Erfolgloser Uno-Sondergesandter: Entnervter Kofi Annan schmeißt hin

Er will nicht mehr: Kofi Annan gibt nach sechs Monaten seinen Posten als Syrien-Sondergesandter auf. In der Begründung rechnet der ehemalige Uno-Chef mit dem Sicherheitsrat ab. Er habe nicht alle Unterstützung bekommen, die der Fall verdiene.

New York - Kofi Annan, ehemaliger Chefdiplomat der Vereinten Nationen, gilt als Mann mit moralischem Gewissen. Mit Geschick und Charisma setzte er sich für Arme und Unterdrückte ein, warb für Frieden und Gerechtigkeit. Seine sanfte Diplomatie brachten ihm und der Uno 2001 den Friedensnobelpreis ein. Doch all diese Fähigkeiten nutzten Annan in diesem Jahr nichts. Enttäuscht und verärgert schmiss er nach nur sechs Monaten jetzt einen der derzeit schwierigsten Vermittlerjobs hin: Annan will nicht länger internationaler Sondergesandter für Syrien sein. Sein Mandat endet am 31. August.

Die Erklärung fiel für Diplomaten äußerst deutlich aus. Das Ziel der Verbalattacke: Der Uno-Sicherheitsrat. Er habe "nicht alle Unterstützung bekommen, die der Fall verdient", begründete Annan seinen Schritt. Es gebe Unstimmigkeiten innerhalb der internationalen Gemeinschaft, was seine Aufgabe erschwert habe, sagte er bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in Genf. Während das syrische Volk verzweifelt um Frieden bete, gehe in New York der Streit zwischen den Vetomächten weiter, beklagte Annan. "Ohne ernsten, entschlossenen und vereinten internationalen Druck, auch von den Mächten der Region, ist es mir wie auch jedem anderen unmöglich, an erster Stelle die syrische Regierung - und auch die Opposition - zu zwingen, mit den nötigen Schritten für einen politischen Prozess zu beginnen", sagte der 74-Jährige.

Vor allem kritisierte Annan gegenseitige Schuldzuweisungen im Sicherheitsrat. Gemeint ist die Blockade in dem Gremium: Auf der einen Seite Russland und China, die Assad stützen, und auf der anderen Seite die USA, Frankreich und Großbritannien. Russland und China haben bereits mehrfach eine bindende Resolution des Uno-Sicherheitsrats gegen Syrien blockiert.

Immer wieder mahnte er, immer wieder blieb er machtlos

Seit fast eineinhalb Jahren protestieren die Menschen in Syrien gegen Machthaber Baschar al-Assad, nach Oppositionsangaben starben bisher mindestens 19.000 Menschen. Annan war am 23. Februar von den Vereinten Nationen und der Arabischen Liga damit beauftragt worden, im Syrien-Konflikt zu vermitteln. Er sollte sich für das Ende der Gewalt und der Menschenrechtsverletzungen einsetzen. Doch Annans Bemühungen um eine Waffenruhe blieben erfolglos. Im April hatte er einen Waffenstillstand zwischen dem Assad-Regime und der Oppositionsbewegung ausgehandelt, an den sich beide Seiten aber nicht hielten. Auch Annan musste dafür heftige Kritik einstecken - er sei zu zaghaft, hieß es.

In den vergangenen Wochen hatte sich der Konflikt in Syrien immer weiter verschärft. Auch am Donnerstag lieferten sich die Regierungstruppen und die syrischen Oppositionellen erbitterte Kämpfe. Hunderttausende Syrer sind auf der Flucht. Der blutige Kampf um Aleppo und die Aussicht auf einen lang andauernden und opferreichen Bürgerkrieg selbst nach einem Sturz Assads haben nun offenbar den letzten Anstoß für Annans Rücktritt gegeben. Immer wieder hatte er die Mitglieder im Sicherheitsrat aufgefordert, endlich ihre Differenzen zu überwinden. Immer wieder blieb er machtlos - in New York und in Damaskus.

Schuldzuweisungen der Vetomächte

Und auch jetzt machen die fünf Vetomächte genau mit der Haltung weiter, die Annan zum Aufgeben bewegt hat: Die USA und Russland reagierten mit gegenseitigen Schuldzuweisungen auf den Rücktritt. Seine Entscheidung verdeutliche das Versagen von China und Russland, sagte US-Regierungssprecher Jay Carney. Der russische Uno-Botschafter, Wiktor Tschurkin, warf den Westmächten vor, gegen Annans Vorschläge opponiert zu haben und sagte: "Wir haben Kofi Annans Bemühungen unterstützt. Wir hoffen, dass Kofi Annan im verbleibenden Monat trotz schwerer Bedingungen noch Erfolge erzielen kann."

Warum Annan sich diesen Job überhaupt angetan hat, kann anhand der Biografie des 74-Jährigen erklärt werden. In all seinen Funktionen als "Super-Diplomat" hatte er immer wieder das Versagen großer Mächte im Angesicht menschlicher Katastrophen erlebt - bis hin zum Völkermord 1994 an nahezu einer Million Menschen in dem ostafrikanischen Kleinstaat Ruanda. Annan war damals Chef der Uno-Friedenstruppen. Kritiker halten ihm bis heute vor, er habe nicht deutlich genug vor den sich abzeichnenden Massakern gewarnt. Die Uno-Truppen wurden damals auf Geheiß des Sicherheitsrates abgezogen - die bislang größte Schande der Vereinten Nationen.

Entscheidend dafür war zwar vor allem die Ablehnung eines robusten Militäreinsatzes durch die USA. Doch Historiker fragten, ob es nicht doch zu einem Eingreifen gekommen wäre, wenn Annan unter Protest als Chef der Uno-Friedenstruppen zurückgetreten wäre und die Welt alarmiert hätte. Diesmal hat er sich für den Rücktritt und gegen das Schweigen entschieden.

Wer die Nachfolge Annans antreten wird, war zunächst unklar. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er sei mit seinem Kollegen der Arabischen Liga, Nabil Elaraby, darüber in Gesprächen. Über seinen noch unbekannten Nachfolger sagte Annan: "Die Welt ist voller verrückter Leute wie ich. Seien sie also nicht überrascht, wenn Generalsekretär Ban jemanden findet, der einen besseren Job als ich macht."

lgr/dpa/AFP

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insgesamt 71 Beiträge
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1. Er hat es versucht....
juergw. 02.08.2012
Zitat von sysopAPEnde August ist Schluss: Kofi Annan, der internationale Syrien-Sondergesandte der Uno, tritt von seinem Posten zurück, nach gerade mal sechs Monaten im Amt. Seine Vermittlung konnten das Blutvergießen nicht stoppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847927,00.html
aber wenn jeder auf jeden schießt:Sunniten.Schehiten,Aleviten,Drusen, Desertierte,Armee,Banditen etc. Wer soll da noch durchblicken-unter hinter den Kulissen noch mehre Interessengruppen.Assad ist da nur eine Schachfigur...
2. Wenn die UNO etwas bewirken könnte..
LeisureSuitLenny 02.08.2012
Zitat von sysopAPEnde August ist Schluss: Kofi Annan, der internationale Syrien-Sondergesandte der Uno, tritt von seinem Posten zurück, nach gerade mal sechs Monaten im Amt. Seine Vermittlung konnten das Blutvergießen nicht stoppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847927,00.html
.. also ausser viel Geld zu kosten und zu debattieren - dann wäre sie doch schon lange verboten. Bei einem "sustained war" wie Irak, Afghanistan oder auch Syrien hat niemand den Waffenhändlern reinzureden.
3. nein, ...
mybrainsays 02.08.2012
Zitat von juergw.aber wenn jeder auf jeden schießt:Sunniten.Schehiten,Aleviten,Drusen, Desertierte,Armee,Banditen etc. Wer soll da noch durchblicken-unter hinter den Kulissen noch mehre Interessengruppen.Assad ist da nur eine Schachfigur...
assad ist der täter! getreu dem motto teile und herrsche hetzt er in der auseinandersetzung in der es eigentlich nur um ihn geht, die glaubensrichtungen gegeneinander auf. das wird sein zweites vermächtnis, neben einem völlig zerbombten land.
4.
Thomas-Melber-Stuttgart 02.08.2012
Zitat von sysopAPEnde August ist Schluss: Kofi Annan, der internationale Syrien-Sondergesandte der Uno, tritt von seinem Posten zurück, nach gerade mal sechs Monaten im Amt. Seine Vermittlung konnten das Blutvergießen nicht stoppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847927,00.html
Der Friedensplan konnte nicht umgesetzt werden, weil sich die sog. Rebellen verweigert haben. Hingegen haben Rußland, China und Assad dem zugestimmt.
5. Formsache
benutzer10 02.08.2012
Zitat von sysopAPEnde August ist Schluss: Kofi Annan, der internationale Syrien-Sondergesandte der Uno, tritt von seinem Posten zurück, nach gerade mal sechs Monaten im Amt. Seine Vermittlung konnten das Blutvergießen nicht stoppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847927,00.html
Eine Formsache. Seine Vermittlung SOLLTE das Blutvergießen, oder anders, den Versuch, den syrischen Staat zu stürzen, nicht stoppen. Das war eine reine Alibimaßnahme. Eine erfolgreiche Bilanz also.
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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