Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Köhler vor der Knesset: "Ich verneige mich in Scham und Demut"

Es war keine historische Rede, aber in den Augen der meisten Knessetabgeordneten hat Horst Köhler seine Aufgabe gut gemeistert: Vor dem israelischen Parlament bekannte sich der Bundespräsident zur Solidarität mit Israel und der besonderen Verantwortung der Deutschen aus ihrer Geschichte - und war dabei zeitweise den Tränen nahe.

Köhler bei seiner Rede: "Verharmlosung des Holocaust ist ein Skandal"
REUTERS

Köhler bei seiner Rede: "Verharmlosung des Holocaust ist ein Skandal"

Jerusalem - "Noch nie war ein Bundespräsident in der Knesset den Tränen so nahe", sagte später der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel. Wie vor fünf Jahren Johannes Rau hielt Köhler seine Rede auf Deutsch. Er begann sie jedoch in Hebräisch.

Die Abgeordneten zollten Köhler Respekt. Es gab sogar Beifall - in der Knesset höchst unüblich. "Deutsch ist die Sprache von Hitler, Goebbels und Eichmann, es ist aber auch die Sprache von Goethe, Schiller und Heine. Deswegen, Herr Bundespräsident, wenn wir Sie zu einer Rede vor der Knesset einladen, können wir Ihnen nicht das Recht verweigern, auf Deutsch zu sprechen", sagte der einzige Holocaust-Überlebende im Parlament, Oppositionsführer Tomy Lapid. Er hörte der Rede dann auch ohne Übersetzung via Kopfhörer zu.

Im Vorfeld der Rede hatte es in Israel Kritik an der Absicht Köhlers gegeben, auf Deutsch zu den Knesset-Abgeordneten zu sprechen. Solange es noch Überlebende des Holocaust gebe, sei es unangemessen, im israelischen Parlament die Sprache der Täter zu hören, hatten Abgeordnete erklärt. Tatsächlich boykottierten mehrere Abgeordnete die Rede.

Köhler begrüßte alle Anwesenden mit ihren Titeln und sagte dem Parlamentspräsidenten Reuven Rivlin: "Sie haben mich hierher eingeladen, um meine Rede vor der Knesset in Jerusalem zu halten. Ich danke Ihnen. Diese Reise, dieser Tag, diese Stunde bewegen mich sehr." Die Vorsitzenden des Parlamentes quittierten die Sätze Köhlers mit lächelnder Zustimmung.

Auschwitz - Berlin - Jerusalem: Anhand dieser Stationen des Holocausts, die er selbst in diesen Tagen der Erinnerung gegangen sei, sagte er mit Blick auf die Opfer: "Ich verneige mich in Scham und Demut vor den Opfern und vor denen, die ihnen unter Einsatz ihres Lebens geholfen haben. ... Die Würde des Menschen zu schützen und zu achten ist ein Auftrag an alle Deutschen. Dazu gehört, jederzeit und an jedem Ort für die Menschenrechte einzutreten." Köhler fügte hinzu: "Die Verantwortung für die Schoa ist Teil der deutschen Identität."

Video: Köhler legt Bekenntnis zu Israel ab

Zuvor hatte Rivlin den nach seinen Worten "aufflammenden Antisemitismus" in Europa beklagt und ein Verbot von Neonazi-Parteien in Deutschland gefordert. "Manchmal muss die Demokratie harte Schritte unternehmen, um sich zu verteidigen. Verbietet die neonazistischen Parteien. Was damals war, darf sich nie wiederholen."

Auch der israelische Regierungschef Ariel Scharon forderte einen "erbarmungslosen Kampf" gegen neuen Antisemitismus. In seiner Rede vor der Knesset beklagte er eine Zunahme der Feindseligkeiten gegen Juden. Ausdrücklich dankte er Köhler für Unterstützung bei Sicherheitsfragen und bei der Vermittlung eines Austausches von Gefangenen in Nahost.

Zwischen Deutschland und Israel herrschten heute freundschaftliche Beziehungen und eine volle und fruchtbare Zusammenarbeit, sagte Scharon. "60 Jahre nach dem Holocaust ist der Schmerz über den Mord an den Juden nicht schwächer geworden", sagte er. "Es kann kein Vergeben und kein Verzeihen dafür geben, was die Deutschen den Juden angetan haben."

"Deutschland steht unverbrüchlich zu Israel"

"Die Verantwortung für die Schoa ist Teil der deutschen Identität. Dass Israel in anerkannten Grenzen und frei von Angst und Terror leben kann, ist unumstößliche Maxime deutscher Politik", sagte Köhler dann in seiner bis auf den Anfang auf Deutsch gehaltenen Ansprache vor den Abgeordneten der Knesset.

"Deutschland steht unverbrüchlich zu Israel und seinen Menschen", sagte Köhler. Köhler bekräftigte die Verantwortung aller Deutschen im Kampf gegen Antisemitismus. Er sagte: "Wir müssen sicherstellen, dass die Lehren von einer Generation an die nächste weitergegeben werden, und wir alle müssen begreifen, dass uns die Opfer der Schoa einen Auftrag geben: nie wieder Völkermord zulassen."

Köhler räumte ein, dass Rechtsextremismus und Judenhass in Deutschland nicht besiegt seien. "Jede offene Gesellschaft hat auch Feinde. Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sind nicht aus Deutschland verschwunden", sagte Köhler. In Anspielung auf den von der NPD ausgelösten Eklat im sächsischen Landtag sagte der Präsident: "Vergleiche, die die Schoa verharmlosen, sind ein Skandal, dem wir uns entgegenstellen." "Wir müssen die politische Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten und Antisemiten suchen, und wir müssen sie offensiv führen", sagte Köhler, der nicht konkret auf die Debatte um ein Verbot rechtsextremer Parteien einging.

Köhler wies der Erziehung in Schulen und Jugendorganisationen eine Schlüsselrolle beim Versuch zu, die Erinnerung an die deutschen Verbrechen während des Nationalsozialismus wach zu halten.

Hilfe im Friedensprozess

Köhler sicherte den Parlamentsabgeordneten zu, Deutschland werde alles unternehmen, um den Friedensprozess im Nahen Osten unterstützend zu begleiten. "Frieden schließen können nur Israel und die Palästinenser selbst, und sie können es nur gemeinsam tun." Die ganze Welt hoffe auf Fortschritte bei den vereinbarten Gesprächen zwischen Israel und den Palästinensern, sagte Köhler, der zuvor schon von einer "goldenen Gelegenheit" und einem "Fenster der Chancen" für den Frieden gesprochen hatte. "Die USA, Europa und die Arabischen Staaten müssten die Mutigen auf ihren Weg zum Frieden unterstützen. Deutschland wird seinen Beitrag dazu leisten."

Der Präsident zog eine Parallele zur deutsch-französischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. "Warum soll im Nahen Osten nicht gelingen, was in Europa möglich war: Freundschaft zwischen den Erzfeinden, Deutschland und Frankreich, der Fall der Mauer, die Überwindung der Teilung Europas."

Deutschland unterhalte heute zu keinem anderen Land außerhalb Europas und Nordamerikas so enge Beziehungen wie zu Israel. Deutschland sei ein Fürsprecher Israels. "Ich glaube fest an einen Nahen Osten, in dem Israel und ein palästinensischer Staat friedlich zusammen leben."

Köhler bezeichnete Israel als Vorbild für eine dynamische und ökonomisch erfolgreiche Gesellschaft. Die Menschen Israels hätten aus einem Entwicklungsland einen Hochtechnologie-Standort gemacht. Dieser Leistungs- und Innovationswille könne auch für Deutschland Vorbild sein. Die Wirtschaftsbeziehungen seien zwar eng, aber weiter ausbaufähig.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: