Kolumbien Monatelange Geheimdienstaktion führte zu Betancourts Befreiung

Ein erbeuteter Laptop war der Schlüssel zum Erfolg: Mit einer filmreifen Geheimdienstaktion wurden Ingrid Betancourt und 14 weitere Geiseln aus den Händen der kolumbianischen Farc befreit. Der Zerfall der Guerilla scheint nur noch eine Frage der Zeit - doch noch hält sie rund 700 Menschen in ihrer Gewalt.

Von , São Paulo


Fast war es, als wären die sechs Jahre Geiselhaft spurlos an ihr vorübergegangen: Die Folter, die Strapazen, die Krankheiten, die Depressionen, die Todessehnsucht, von der sie in ihrem letzten Brief geschrieben hatte, schienen plötzlich wie ein ferner Spuk. Ein Alptraum, der sich in ein Hollywood-reifes Happy End aufgelöst hat.

Ankunft in Bogotá: Ingrid Betancourt ist nach sechseinhalb Jahren Geiselhaft befreit
DPA

Ankunft in Bogotá: Ingrid Betancourt ist nach sechseinhalb Jahren Geiselhaft befreit

Eine lebensfrohe, aufgekratzte, selbstbewusste und offenbar weitgehend gesunde Ingrid Betancourt federte die Gangway des Flugzeugs herunter, das sie zur Militärbasis Catam bei Bogotá gebracht hatte. Auf ihrem Rücken wippte ein schwer aussehender Rucksack; kess und ein wenig schelmisch blitzten ihre Augen unter dem riesigen olivgrünen Sonnenhut, den ihr offenbar ein Soldat geliehen hatte. Ihr schlanker Körper steckte in einer Kampfuniform des kolumbianischen Heeres, ihre Stimme war fest, als sie ihren Befreiern auf Spanisch und Französisch dankte.

Die "Wut im Herzen", so der Titel ihres mittlerweile acht Jahre alten Buches, einer Abrechnung mit der politischen Klasse ihrer Heimat, scheint verraucht, die einst als schwarzes Schaf und rebellisches Bürgerkind Verspottete wächst jetzt in die Rolle der großen Versöhnerin.

Sie umarmte als erstes ihre Mutter Yolanda Pulecio, die unermüdlich für die Freilassung ihrer Tochter gekämpft hatte, dann dankte sie jedoch ihrem einstigen politischen Gegner, dem oft als hartherzig und unnachgiebig gescholtenen Präsidenten Álvaro Uribe, der jetzt die Stunde seines größten Triumphs feierte.

Ingrids Mutter hasst Uribe, sie macht ihn für das Geiseldrama mitverantwortlich. Immer wieder erging sie sich dagegen in Lobeshymnen auf Venezuelas Präsident Hugo Chávez und die Senatorin Piedad Córdoba. Letztere hatten sich als Vermittler im Geiseldrama aufgedrängt - Informationen auf den Laptops des getöteten Farc-Kommandeurs Raúl Reyes scheinen sie im Nachhinein jedoch als Helfershelfer der Farc zu entlarven: Córdoba soll die Rebellen aufgefordert haben, Ingrid als letzte freizulassen, weil sie das wichtigste Faustpfand der Guerilla sei.

Betancourt dankte Chávez und seinem ecuadorianischen Amtskollegen Rafael Correa für ihre Bemühungen, vor allem aber erinnerte sie daran, dass die Kolumbianer Álvaro Uribe gewählt hätten und ihre Demokratie zu respektieren sei. Ihre Befreiung sei "ein Zeichen des Friedens", sagte sie.

"Operation Schachmatt"

Ist das jetzt das Anfang vom Ende der Farc, der ältesten Guerilla Lateinamerikas? Tatsächlich scheint es so, dass Kolumbiens Regierung den Aufständischen endgültig das Rückgrat gebrochen hat. Die "Operation Schachmatt", wie die filmreife Befreiung der 15 Geiseln hieß, war das Ergebnis einer über Monate sorgfältig geplanten Operation.

Offiziell behaupteten kolumbianische Regierungsbeamte gegenüber Journalisten treuherzig, es sei Aufklärungssatelliten nicht möglich, die Bewegungen der Guerilla unter dem dichten Blätterdach des Urwalds zu verfolgen. Doch tatsächlich hatte das kolumbianische Militär offenbar seit Anfang des Jahres dank hochmoderner amerikanischer Aufklärungstechnik die Geiseln und ihre Bewacher geortet. Aber eine Befreiungsaktion schien lange zu riskant, sie hätte das Leben der Gefangenen gefährdet.

So folgte die Regierung einer anderen Strategie: Es gelang dem militärischen Geheimdienst, Informanten bis in den höchsten Entscheidungszirkel der Farc, das sogenannte Sekretariat, einzuschleusen. Ein Spitzel gab Anfang März den entscheidenden Hinweis auf den Aufenthaltsort von Raúl Reyes, der Nummer Zwei der Farc. Bei dem Militärschlag gegen sein Hauptquartier in Ecuador fiel den kolumbianischen Soldaten ein wahrer Schatz in die Hände: Reyes' Laptops mit der gesamten Korrespondenz, geheimen Strategien, Lageplänen und internationalen Kontakten der Farc.

Amerikanischen und kolumbianischen Spezialisten sei es gelungen, die gesamte Kommandostruktur und die Kommunikationswege der Farc anhand der Mails und Archive zu rekonstruieren, frohlockte Heereschef Freddy Padilla am Mittwoch. Mehrere Führungskader der Guerilla wurden in den folgenden Wochen erschossen oder stellten sich.

Gefälschte Botschaften

Manuel Marulanda, der legendäre Anführer der Farc, war bereits Ende Februar gestorben – bislang ist nicht klar, ob eines natürlichen Todes oder bei einem Angriff des Militärs. Der Zerfall der Guerilla schien nur noch eine Frage der Zeit.

In den vergangenen Wochen waren die in alle Himmelsrichtungen versprengten Rebellengruppen praktisch ohne Kommunikation untereinander. So gelang es der Regierung, Befehle des Sekretariats zu türken. In gefälschten Botschaften forderten sie die Geiselnehmer auf, die in drei Gruppen aufgeteilten Gefangenen zusammenzulegen. Angeblich sollten sie dem neuen Farc-Chef Alfonso Cano vorgeführt werden. Erst als der angebliche Rebellenhubschrauber in der Luft war, gaben sich die Uniformierten als Regierungstruppen zu erkennen, überwältigten die Geiselnehmer und flogen die Geiseln in die Freiheit.

Wie wird jetzt die Guerilla reagieren? Immer noch hält die Farc rund 700 Menschen in ihrer Gewalt. Tausende Rebellen sind in den vergangenen Monaten desertiert, aber Sicherheitsexperten schätzen, dass die Guerilla immer noch 5000 bis 6000 Mann unter Waffen hat. Die Regierung will jetzt alle Rebellen, die Geiseln mit sich führen, umzingeln und belagern, bis sie die Gefangenen freigeben.

Viele Familienangehörige sorgen sich, dass nach der Freilassung der prominenten Betancourt und der drei Amerikaner, die noch am Donnerstag in ein Militärkrankenhaus in Texas ausgeflogen wurden, das Interesse an den verbleibenden Geiseln erlischt. Aber der Zerfall der Farc hat längst eine Eigendynamik entfaltet. Die Aussicht auf Belohnung könnte viele Rebellen dazu verlocken, ihre Gefangenen zu übergeben und sich zu stellen. "Wir werden die restlichen Geiseln nicht im Urwald verfaulen lassen", versprach Präsident Uribe am Mittwoch.

Jeder Guerillero, der die Waffen niederlege, solle eine Chance auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft erhalten. Die Kolumbianer wollten Frieden, lautet Uribes Botschaft.

Uribe ist sein Platz in der Geschichte sicher

Der Mann der harten Hand hat es geschafft, die Kolumbianer hinter sich zu scharen. Er steht im Zenit seines Triumphs. Die politischen Skandale um angebliche Stimmenkäufe bei der Verfassungsänderung, die ihm seine Wiederwahl ermöglichte, sind erst einmal vergessen.

Uribe ist sein Platz in der Geschichte sicher. Jetzt wäre der geeignete Moment, den Weg frei zu machen für eine neue Generation. Bringt er die Größe auf, auf ein erneutes Wiederwahlbegehren zu verzichten? Potentielle Kandidaten für seine Nachfolge stehen bereit: Verteidigungsminister Juan Manuel Santos drängt ins Rampenlicht. Ingrid Betancourt, dem neuen Joker der kolumbianischen Politik, wird zweifellos eine wichtige Rolle bei der politischen und moralischen Erneuerung des politischen Systems zufallen.

Uribe würde nicht nur der demokratischen Kultur seines Landes einen Dienst erweisen, sondern auch einmal mehr seinen machtbesessenen Widersacher Hugo Chávez blamieren: Neben dem chaotischen, von Kriminalität und Versorgungsmängeln geplagten Venezuela nimmt sich Kolumbien heute wie ein Hort der Stabilität aus.

Sarkozy als Verlierer

Chávez ist der große Verlierer der Entwicklungen im Nachbarland: Er hat mit dem Niedergang der Farc einen wichtigen Verbündeten verloren, sein Traum von einer grenzübergreifenden bolivarischen Revolution ist gescheitert, in seiner Heimat kämpft er um sein politisches Überleben.

Der kleine Verlierer heißt Nicolas Sarkozy: Die Franzosen wurden von der Befreiung ihres Idols Ingrid Betancourt offenbar ebenso überrascht wie Chávez. Gerade erst hatte Paris neue Kontakte zu dem neuen Farc-Chef Alfonso Cano geknüpft. Sarkozy hoffte, dass Betancourt nach einem von Frankreich eingefädelten Verhandlungscoup direkt nach Paris ausfliegen würde. Hinter vorgehaltener Hand klagten kolumbianische Regierungsbeamte oft über die politisch motivierten Interventionsversuche aus Paris.

Zweifellos wird Betancourt bald in ihre zweite Heimat Frankreich reisen – aber nicht als gebrochene und hilfsbedürftige Ex-Geisel, sondern als selbstbewusste Politikerin. Und irgendwann, wer weiß, vielleicht sogar als Präsidentin der Republik Kolumbien.



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