Kolumbien Der Nobelpreis ist da - wo bleibt der Frieden?

Toribío ist ein Nest in Kolumbiens Bergen - und eine der Keimzellen der Farc-Rebellen. Die Menschen dort wollen nur eins: Frieden. Durch den Nobelpreis an Präsident Santos schöpfen sie neue Hoffnung.

AFP

Von


Das Dorf Toribío steht wie kaum ein anderes für Leid und Schrecken des kolumbianischen Bürgerkriegs: Angriffe der Farc, Besetzung des Dorfs durch Polizei und Militärs, Überfälle der Paramilitärs. Alles hat es dort gegeben. Kein Wunder also, dass der Friedensnobelpreis für Präsident Juan Manuel Santos gerade in Toribío ganz besondere Hoffnungen weckt.

Es war 5.30 Uhr, als Alcibiades Escué am Freitag ein Anruf aus dem Schlaf riss. Der aufgeregte Reporter eines lokalen Radiosenders wollte wissen, was der Bürgermeister der Gemeinde denn von der Nachricht aus dem fernen Oslo halte. Escué sammelte sich kurz und sagte dann, ganz Politiker: "Der Friedensnobelpreis ist der Rückenwind, den wir gebraucht haben."

An Schlaf dachte Escué danach nicht mehr. Der Bürgermeister wappnete sich gegen die morgendliche Kälte in den Bergen des kolumbianischen Departements Cauca und hörte sich auf den Straßen seiner 4500-Seelen-Gemeinde Toribío um: "Die Stimmung hatte sich um 180 Grad gedreht", erzählt Escué nun im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Menschen hatten wieder ein Lächeln im Gesicht, die Hoffnung war plötzlich wieder da, dass das Friedensabkommen nun doch noch rasch umgesetzt werden kann."

Eine Zuversicht, die nach dem Plebiszit vom 2. Oktober, als die Kolumbianer hauchdünn das Abkommen zwischen Regierung und Farc-Rebellen zurückwiesen, verschwunden war. "Die Menschen hier in Toribío finden, dass der Preis auch ein bisschen ihnen gehört", sagt der 53-jährige Escué. "Schließlich stehen wir seit 20 Jahren im Kreuzfeuer dieses Krieges".

Das bergige und grüne Cauca ist eine der Regionen Kolumbiens, die am härtesten unter dem 52 Jahre währenden Konflikt zwischen Linksrebellen, Staat und ultrarechten Paramilitärs gelitten hat. Hier ist eine der Ursprungsregionen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, kurz Farc. Hier wurde im November 2011 der damalige Farc-Chef Alfonso Cano getötet. Experten schätzen, dass die Guerilla phasenweise in mindestens 40 Prozent des Cauca vertreten war. Die Region ist reich an Mineralien, Wasser und Kohle, eines der größten Koka-Anbaugebiete des Landes und zudem ein wichtiger Korridor zur Pazifikküste.

Kurzum: In dem Departement bündeln sich fast alle Probleme Kolumbiens. Illegaler Bergbau, Drogenschmuggel, Landraub, Erpressung. Und neben der Farc und der kleinen ELN-Guerilla mischen dort paramilitärische Gruppen, Drogenschmuggler und gewöhnliche Kriminelle mit. Und mittendrin liegt Toribío.

Fotostrecke

9  Bilder
Kolumbien: Kolumbiens Konflikt mit den Farc-Rebellen

"Wir wollen endlich ein Leben wie normale Menschen führen können"

Die Menschen, vor allem Ureinwohner vom Stamm der Nasa, haben sich als "neutral" erklärt. Sie haben versucht, Drogenlabore und Marihuana-Plantagen aus ihrem Gebiet zu verbannen, Maschinenparks illegaler Minen angezündet, und sie wehren sich sogar gegen Kontrollposten der Polizei mitten in ihrem Ort. Sie wollen mit keiner Seite was zu tun haben. Dennoch starben in den letzten Jahren rund 650 unbeteiligte Einwohner an Querschlägern oder Attentaten. Weltweite Aufmerksamkeit erregte eine in einem Bus von den Farc versteckte Bombe, die sie im Zentrum des Dorfes zündeten: Damals starben drei Menschen, über hundert wurden verletzt, viele Häuser beschädigt oder zerstört.

Weite Teile des Zentrums von Toribío sind von den jahrelangen Anschlägen und Angriffen gezeichnet, mancherorts stehen nur noch Ruinen. Wer nicht aus dem Ort floh, versteckte sich, ließ seine Kinder nicht mehr draußen spielen, ging bei Einbruch der Dunkelheit nicht mehr vor die Tür. So lief das viele Jahre.

Gerade deshalb haben die Einwohner des Orts am 2. Oktober beim Referendum mit überwältigender Mehrheit für den Frieden gestimmt. Auf 85 Prozent kam hier das "Sí", so wie in fast allen Orten und Regionen Kolumbiens, wo der Krieg am härtesten gewütet hat. Aber landesweit siegte das "No" mit gerade mal 60.000 Stimmen Vorsprung.

"Uns interessiert hier nicht, was die rechte Opposition sagt, ob nun der Castro-Chavismus nach Kolumbien kommt, das ist doch alles Quatsch und Propaganda", ärgert sich der Bürgermeister. "Wir wollen nur endlich ein Leben wie normale Menschen führen können."

"Tränen und Schmerz sollen nie wieder nach Toribío zurückkehren"

Seitdem das Übereinkommen zwischen Farc und Regierung in Havanna Gestalt annahm, seien die Menschen im Laufe des vergangenen Jahres zunehmend nach Toribío zurückgekehrt, erzählt Juan Carlos Chamorro. "Die Menschen bauten ihre Häuser wieder auf, eröffneten Geschäfte, fingen an, ein Hotel zu bauen, und sogar einen Nachtclub haben wir jetzt", ergänzt Chamorro, der lange Jahre Ombudsmann in Toribío war. Aber nach dem Plebiszit fielen die Menschen in eine Art Schockstarre, von einen auf den anderen Tag rührte niemand mehr eine Hand.

Derweil rätseln im fernen Bogotá die Experten, ob der Nobelpreis dem Präsidenten tatsächlich Rückenwind für die Nachverhandlungen der Havanna-Verträge verschafft. Das Problem ist komplex, denn die Rechtsaußen-Opposition vom "Centro Democrático" um Ex-Präsident Álvaro Uribe rückt von ihren Forderungen kaum ab, und die Farc geben sich zwar offen, aber an den Knackpunkten der politischen Beteiligung und möglichen Haftstrafen werden sie kaum Zugeständnisse machen.

Dennoch gibt es Optimisten: "Ohne Zweifel verändert die Auszeichnung das Kräfteverhältnis zugunsten von Santos. Sie gibt ihm eine sehr große Legitimität", urteilt Andrei Gómez Suárez, Hochschullehrer und Mitglied der Organisation "Rodeemos el Diálogo". (etwa: "Schützen wir den Dialog").

Das Abkommen soll in Teilen schon bald umgesetzt werden

Am Sonntag veröffentlichte Uribe eine Liste mit zehn Punkten, bei denen er Veränderungen verlangt. Vor allem fordert er bis zu acht Jahren Haft für die Guerilleros, die sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht haben. Einziges Zugeständnis: Die Strafen sollen sie auf "landwirtschaftlichen Farmen" verbüßen dürfen.

Noch liegen die Positionen dramatisch auseinander. Aber die Zeit drängt, denn unbegrenzt kann der Waffenstillstand nicht ausgedehnt werden. Und schon ein einziges Scharmützel in irgendeiner Ecke Kolumbiens könnte reichen, den Krieg zurückzubringen.

So lange aber wollen die Menschen in Toribío nicht warten. Gemeinsam mit rund 40 anderen Gemeinden im ganzen Land will Bürgermeister Alcibiades Escué mit Hilfe eines Verfassungsinstruments, Teile des Friedensabkommens bereits jetzt lokal implementieren. Die "Cabildos abiertos", die "offenen Gemeinderäte" sehen diese Möglichkeit vor, wenn sich die Einwohner per Unterschriftenlisten dafür aussprechen. "So könnten wir zumindest mit der Vernichtung der verbotenen Substanzen beginnen", sagt Escué und schiebt einen Satz entschieden hinterher: "Wir lassen auf keinen Fall zu, dass uns der Frieden dieses Mal wieder abhandenkommt. Tränen und Schmerz sollen nie wieder nach Toribío zurückkehren".

Im Video: Nobelpreis für Kolumbiens Präsident Santos

REUTERS


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.