Kolumbien-Krise beigelegt: Südamerikas Scharfmacher schließen Spontanfrieden

Von , Quito

Eine Woche lang stand Lateinamerika am Rand der größten Krise seit dem Falklandkrieg - und dann das. Kolumbien, Ecuador und Venezuela legen ihren Konflikt ganz plötzlich bei. Eine Entschuldigung, ein sehr lateinamerikanisches Schulterklopfen: Auf einmal soll alles vergeben und vergessen sein.

Santo Domingo - Kameradschaftliches Händeschütteln, Witze - es war eine Versöhnung vor laufender Kamera. Von einem Augenblick zum nächsten klopften sich die Streithähne auf die Schultern. Lächelten sich freundschaftlich zu. Und verkündeten, ihre Beziehungskrise sei passé.

War da was?

Handschlag zwischen Uribe und Chávez (mit Gastgeber Fernández): Spontane Entspannung nach scharfer Eskalation
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Handschlag zwischen Uribe und Chávez (mit Gastgeber Fernández): Spontane Entspannung nach scharfer Eskalation

Noch am Freitagmittag hatten sich Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe und Ecuadors Staatschef Rafael Correa auf dem Gipfeltreffen der Mitgliederstaaten des Rio-Pakts in der Dominikanischen Republik angeschrieen. Nicht einmal Pinkelpausen wollte man sich gönnen, so groß war das Misstrauen des einen gegen den anderen.

Als "Helfershelfer von Terroristen" bezeichnete der Kolumbianer seinen ecuadorianischen Amtskollegen. Dem stieg die Zornesröte ins Gesicht. "Lügner" keilte er zurück. Für einen Moment sah es aus, als würde noch am Konferenztisch im karibischen Santo Domingo Krieg zwischen Bogotá, Quito und Caracas ausbrechen. Mexikos Präsident Felipe Calderón rief die Streithähne zum Einlenken auf, Gastgeber Leonel Fernández beschwor die Kontrahenten, den Konflikt nicht entgleisen zu lassen.

Aber ausgerechnet Hugo Chávez, der seinen jungen Präsidentenfreund Correa die ganze Woche über zu Konfrontation aufgestachelt hatte und Uribe noch einen Tag zuvor als "Lakaien des Imperiums" verunglimpft hatte, signalisierte schließlich Entspannung. Er verzichtete auf eine seiner stundenlangen, mit Beleidigungen gespickten Reden und sah den Kontrahenten schweigend zu.

Damit hatte wohl niemand gerechnet.

Als Uribe sich erneut dafür entschuldigte, dass Kolumbien bei dem Militärschlag gegen die Guerilla Farc auf ecuadorianischem Territorium am vergangenen Wochenende die Souveränität des Nachbarlandes verletzt habe, lenkte Correa überraschend ein: "Wenn Kolumbien sich verpflichtet, nie wieder ein Nachbarland so zu überrumpeln, können wir diesen schwerwiegenden Zwischenfall überwinden", bot er Uribe an.

Plötzlich wurde es ein Friedensgipfel

Der schlug erleichtert ein - ohne an das Versprechen Bedingungen zu verknüpfen, wie er das noch vorher getan hatte. Er ging auf Correa und sogar auf seinen Erzfeind Chávez zu und schüttelte ihm die Hand.

So wurde das Treffen von Santo Domingo überraschend zum Friedensgipfel. Jetzt müssen die Präsidenten die Scherben zusammenkehren.

Am besten steht zweifellos Kolumbiens Uribe dar: Er hat mit einem militärischen Überraschungscoup die Nummer Zwei der Farc, Raúl Reyes, ausgeschaltet und konnte eine ganze Woche lang genüsslich Correa und Chávez als Helfershelfer der Terroristen vorführen. Denn bei dem mit chirurgischer Präzision geplanten Militärschlag war den Kolumbianern ein Koffer mit vier Laptops von Reyes in die Hände gefallen.

Die E-Mails, Briefe und Dokumente auf den Computern geben einen tiefen Einblick, wie innig die Beziehung zwischen Chávez, Correa und der Farc ist. Demnach unterstützt Venezuela die Terroristen im Nachbarland finanziell, die Rede ist von 300 Millionen Dollar. Überdies bot man ihnen Beteiligungen an Ölgeschäften an. Chávez bezeichnet die Dokumente als gefälscht. Kolumbien will sie von unabhängigen Gutachtern untersuchen lassen.

Für die Farc ist das Bündnis mit Chávez hochwillkommen, denn militärisch sind die Rebellen erstmals in der Defensive. Kolumbiens Streitkräfte verfügen dank US-Militärhilfe über modernste Waffen und Aufklärungstechnik. Erstmals gelang es der Regierung, Spitzel in die Guerilla einzuschleusen und ihre Satellitentelefone abzuhören.

Noch ein Farc-Führer wurde getötet

In den vergangenen Monaten tötete das Militär mehrere wichtige Rebellenführer. Der militärische Druck auf die Farc ist so groß, dass die Comandantes sich offenbar inzwischen gegenseitig zerfleischen: Noch am Freitag wurde bekannt, dass nach Reyes auch Iván Ríos, ein zweites Führungsmitglied der Guerilla, getötet wurde - angeblich von einem seiner eigenen Untergebenen, sagte Kolumbiens Verteidigungsminister Juan Manuel Santos.

Der Guerillero habe Ríos erschossen, dessen Hand abgeschnitten und sie zusammen mit dessen Pass und Laptop den Streitkräften überreicht. Er habe ihn drei Tage zuvor umgebracht, damit das Militär den Druck auf die Guerilla verringere, verkündete der abtrünnige Rebell laut Santos.

Tatsächlich desertieren immer mehr Kämpfer aus den Reihen der Farc. Schätzungen von Experten zufolge ist die Anzahl der Guerilleros von 17.000 auf 8000 zusammengeschmolzen. Nur in den Nachbarländern konnten sich die Guerilleros bisher sicher fühlen. Sie haben sich deshalb in die Grenzgebiete zurückgezogen.

Vor allem nach Ecuador kamen sie immer gern: Der südliche Nachbar grenzt an die kolumbianische Provinz Putumayo, eine Hochburg der Farc und Hauptanbaugebiet für ihre Kokafelder. Die 600 Kilometer lange Grenze verläuft größtenteils durch Urwald und schroffe Berge und wird kaum kontrolliert.

Kolumbiens Staatschef zitierte genüsslich aus Reyes' Papieren

In ihrem Lager bei der Provinzstadt Nueva Loja, das Kolumbien am vergangenen Wochenende zerbombte, hatten sich die Rebellen für Monate eingerichtet. Sie hatten Treppen angelegt, Kühlschränke gekauft und Betten gebaut. Offenbar war das Lager Reyes' wichtigster Stützpunkt. Die Regierung in Quito ließ ihn gewähren. Innenminister Gustavo Larrea, ein eingefleischter Marxist, traf sich im Januar mit dem Rebellenführer. Präsident Correa erwog offenbar, die Farc offiziell anzuerkennen.

Fast eine Stunde zitierte Kolumbiens Staatschef in Santo Domingo genüsslich aus den Dokumenten auf Reyes' Computer, während Correa anlief und cholerisch wurde. Die Farc habe sogar dessen Wahlkampf mitfinanziert, warf Uribe dem Ecuadorianer vor.

Chávez erwähnte er mit keinem Wort. Uribe hat offenbar gelernt, dass es Chávez am meisten trifft, wenn man ihn schlichtweg ignoriert.

Der hat womöglich eingesehen, dass sein Säbelrasseln kontraproduktiv war. Bei einer Eskalation des Konflikts hätte er jede Chance verspielt, sich je wieder als großer Fürsprecher der lateinamerikanischen Einheit aufzuspielen.

Außerdem hatte er noch einen Trumpf in der Hand: Er verfüge über neue Lebenszeichen von sechs Geiseln der Farc, kündigte er in Santo Domingo an. Er hofft offenbar darauf, dass Uribe ihn nach der überraschenden Friedensgeste wieder als Vermittler in der Geiselfrage akzeptiert. Damit könnte er sein angeschlagenes Image auf dem Kontinent aufpolieren.

Nie werde er die Farc finanziell unterstützen, verkündete er treuherzig - ob er dieses in der Vergangenheit getan hat, ließ er dahingestellt. Für die ganze Krise in der Region seien im übrigen sowieso die ewigen Feinde aller Latinos verantwortlich: "Schuld sind die Amerikaner."

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