entwicklungshilfe und der deutsche Michel pennt. Weiter so Deutschland!
3. Entwicklungshilfe?
redpirate37 18.05.2010
Zitat von nowayjoseimmer noch Entwicklungshilfe an China.
,,gelassener Staatsbesuch,, ... trifft es irgendwie. Die Entwicklungshilfe kassieren für die Privatschatulle der Politbüromitglieder, dafür gibts dann Kredit von China und Aufträge um dort noch mehr Maschinen und Technik in die Produktionsanlagen zu liefern. Dann den Kram mit Containern wieder in die EU schippern und hier den Markt ruinieren. Falls es hier mal Folgen hat geht die ganze Clique eben nach USA oder Karibic in den Ruhestand. Köhler ist halt der Held, was mit der DDR gemacht wurde schafft er auch mit dem Rest von D. Uns allen bleibt eine Schüssel Reis und ne Tasse Tee...
4. diplomatisch ausgedrückt...
fessi1 19.05.2010
Zitat von nowayjoseimmer noch Entwicklungshilfe an China.
Nenn es einfach hóngbāo, dann wird ein Schuh draus.
5. sinn?
MC8 19.05.2010
Und was war jetzt die Aussage / Message diese Artikels? Mal wieder ein bisschen negative oder sollte ich besser sagen arrogant ueber China und Ihre Regierung zu schreiben? Also SPON das war wohl nichts...
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Anreise
Lufthansa, Air China und China Eastern fliegen täglich von Deutschland nach Shanghai. Der Flug dauert etwa zwölf Stunden. Vom Flughafen Pudong lässt sich mit dem Taxi (150 bis 200 Yuan) oder der Magnetschnellbahn Transrapid (50 Yuan) in die Stadt fahren. Es gibt auch Airport-Shuttle-Busse zu Metrostationen oder großen Hotels.
Formalitäten
Deutsche benötigen einen noch sechs Monate gültigen Pass und ein Visum: Botschaft der Volksrepublik China, Brückenstraße 10, 10179 Berlin (Tel.: 030/27 58 85 72, www.china-botschaft.de).
Klima und Reisezeit
Für Reisen am besten sind das Frühjahr (März bis Mai) und der Herbst (Oktober bis November). Die Expo 2010 geht vom 1. Mai über den feuchtheißen Sommer bis zum 31. Oktober. Die Temperaturen können im Sommer 40 Grad erreichen, während sie im Winter bis auf den Nullpunkt fallen können.

Währung
Zehn Yuan, auch Renminbi (RMB) genannt, sind ein Euro. Große Hotels, teure Restaurants und Kaufhäuser nehmen Kreditkarten. An Geldautomaten kann auch mit der EC-Karte Bargeld abgehoben werden.
Gesundheit
Behandlungen in Krankenhäusern müssen sofort bezahlt werden. Kreditkarten werden nur in wenigen Kliniken angenommen. Eine Reisekrankenversicherung mit Rückholservice nach Europa ist sinnvoll. Leitungswasser ist nicht trinkbar, zum Zähneputzen aber in Ordnung.
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