Kolonialverbrechen Gefoltert im britischen Gulag

Das Empire gilt Nostalgikern immer noch als Glanzzeit der britischen Geschichte. Jetzt offenbaren Akten, die 50 Jahre unter Verschluss gehalten wurden, wie brutal die Engländer gegen Aufständische der Kolonie Kenia vorgingen. Die damaligen Folteropfer ziehen nun vor Gericht.

AFP

Von , London


Kenia ist im heutigen Großbritannien bekannter als das Land, in dem Prinz William auf einem Romantik-Trip seiner Kate den Verlobungsring präsentierte. Doch in diesen Tagen rückt die einstige Kolonie den Briten wieder anders in Erinnerung - als Schauplatz eines der finstersten Kapitel des Empires.

Vier hochbetagte Kenianer haben die britische Regierung vor dem Londoner High Court verklagt. Sie fordern Wiedergutmachung für die Folter, die sie in den fünfziger Jahren in britischen Arbeitslagern in dem ostafrikanischen Land erlitten haben. Damals wurden 150.000 Kenianer bei der Niederschlagung der Mau-Mau-Rebellion gegen die britische Herrschaft interniert. Zwei der Kläger wurden der Klageschrift zufolge kastriert, einer bewusstlos geprügelt und eine Frau sexuell missbraucht - mit Flaschen, die mit heißem Wasser gefüllt waren.

"Bezahlt für den britischen Gulag in Kenia", stand auf einem der Schilder, mit denen sie vor Prozessbeginn vor dem Gerichtsgebäude posierten.

Der Prozess hat in der britischen Öffentlichkeit eine Debatte über Schuld und Aufarbeitung ausgelöst. Als Folge der Klagen musste das Außenministerium diese Woche einräumen, dass in seinen Archiven noch 2000 Kartons mit Geheimakten aus 37 ehemaligen Herrschaftsgebieten lagern. "So viel Material wie möglich" solle davon nun veröffentlicht werden, sagte der Staatssekretär des Außenministeriums, Lord Howell. Die Akten waren seit knapp 50 Jahren in der MI6-Villa Hanslope Park in der Grafschaft Buckinghamshire versteckt.

Die Kläger sind nur vier von Tausenden Opfern

Die Veröffentlichung könnte eine Klagewelle gegen die britische Regierung auslösen. Denn die kenianischen Kläger sind nur vier von Tausenden Opfern des Empires in der ganzen Welt. Schon am ersten Prozesstag am Donnerstag wurde deutlich, wie explosiv die Akten des Außenministeriums sind.

Laut David Anderson, einem Afrika-Experten der Oxford University, der als Sachverständiger Einblick in 300 Akten erhielt, enthalten sie Beweise, wie die britische Regierung das brutale Vorgehen damals systematisch zu vertuschen suchte. In Telegrammen zwischen Nairobi und London wurde höchste Geheimhaltung angemahnt - die Regierenden waren sich der Gesetzesbrüche in ihren Arbeitslagern bewusst. "Wenn wir sündigen, müssen wir leise sündigen", schrieb der Generalstaatsanwalt der kenianischen Kolonialregierung, Eric Griffiths-Jones.

Die "Times" kommt nach erster Akteneinsicht zu dem Schluss, dass die Mau-Mau-Rebellion nicht nur unter Aussetzung des Rechtsstaats, sondern auch mit "Sadismus" unterdrückt wurde. In Telegrammen wird erwähnt, dass Gefangene bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Die Zeitung fühlt sich an die Foltermethoden und Massenexekutionen in der französischen Kolonie Algerien erinnert.

Wie die britische Regierung die Kolonialzeit zu umgehen versucht

Die britische Regierung lehnt jegliche Verantwortung für Vorfälle in der Kolonialzeit ab. Ihre Juristen vertreten die Position, dass London nicht zuständig sei, weil mit der Unabhängigkeit sämtliche Verantwortung auf die neue Regierung des jeweiligen Landes übergegangen sei. Mit diesem Argument könnte sie am Ende um Reparationszahlungen herumkommen. Die Debatte um die Aufarbeitung der Vergangenheit ist jedoch nicht mehr zu stoppen.

Es gehe nicht nur um Kenia, kommentierte die "Times" in einem Leitartikel. Sämtliche Akten zu den Kolonien müssten veröffentlicht werden, "und zwar vollständig". Sarkastisch ätzte das Blatt: "Selbst wenn das Außenministerium eine gewisse Begabung dafür besitzt, so ist es doch eine ziemliche Leistung, 30 Regalmeter Akten ein halbes Jahrhundert lang zu ignorieren."

Die Akten wurden wenige Tage vor der kenianischen Unabhängigkeit 1963 ausgeflogen. Während die meisten Akten der Kolonialregierung in den Besitz Kenias übergingen, sei es "generelle Praxis" gewesen, "ausgewählte Dokumente des Gouverneurs" nach Großbritannien zu schicken, erklärte Außenstaatssekretär Howell vor dem Oberhaus.

Großbritannien trage die Verantwortung für viele Probleme auf der Welt

Die Veröffentlichung dieser Akten wird laut Howell nun einige Jahre dauern, und es dürften noch einige unangenehme Wahrheiten ans Licht kommen. Dass die dunkle Vergangenheit des Empires weiterer Aufarbeitung bedarf, zeigte diese Woche die Empörung über David Cameron. Der Premierminister hatte am Dienstag in Pakistan auf eine Frage zum Kaschmir-Konflikt geantwortet, Großbritannien trage die Verantwortung für viele Probleme auf der Welt.

Das ist eine Tatsache, doch die Aussage löste einen Aufstand in der Heimat aus. Kritik am Empire gilt in konservativen Zirkeln als unpatriotisch. Der Premierminister dürfe sein Land im Ausland nicht schlecht reden, schimpfte der "Daily Telegraph". Ausnahmsweise lobte das Blatt einmal Camerons Vorgänger Gordon Brown. Der hatte in Südafrika vor einigen Jahren gesagt, die Zeiten, da Großbritannien sich für seine koloniale Vergangenheit entschuldigen müsse, seien vorbei.

Es liegt nun an der britischen Regierung zu zeigen, wie offen sie mit den unrühmlichen Kapiteln der Kolonialzeit umgehen will. Wie viele der 2000 Kartons wird sie tatsächlich freigeben? "So ein geheimes Aktenlager ist nicht nur von unschätzbarem Wert für Historiker", schreibt die "Times". Es könnte auch das nationale Bild der letzten Tage des britischen Empires neu bestimmen.



insgesamt 79 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gebetsmühle 10.04.2011
1. aufarbeitung ist längst fällig
Zitat von sysopDas Empire gilt Nostalgikern immer noch als Glanzzeit der britischen Geschichte. Jetzt offenbaren Akten, die 50 Jahre unter Verschluss gehalten wurden, wie brutal die Engländer gegen Aufständische der Kolonie Kenia vorgingen. Die damaligen Folteropfer ziehen nun vor Gericht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,755914,00.html
der kolonialismus war eine böse zeit. in allen kolonien aller länder war das so. da gibts nix zum beschönigen. vor allem in amerika haben die kolonisten ja bekanntlich gewütet wie nix gutes.
Passivist 10.04.2011
2. Titel?
Mal sehen wie lange es dauert, bis die ersten sagen, der Kolonialismus habe Stabilität und Frieden gebracht.
Layer_8 10.04.2011
3. hmmm
Zitat von sysopDas Empire gilt Nostalgikern immer noch als Glanzzeit der britischen Geschichte. Jetzt offenbaren Akten, die 50 Jahre unter Verschluss gehalten wurden, wie brutal die Engländer gegen Aufständische der Kolonie Kenia vorgingen. Die damaligen Folteropfer ziehen nun vor Gericht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,755914,00.html
"so war die Zeit damals", kann man ja argumentieren. Ich denke, dass andere Länder da viel schlimmer gewütet hatten. Also, ich war schon in vielen Ländern des ehemaligen "Empires", und die funktionieren heutzutage meistens relativ "normal", aus europäischer Sicht. Und jetzt kehre ich vor meiner eigenen Haustür: Namibia, Tansania, Kamerun; achja Samoa gabs ja auch noch, Deutsche Partygesellschaft dort, damals, nur aus Prestige. Majestät wünschte "Sonne". In Namibia übrigens war ich bei der Bevölkerung eigentlich recht beliebt, ich hatte mich vor der Reise vorbereitet und die Hereros dort, mit einem hab ich immernoch e-mail Kontakt. Anders läuft das mit den ehemaligen Kolonien Frankreichs, siehe Westafrika. Chaos und Blutvergießen haben die zurückgelassen. Siehe Guinea, Sekou Touré; Vietnam, Sie wissen schon... Das ganz schlimme kam aber nachher: Kalter Krieg, US of A und CCCP. Daher beruhen die heutigen Probleme, und der lachende dritte ist mittlerweile China, besonders in Afrika. Es hört nicht auf...
Centurio X 10.04.2011
4. Was bei zwei Beispielen ohne 2 Sekunden Nachdenken...
Zitat von PassivistMal sehen wie lange es dauert, bis die ersten sagen, der Kolonialismus habe Stabilität und Frieden gebracht.
... gesagt werden kann und für den Kongo und Somalia auch tatsächlich zutrifft. Bei mehrminütigem Nachdenken fallen mir noch dazu eine Vielzahl von afrikanischen Staaten ein, wo es der heutigen Bevölkerung unter Ihrer "Führungselite" bedeutend schlechter ergeht, als es ihren Vorfahren unter der Kolonialherrschaft der Euopäer ergangen ist.
Layer_8 10.04.2011
5.
Zitat von Layer_8"so war die Zeit damals", kann man ja argumentieren. Ich denke, dass andere Länder da viel schlimmer gewütet hatten. Also, ich war schon in vielen Ländern des ehemaligen "Empires", und die funktionieren heutzutage meistens relativ "normal", aus europäischer Sicht. Und jetzt kehre ich vor meiner eigenen Haustür: Namibia, Tansania, Kamerun; achja Samoa gabs ja auch noch, Deutsche Partygesellschaft dort, damals, nur aus Prestige. Majestät wünschte "Sonne". In Namibia übrigens war ich bei der Bevölkerung eigentlich recht beliebt, ich hatte mich vor der Reise vorbereitet und die Hereros dort, mit einem hab ich immernoch e-mail Kontakt. Anders läuft das mit den ehemaligen Kolonien Frankreichs, siehe Westafrika. Chaos und Blutvergießen haben die zurückgelassen. Siehe Guinea, Sekou Touré; Vietnam, Sie wissen schon... Das ganz schlimme kam aber nachher: Kalter Krieg, US of A und CCCP. Daher beruhen die heutigen Probleme, und der lachende dritte ist mittlerweile China, besonders in Afrika. Es hört nicht auf...
und Viet-Nam liegt nicht in Afrika, sorry, falsche Formulierung.. lol
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.