Gewalt in Kolumbien Todesschwadronen jagen Linke

Kopfschüsse vom Motorrad: In Kolumbien werden reihenweise Aktivisten ermordet. Die gezielten Verbrechen gefährden den Friedensprozess zwischen Regierung und Farc-Rebellen.

Zerstörte Waffen von Farc-Rebellen
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Zerstörte Waffen von Farc-Rebellen

Aus Popayán berichtet


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Am Nachmittag des 2. März verlässt Alexander Oimé eilig die Filiale der Bank Bancolombia in Popayán. Er hat 20 Millionen Pesos, knapp 6000 Euro, für soziale Projekte in seiner indigenen Gemeinde abgehoben. Oimé geht durch die belebten Gassen des Stadtzentrums, als ein Motorrad neben ihm hält. Der Sozius zückt eine Pistole und feuert vier Schüsse in Rücken und Kopf des Indigenen-Führers. Oimé bricht zusammen, die Geldscheine bedecken Opfer und Gehweg. Der Täter rast unerkannt davon, nimmt keinen einzigen Peso mit. Oimé stirbt wenige Stunden später im Krankenhaus, er wurde 31 Jahre alt.

Einige Wochen nach der Tat sitzt Miguel Fernández in einem Besprechungsraum der Gewerkschaftszentrale CUT in Popayán, der Hauptstadt des Departements Cauca, im Südwesten Kolumbiens und nestelt an der Baseballmütze. Es fällt ihm sichtlich schwer, über den Mord an Oimé zu sprechen.

Fernández ist Gewerkschafter und Vorsitzender der Menschenrechtskoordination im Departement Cauca, und er sieht, wie seit Monaten linke Aktivisten, Bauern- und Indigenenführer Opfer von Gewaltverbrechen werden. Allein im Cauca wurden zwischen Januar und Mai sechs Menschen aus diesem Kreis ermordet. "Der Paramilitarismus ist zurück", ist sich Fernández sicher.

Nicht nur im Cauca, sondern in ganz Kolumbien sind Führer linker Jugendorganisationen, Gewerkschafter und Menschenrechtsaktivisten ins Fadenkreuz geraten. Die Menschenrechtsorganisation "Somos Defensores" hat allein zwischen Januar und März im Land 21 politische Morde gezählt und über hundert Drohungen und Einschüchterungen.

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Dahinter steckten in den meisten Fällen ultrarechte Todesschwadronen wie die "Águilas Negras", "Urabeños" oder der "Clan Úsuga", sagt der Sprecher der Organisation, Carlos Guevara: "Das Motiv ist so gut wie immer politisch".

Offiziell haben sich die früher als Autodefensas Unidas de Colombia (AUC) bekannten Paramilitärs 2006 unter der Herrschaft von Präsident Álvaro Uribe demobilisiert. Und Nachfolgegruppen wie die "Águilas Negras" werden von der Regierung als "Bacrim" ("kriminelle Banden"), gewöhnliche Verbrecher also, eingestuft. Sie weigert sich, den Banden einen politischen Status zuzuerkennen. Innenminister Juan Fernando Cristo sagte auf Anfrage: "Das sind keine Paramilitärs, sondern Gruppen, die sich der illegalen Wirtschaft widmen."

Menschenrechtler fürchten nun, 2016 könne das blutigste Jahr gegen linke Aktivisten seit Langem werden. Und das ausgerechnet kurz vor Abschluss des historischen Friedenprozesses zwischen der Regierung und den "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens" (Farc).

Da glaubt kaum jemand an Zufall.

Tatsächlich beeinflusst die Gewalt schon jetzt die Friedensgespräche in Havanna. Die eigentlich für den 23. März geplante Unterschrift des Abkommens scheiterte unter anderem daran, dass die Guerilla von Präsident Juan Manuel Santos wirksame Maßnahmen gegen die "Rückkehr des Paramilitarismus" verlangt.

Friedensprozess bringt politische Aufteilung durcheinander

Denn die Guerilleros fürchten, dass sie nach Friedensschluss und Entwaffnung ein ähnliches Schicksal erleiden könnten wie Mitte der Achtzigerjahre. 1985 wurde die Unión Patriótica (UP) als politischer Ableger der Farc im Zuge der damaligen Friedensverhandlungen unter der Regierung von Belisario Betancur gegründet. Aber in den Folgejahren brachten Todesschwadronen rund 3000 Führer und Anhänger der UP um.

"Zwischen den Morden und dem Friedensprozess gibt es einen engen Zusammenhang", betont auch der 57-jährige Miguel Fernández. Das lasse sich in Cauca beobachten. "Die Region ist für den Friedensprozess strategisch", sagt er - erst recht, da das bergige Areal als eine der Ursprungsregionen der Rebellen gilt.

Experten schätzen, dass die Farc phasenweise in mindestens 40 Prozent des Cauca vertreten war. Hier wurde im November 2011 der damalige Farc-Chef Alfonso Cano getötet. Das Cauca ist reich an Mineralien, Wasser und Kohle, eines der größten Koka-Anbaugebiete Kolumbiens und zudem ein wichtiger Korridor zur Pazifikküste. Kurzum: In der Region bündeln sich fast alle Probleme des Landes: Illegaler Bergbau, Drogenschmuggel, Landraub, Erpressung. Und neben der Farc und der kleinen ELN-Guerilla mischen dort paramilitärische Gruppen, Drogenschmuggler und gewöhnliche Kriminelle mit.

"Der Friedensvertrag wird die Struktur durcheinanderbringen", sagt Carlos Guevara von "Somos Defensores". Die illegalen Akteure, die nicht beteiligt sind, sähen dadurch ihre Position in Gefahr. Und so müsse man die Anschläge auf die sozialen Führer der vergangenen Monate wie eine Warnung und einen Boykott der ultrarechten Gruppen gegen das Abkommen von Havanna lesen.

Der Weg zum Frieden könnte noch lang werden

Daher verlangt die Farc von der Regierung wirksame Maßnahmen gegen die ultrarechten Todesschwadronen. "Die Reaktion der Regierung auf das Wiederaufflammen der Gewalt gegen die linken Führer ist unzureichend", sagte Pablo Catatumbo, Sprecher der Farc-Verhandlungsdelegation in Havanna zu SPIEGEL ONLINE.

Im Cauca werden sich Teile der Farc nach Abschluss des Abkommens zurückziehen, um sich auf den Übergang ins zivile Leben vorzubereiten. Hier sollen Regierungsprogramme greifen, Landtitel werden neu vergeben. Die Folgen könnten dramatisch sein, fürchtet auch Menschenrechtsaktivist Fernández: "Das ist nur ein Vorgeschmack auf das was kommt, wenn der Frieden erst mal unterzeichnet ist."


Zusammengefasst: 21 Aktivisten wurden in Kolumbien in diesem Jahr bereits ermordet. Menschenrechtler und Politiker vermuten hinter den Übergriffen einen Versuch, die Friedensverhandlungen zwischen Regierung und Farc-Rebellen zu torpedieren. Tatsächlich stockt der Prozess, die Farc-Anhänger fürchten, selbst zum Ziel der Todeskommandos zu werden.



insgesamt 6 Beiträge
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knok 14.06.2016
1. Es sollte uns eine Warnung sein
Ein Vorbote dessen, was auch in Europa passieren könnte, wenn wir nicht entschieden gegen Islamisten, Rechtsextreme und Hooligans sowie die politischen Scharfmacher vorgehen.
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 14.06.2016
2. Na wunderbar
Im Grunde wünschen sich das doch Anhänger und Sympathisanten des, sich wie eine Pest ausbreitenden, Rechtspopulismus auch wieder in Europa und den USA. Schon Schizophren: Wir leben in einer durch und durch kapitalistischen Welt, aber alles was nicht so gut bis gar nicht gut läuft soll Schuld der allen Orts ohnmächtigen Linken sein. Ausländer, Andersgläubige, Studenten, Homosexuelle und der ewige Klassiker "das Judentum" (wenn auch teilweise, zunehmend in Konkurrenz zum "Welt-Islam") sind natürlich auch immer irgendwie dabei.
marecs 14.06.2016
3. vielleicht
sollte die farc trotz Friedensvertrag eher nicht die Waffen abgeben sonder Schulter an Schulter mit der Regierung gegen die paramilitar vorgehen.? denn so ist der Frieden nix wert
Scum 14.06.2016
4.
Man sollte sich von dem Begriff "rechts" in dem Artikel nicht irre führen lassen. Bei den "Rechten" in Kolumbien handelt es sich nicht um Nazis, sondern um Erzkonservative, die gegen den Sozialstaat und die politische Teilhabe ärmerer Bevölkerungsschichten kämpfen.
ththt 14.06.2016
5. Ultrarechte
Könnte mal erläutert werden was mit "ultrarechten Todesschwadronen" gemeint ist? Welche rechten Ansichten vertreten sie?
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