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Übergriffe in Köln: Rechtspopulisten weltweit verhöhnen "naives" Deutschland

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Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof: Auch in internationalen Medien ein großes Thema

Polen, Finnland, USA: Auch international sorgen die Silvester-Vorfälle in Köln für Empörung. Allerdings werden zunehmend rechte Stimmen laut.

Die sexuelle Gewalt gegen Frauen in mehreren Städten, die Spießrutenläufe vor dem Kölner Hauptbahnhof - in Deutschland gibt es kein hitziger debattiertes Thema als die Attacken in der Silvesternacht.

Trotz schriller Töne von rechtsaußen, trotz anfänglicher Beschwichtigungen - auch aus den Reihen der Polizei - hat die Debatte hierzulande noch einen meist angemessenen Ton. International allerdings gehen die Zwischentöne mitunter verloren.

Politiker und Kommentatoren in Bulgarien, Polen, der Slowakei, Finnland, Italien und den USA geben ihre Meinung zu den Vorfällen ab - und mit zunehmender Entfernung zum Tatort Köln verliert sich auch die Kenntnis darüber, was tatsächlich vorgefallen ist.

Viele der Kommentare verunglimpfen Migranten, machen pauschal Stimmung gegen Muslime und spielen mit den Ängsten, die es in Europa wegen des Zuzugs so vieler Flüchtlinge gibt.

Ein kurzer, internationaler Überblick:

  • Slowakei und Bulgarien

Für mehrere osteuropäische Länder, die schon seit Beginn der großen Flüchtlingsbewegungen über die Türkei und Griechenland eine Null-Flüchtlinge-Politik fahren, sind die Kölner Vorkommnisse ein willkommener Anlass, ganz generell gegen Muslime und Einwanderer zu wettern.

Dabei wird gern zusammengerührt, was nichts miteinander zu tun hat. Der Attentatsversuch von Paris am Jahrestag des "Charlie-Hebdo"-Massakers und die Silvesternacht in Köln sind für den slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico der Beweis, dass der Multikulturalismus eine "Fiktion" sei.

Fico warnt vor einer Front der Muslime. Man werde nie eine Entscheidung treffen, die eine "geeinte muslimische Gemeinschaft in der Slowakei" ermögliche. Mit Bezug auf Paris und Köln ergänzte Fico: "Wer Migranten ins Land lässt, kann mit solchen Problemen konfrontiert werden."

Die bulgarische Tageszeitung "Novinar" zieht eine direkte Verbindung zu Angela Merkel und gibt der Bundeskanzlerin eine Mitschuld an dem, was sich in Köln zugetragen hat. Sie habe in "liberaler Naivität" die "Jagdsaison" von "Afrikanern und Arabern" auf Frauen eröffnet.

  • Polen

Die nationalkonservative Regierung Polens nutzte die sexuellen Attacken in Köln, um ganz allgemein vor Einwanderern zu warnen. Vizeregierungschef Piotr Glinski sagte im polnischen Fernsehsender TVN 24, Warschau werde Flüchtlinge genau unter die Lupe nehmen. "Junge Männer, die Helden der Ereignisse von Köln" wolle man in Polen nicht haben. Glinski behauptet außerdem, dass es ähnliche Übergriffe schon seit Jahren in Deutschland gebe.

Die konservative Tageszeitung "Rzeczpospolita" beklagt Selbstzensur deutscher Medien. Der Publizist Tomasz Gabis schreibt: "Das ist keine Überraschung für mich, denn in Deutschland ist diese Art der Exzesse ein Tabu-Thema - verbunden mit politischer Korrektheit." Einwanderer würden per Definition als Opfer wahrgenommen. Deshalb werde nicht darüber berichtet, dass sie auch aggressiv sein könnten. Diese Äußerung ist nachweislich Unfug, wie Sie hier nachlesen können.

  • Italien

Außer Rand und Band scheint die italienische Chefredakteurin der "Huffington Post", Lucia Annunziata, die über Köln bloggt - und deren Text, warum auch immer, auf der Homepage der linksliberalen "Repubblica" verlinkt wird.

Vielleicht haben sich die römischen Kollegen von Annunziatas links-kämpferischer Überschrift verwirren lassen. Der Slogan "No Pasaran" (etwa: "Sie werden nicht durchkommen") gehört eigentlich zum Jargon linker Straßenkämpfer:

Linke Anmutung, rechte Thesen: Frauenkörper - no pasaran! Zur Großansicht
huffingtonpost.it

Linke Anmutung, rechte Thesen: Frauenkörper - no pasaran!

Was dann kommt, ist allerdings krude und vermengt wichtige Argumente für den Schutz von Frauen mit Fremdenfeindlichkeit: "Wir Frauen, wir europäischen Frauen, müssen eine echte Diskussion darüber beginnen, was die Einwanderung in unsere Länder bringt. Über das Unbehagen, über die wirklichen Bedrohungen für unsere körperliche Unversehrtheit, die wir auf der Straße spüren."

Annunziata schreibt von einer "sexuellen Aggression von tausend jungen Arabern und Nordafrikanern gegenüber allen Frauen, die ihren Weg kreuzen" und von einer "Gewalt, die die hormonelle Frustration frustrierter Männer" entlarve.

Auch wenn sie Schutzbedürftige grundsätzlich aufnehmen will, hält Annunziata Einwanderung für sehr gefährlich. Die Angreifer in Köln hätten konzertiert gehandelt und ihre "große Anzahl wie eine Vernichtungswaffe" eingesetzt.

  • Finnland

Der finnische Verteidigungsminister und Parteivize der rechtspopulistischen Partei Die Finnen, Jussi Niinistö, schreibt, es dürfe in Finnland keinen Tahrir-Platz geben.

Während des Arabischen Frühlings hatte es bei den Massenprotesten auf dem Tahrir-Platz in Kairo, die zum Sturz des Militärmachthabers Hosni Mubarak führten, sexuelle Angriffe auf Frauen gegeben. Umstritten ist, inwieweit die Attacken vom Sicherheitsapparat Mubaraks orchestriert oder spontan in der Menge begangen wurden.

Niinistö schreibt in seinem Blog, "Tahrir und Köln hätten auch in Finnland passieren können". Es werde keine leichte Aufgabe, "vor allem Männer aus dem Nahen Osten, die Asyl erhalten, in Finnland zu integrieren".

  • USA
Und natürlich darf neben den Wahren Finnen einer nicht fehlen: der wahre Donald Trump. Er ist nach wie vor der mögliche US-Präsidentschaftskandidat der Republikaner und eine Fachkraft für unscharfe, verleumderische Kommentare. Das stellt Trump nun auch beim Thema Muslime, Köln und Paris unter Beweis. Deutschland erlebe massive Angriffe durch "die Immigranten, die ins Land gelassen werden", schrieb er am 6. Januar.

Nach dem Pariser Anschlagsversuch am 7. Januar legte der Immobilienunternehmer per Twitter nach, sachlich nicht ganz korrekt: Ein Mann sei auf einer Polizeiwache in Paris erschossen worden - ganz Deutschland sei "ein Sauhaufen, viel Kriminalität".

Mitarbeit: Christina Hebel, Julia Stanek, Marta Solarz, Michelle Trimborn

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