Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kolumbien: Regierung und Farc-Rebellen einigen sich auf Friedensvertrag

Kolumbiens Staatschef (l.) schüttelt Farc-Anführer (r.) die Hand: Historischer Moment Zur Großansicht
REUTERS

Kolumbiens Staatschef (l.) schüttelt Farc-Anführer (r.) die Hand: Historischer Moment

Die Regierung Kolumbiens hat sich mit den linken Farc-Rebellen geeinigt: Beide Seiten wollen den rund 50 Jahre langen Konflikt juristisch aufarbeiten. Ein neuer Friedensvertrag soll in spätestens sechs Monaten fertig sein.

Zum ersten Mal sind Kolumbiens Staatschef Juan Manuel Santos und der Anführer der linken Guerillaorganisation Farc, Timoleón Jiménez, zu direkten Gesprächen zusammengekommen: In Kubas Hauptstadt Havanna verkündeten sie ihren Durchbruch bei den dreijährigen Friedensverhandlungen. Sie einigten sich auf einen juristischen Rahmen zur Aufarbeitung des über 50-jährigen Konflikts in Kolumbien.

"Wir sind Gegner, wir stehen auf verschiedenen Seiten, aber heute gehen wir in dieselbe Richtung, in Richtung Frieden", sagte Santos. Die Gespräche sollen seinen Angaben zufolge in den kommenden sechs Monaten zu einem Abschluss gebracht werden. Vor der Unterzeichnung eines Friedensvertrags muss der Text noch von den Kolumbianern in einem Referendum gebilligt werden.

Die Unterhändler verständigten sich auf ein eigenes Justizwesen zur Aufarbeitung der Verbrechen des Bürgerkriegs. Für politische Straftaten werde eine weitreichende Amnestie gewährt, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebe es hingegen keinen Straferlass.

Wer seine Beteiligung an schweren Verbrechen einräume, müsse mit einer Freiheitsstrafe von höchstens acht Jahren rechnen. Mit dieser Festlegung einer moderaten Maximalstrafe kamen die Unterhändler der Regierung den Farc-Chefs entgegen.

US-Außenminister John Kerry lobte den "historischen Durchbruch". Er habe Santos bereits angerufen, um ihm und seinem Team zu gratulieren. "Der Frieden ist nun näher denn je", sagte Kerry.

Wer ist die Farc?

Die jüngsten Verhandlungen zwischen Regierung und Farc begannen 2012, Kuba und Norwegen sollten den Prozess beobachten. Zwischendurch gerieten die Gespräche ins Stocken. Im Juli 2015 verkündete die Farc dann einen Waffenstillstand, die kolumbianische Regierung ordnete wenig später das Ende der Bombardierung von Farc-Stellungen an.

Die Organisation "Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens" (Farc) wurde im Jahr 1964 gegründet, ihre Mitglieder kämpfen gewaltsam gegen Großgrundbesitzer und die Regierung. Die Farc zählt heute rund 7000 Kämpfer und ist die größte noch aktive Rebellengruppe in Kolumbien. Sie finanziert sich vor allem durch Drogenhandel, illegalen Bergbau und Entführungen. Eines der prominentesten Opfer war die frühere kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die bis zu ihrer Befreiung 2008 mehr als sechs Jahre in der Gewalt der Rebellen war.

Farc-Chef Jiménez, besser bekannt als "Timochenko", wird in Kolumbien wegen Mordes, Terrorismus, Entführung und Rebellion gesucht. Mit bürgerlichem Namen heißt er Rodrigo Londoño.

In dem jahrzehntelangen Konflikt zwischen Farc und Regierung waren auch andere Rebellengruppen, rechtsgerichtete Paramilitärs und Drogenhändler beteiligt. Offiziellen Angaben zufolge wurden dabei etwa 220.000 Menschen getötet. Zudem wurden sechs Millionen Menschen zur Flucht gezwungen.

aar/dpa/AFP/Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Felicitades Columbianos!
mtsrbr 24.09.2015
Ein guter Tag für Kolumbien!
2. spannender Hintergrundbericht im Spiegel 18 / 2014
ulli7 24.09.2015
Über die langen Friedensverhandlungen zwischen der Regierung Kolumbiens und den linken FARC-Rebellen in einem Kongresshotel im Westen Havannas berichtete der SPIEGEL bereits im April vorigen Jahres : http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-126717960.html
3. Was nicht erwähnt wird, ist,
franz.mg 24.09.2015
Dass sich europäische Regierungen von Kolumbien bezüglich Demokratie eine Schreibe abschneiden können: Am Ende der gesamten Verhandlungen gibt es ein Referendum über den verhandelten Vertrag. In Deutschland gibt des Zwangsenteignung, da Flüchtlinge kommen. Gracias por ser parte de éste país con todo su orgullo, su amor, el respecto entre sus personas! Es gibt einen Artikel, der die Situation in Medellín schön beschreibt: http://www.hallocasa.com/pages/blog/article.xhtml?article=18&lang=de
4. Was jetzt in Kolumbien passiert.
Listkaefer 24.09.2015
Der "Kampf gegen Großgrundbesitzer" ist kein Thema in Kolumbien. Die Kaffee Plantagen sind durchweg im Besitz von kleinen Finca-Besitzern. Mehr als 3/4 der Bevölkerung lebt in Städten. Die FARC Guerrilla ist eine nach dem Ende des kalten Krieges übrig gebliebene Terrorgruppe, die früher mal marxistische politische Ziele hatte, danach aber schon seit vielen Jahren nur noch Angst und Terror verbreitet. Sie finanzieren sich vom Drogenhandel, illegalem Bergbau, erpressen Schutzgelder und betrieben lange Zeit eine umfangreiche Entführungsindustrie. Sie setzen Kindersoldaten ein. Massaker an der Zivilbevölkerung und Vertreibungen gehen ebenso auf ihr Konto wie Angriffe auf die kolumbianische Infrastruktur. Sie sprengen Strommasten und Ölpipelines und richteten dadurch gerade in letzter Zeit in Urwaldgebieten riesige Umweltdesaster an. Bei der kolumbianischen Bevölkerung sind sie verhasst und finden so gut wie keinen Rückhalt. Das Land ist gespalten: Einerseits wollen alle endlich ein Ende des Terrors - aber die Vorstellung, die FARC Bosse straflos davonkommen zu lassen oder nach dem Niederlegen der Waffen sogar als Akteure der kolumbianischen Parteipolitik zu erleben, ist sehr vielen Kolumbianern nicht zu vermitteln. Dennoch scheinen die Verhandlungen in Kuba der richtige Weg zu sein, das Land nun endlich auf den Weg zum Frieden zu bringdn. Allerdings ist zu befürchten, dass viele Guerrilleros sich nach dem Ende der FARC nicht in die Zivilgesellschaft integrieren, sondern sich bewaffneten Banden der organisierten Kriminalität anschließen werden, so dass das Land auch weiterhin nicht zur Ruhe kommt.
5. Fragwürdig
deichgraffe 24.09.2015
Das ist mit Sicherheit eine gute Meldung in Richtung Frieden. Aber wie geht man mit jemanden um, der Folter und Massaker an der Zivilbevölkerung gebilligt hat? Dabei sind die politischen Motive offtmals nur vorgeschoben. Das Geschäft mit Erpressungen und Drogenhandel hat so manchen FARC-Funktionär reich gemacht. Die einfachen Menschen Kolumbiens waren die Leidtragenden und werden nicht entschädigt. Wenigstens haben sie eine Perspektive auf ein friedlichens Leben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: