Von Klaus Ehringfeld
Bogota/Oslo - "D-Day" schrieb die kolumbianische Tageszeitung "El Tiempo" am Mittwoch euphorisiert. Tag der Entscheidung. Der historische Vergleich hinkt zwar ein wenig, aber für die meisten Kolumbianer geht es bei den Verhandlungen zwischen Farc-Rebellen und der Regierung, die gerade in Oslo beginnen, tatsächlich um die Frage von Krieg oder Frieden. Fast 50 Jahre nach dem Beginn des Bürgerkriegs in dem südamerikanischen Land sind beide Seiten entschlossen, den Konflikt am Verhandlungstisch fortzusetzen und dort auch zu beenden.
Seit anderthalb Tagen sitzen die Vertreter von Präsident Juan Manuel Santos und der ältesten Linksguerilla Lateinamerikas im Hotel Hurdalsjoen am Rande der norwegischen Hauptstadt nun schon zusammen und beraten über Agenda und Dynamik der Friedensverhandlungen, die in rund zwei Wochen formell in Kuba beginnen sollen. Am Donnerstag hat die Farc laut der kolumbianischen Regierung in Oslo ihren Willen betont, den Konflikt beizulegen. Am Freitag werden die Unterhändler der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) zum Rapport nach Havanna zurückkehren und die Regierungsunterhändler nach Bogotá.
Zehn Jahre nach dem dramatischen Scheitern der Friedensgespräche von San Vicente del Caguán im kolumbianischen Departement Caquetá sind beide Seiten dieses Mal zum Erfolg verdammt. Die Bedingungen, der Ort und das politische Umfeld sind ganz anders als zwischen 1999 und 2002, aber das Ziel ist das gleiche: Das Ende des Bürgerkriegs, der mehr als 200.000 Menschen das Leben gekostet und Millionen zu Vertriebenen gemacht hat. Acht von zehn Kolumbianern befürworten die Verhandlungen zwischen Farc und der Regierung.
Seit die Farc um Manuel Marulanda und Jacobo Arenas 1964 die Waffen ergriff, hat es irgendwo in Kolumbien immer Anschläge, Scharmützel, Entführungen oder Einnahmen ganzer Dörfer gegeben. Die Rebellen traten seinerzeit als Bauernguerilla an, die mit Waffengewalt notwendige Veränderungen durchsetzen wollten. Eine Landreform ist bis heute eines der am deutlichsten von ihnen vorgetragenen Ziele. Sie steht auch jetzt wieder auf der Agenda der Friedensgespräche.
Kolumbien ist reif für Frieden
Auch wenn sich die Farc in großen Teilen inzwischen dem Drogenhandel verschrieben hat, bestreiten Experten nicht, dass die Linksrebellen noch immer eine politische Agenda verfolgen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, damit die überraschend von Präsident Santos ausgerufenen Friedensgespräche gelingen können. Kolumbien ist nach einem halben Jahrhundert tiefer und bitterer Auseinandersetzungen reif für Frieden. Die Bevölkerung hat lange schon genug von der Gewalt, die Farc ist ausreichend geschwächt, um an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Und Santos weiß, dass sein wirtschaftlich aufstrebendes Land nur in den Kreis der konsolidierten Demokratien aufgenommen wird, wenn es den anachronistischen Konflikt hinter sich lassen kann.
Zudem haben sowohl die Farc als auch die Regierung eingesehen, dass der Krieg militärisch nicht zu gewinnen ist. Ob diese Rahmenbedingung ausreicht, das über Jahrzehnte gewachsene Misstrauen der Akteure zu überwinden, hänge an der Dynamik des Verhandlungsprozesses, sagt der Politologe und Lateinamerika-Experte Günther Maihold, Inhaber des Humboldt-Lehrstuhls in Mexiko-Stadt.
Die Agenda der Gespräche ist weitgehend bekannt. Dazu gehören Landreform, Eingliederung der Rebellen in die Politik, Lösung des Drogenproblems und Entschädigung der Opfer. An Sollbruchstellen mangelt es nicht: Entwaffnung der Farc, Verantwortung für Straftaten, vor allem wenn ihr Drogendelikte vorgeworfen werden, und die Schaffung einer Wahrheitskommission.
Die verpatzten Verhandlungen im Caquetá zwischen 1999 und 2002 dienen dabei als warnendes Beispiel. Diese fanden in einer entmilitarisierten Zone von der Größe der Schweiz statt. Die Gespräche blieben ergebnislos, auch weil die Farc die Freiheiten dazu nutzte, sich aufzurüsten, Rebellen auszubilden, Drogen anzubauen und Geiseln zu nehmen. Wirkliches Interesse an einer Verhandlungslösung hatten sie damals nicht. Nach der Entführung der damaligen Grünen-Politikerin und Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt brach die Regierung die Verhandlungen Ende Februar 2002 ab. Auch die Geduld der Bevölkerung war aufgebraucht.
Zu Hochzeiten 18.000 Kämpfer
Um ein neuerliches Desaster zu vermeiden, setzte Präsident Santos durch, dass im Ausland verhandelt wird und das Militär zu Hause zeitgleich weiter gegen die Farc vorgeht. Zugleich gewann er Staaten wie Norwegen und Kuba als Garantiemächte für die Verhandlungen, Chile und Venezuela beobachten zudem die Gespräche.
In ihrer Hochzeit hatte die älteste Guerilla Lateinamerikas 18.000 Kämpfer unter Waffen und kontrollierte fast die Hälfte des kolumbianischen Territoriums. Das ist lange vorbei. Unter Ex-Präsident Álvaro Uribe musste die Farc zwischen 2002 und 2010 empfindliche Schläge einstecken. Auch unter Santos wurde die Guerilla weiter dezimiert. Fast die gesamte historische Führungsriege ist getötet, sitzt im Gefängnis oder starb eines natürlichen Todes. Heute sind die Linksrebellen aus den Zentren des Landes verdrängt und der Staat hat die Hoheit über die Landwege zurückerobert.
Uribe verfolgte in seinen acht Jahren an der Macht mit messianischem Eifer die Vernichtung der Farc, während er den anderen illegalen Akteur, die ultra-rechten Todesschwadronen, schonte. Diese sind zwar offiziell demobilisiert. Aber sie morden, erpressen und drohen als neue Banden mit Namen wie "Rastrojos" oder "Aguilas negras" genauso wie früher. Zum Teil mit Duldung oder aktiver Hilfe der Staatsmacht. In ihrem Fadenkreuz sind Gewerkschafter, Menschenrechtsaktivisten und vertriebene Bauern, die versuchen, ihre Scholle unter Berufung auf das unter Santos verabschiedete Landrückgabegesetz wiederzuerlangen. In manchen Gegenden Kolumbiens sind die neuen Todesschwadronen eine größere Bedrohung für die Öffentliche Sicherheit als die Farc. Wahren Frieden kann es nur geben, wenn auch diese Gruppen keine Rolle mehr spielen.
Den Farc-Rebellen aber eröffnen die Verhandlungen jetzt die Chance, sich ins politische Leben einzugliedern und so ihre Ziele auf anderen Wegen zu verfolgen. Die Unterstützung von Gesellschaft, Gerichten, Kirche und dem größten Teil der Politik haben die Konfliktparteien.
Dass es ein langes und komplizierte Ringen um Zugeständnisse und Machtanteile wird, ist allen Beteiligten klar. Aber eine Alternative gibt es nicht: "Wenn die Farc-Rebllen dieses Mal wieder vom Verhandlungstisch aufstehen, gewinnen sie nichts", sagt der kolumbianische Schriftsteller Héctor Abad Faciolince. "Nur die Chance, mit ihren ergrauten Bärten im Urwald getötet zu werden".
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