Kolumbien und sein Koks: Warum Drogenfahnder Amy Winehouse hassen

Von Tobias Käufer

2. Teil: Linke und rechte Rebellen verdienen am Koks - und die Kartelle formieren sich neu

Die Franko-Kolumbianerin Ingrid Betancourt befindet sich seit über sechs Jahren als Geisel in der Hand der Farc und gilt als wichtigstes Faustpfand in den festgefahrenen Verhandlungen mit der Regierung. Die linken Rebellen fordern - kurioserweise wie einst das berüchtigte Medellin-Kartell Escobars - eine Anerkennung als politische Gruppierung. Zurzeit wird die Farc von den USA und Europa als Terror-Organisation eingestuft. Als politische Bewegung, so vermuten Anti-Drogenexperten, ließe sich der Drogenhandel leichter organisieren, denn eine politische Organisation wird militärisch nicht attackiert.

Die rechten Paramilitärs sind da weniger zimperlich: Sie machen gar nicht erst den Versuch, politisch ernst genommen zu werden und ließen sich sogar zum Teil entwaffnen - existieren aber als kleinere Gruppen weiter. Wenn es um Drogen-Dollars geht, schließen sich die politisch streng verfeindeten Extreme ohnehin zu unheilvollen Allianzen zusammen und lassen den Staat hilflos zuschauen: Das Nachrichtenmagazin "Cambio" berichtete von einer Zone in der Provinz Bolivar, in der rechte Paramilitärs und linke Farc-Rebellen gemeinsame Geschäfte machen, anstatt sich wie im Rest des Landes blutige Schlachten zu liefern. Sie hinterlassen besorgte Autoritäten und "eine Bevölkerung in Angst", schreibt "Cambio".

Nicht ohne Grund: Allein im vergangenen "Geschäftsjahr" fielen in dieser Region 30 Menschen den Auftragsmördern der Kartelle zum Opfer.

Der Teufel liegt im Detail: Einerseits zerstören die kolumbianischen Behörden im Akkord die Koka-Anbauflächen - treiben aber andererseits so die Preise in die Höhe. Laut World Drug Report 2007 mussten die Abnehmer der Koka-Paste in den vergangenen Jahren eine Preissteigerung von 38 Prozent hinnehmen. Das - so formulieren die Uno-Experten diplomatisch - "könnte mit der Zerstörung der Anbauflächen" zusammenhängen.

Drogenboss stirbt im Kugelhagel

Seit einigen Monaten tobt hinter den Kulissen ein blutiger Krieg um die Vorherrschaft in den neuformierten Drogenkartellen. Im ganzen Land mehren sich die bedrohlichen Nachrichten: In Bogota stieg die Mordrate im Januar um 11,7 Prozent, was die Polizei-Statistiker mit einem Ansteigen der Auftragsmorde erklären.

In Medellin wurde das Vorzeigerestaurant "Angus Brangus" auf die Liste der Drogenfahndung gesetzt, weil über dessen Kassen Drogengelder gewaschen wurden. In Cali tauchen seit Monaten immer mal wieder sogenannte "Caletas" auf. Aus bisweilen kuriosen Verstecken erblicken längst vergessene Millionen von Drogen-Dollars wieder das Tageslicht.

In Venezuela wurde jüngst mit Wilber Varela einer der letzten Vertreter der alten Kartelle aus den neunziger Jahren tot aufgefunden. "El Jabón" (Die Seife) wurde im Touristenstädtchen Merida von einer Handvoll Neun-Millimeter-Geschosse geradezu durchsiebt. "Der einflussreichste Drogenmann unseres Landes ist tot", wusste der Friedensbeauftragte der Stadt Cali, Fabio Cardozo, zu kommentieren.

Zudem häufen sich die Nachrichten von spektakulären Festnahmen: Humberto Cuevas Salazar - genannt "Wassermann"- baute als Ingenieur des mächtigen Kokain-Kartells "Norte del Valle" die legendären U-Boote der Drogenschmuggler, mit denen das weiße Gold gleich tonnenweise Richtung Mittelamerika transportiert wird. Satte zwölf Tonnen konnten auf diese Weise pro Überfahrt unerkannt gen Norden schippern.

Gleichgültigkeit in den Konsumländern

Solche Erfolge sind gut für die Polizei, die Regierung - aber auch für die nachrückenden, jungen Drogenbosse, die mit einem Tipp an die Behörden die ein oder andere Altlast elegant entsorgen. Kolumbien hat trotz allen Engagements praktisch keine Chance, den ungleichen Kampf zu gewinnen - weil die Nachfrage stetig steigt. Nicht zuletzt deshalb hat Santos die Kampagne "Shared Responsibility" (Verantwortung teilen) gegründet, die den Rest der Welt mit in Haftung nehmen soll: "Auch die Kokain-Konsumenten tragen eine Verantwortung. Wir müssen und wir können dieses Problem nur gemeinsam lösen", sagt Santos - und hofft, dass der Rest der Welt ihm zumindest zuhört.

Die Realität ist eine andere: Die Gleichgültigkeit in den Konsumländern ist Kolumbiens größtes Problem, zu zementiert ist der Status Quo des Landes.

Auf seiner Pressekonferenz in Washington musste der US-Beamte David T. Johnson insgesamt 40 Fragen zum weltweiten Drogenhandel beantworten. Die Journalisten fragten ihn neugierig nach Mexiko, Nordkorea, Venezuela, Afghanistan oder Laos.

Nach Kolumbien fragte ihn schon niemand mehr.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 74 Beiträge
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1. Vorbilder?
Herr P. 28.06.2008
Sollen Amy Winehouse, Kate Moss und wie sie alle heißen mögen ein Vorbild sein in dem sie koksen? Ich hoffe nicht! Aber für manche Menschen wohl schon?! Gerade Amy Winehouse bekommt heute zuviel Aufmerksamkeit geschenkt in dem sie immer wieder in neue Drogeneskapaden "verwickelt" ist. Ich habe für solche Leute keinerlei Mitgefühl. Sie sind an ihrer Tragödie selber Schuld.
2. Drogen entkriminalisieren
Leberwurstpizza 28.06.2008
Das einzige Mittel, die Schattenwirtschaft rund um den Drogenhandel wirklich zu treffen, besteht darin, Drogen zu entkriminalisieren und die Produktion und den Handel in staatliche Hände zu legen. Alles andere wird niemals funktionieren. Ich freu mich jetzt schon auf das Geschrei und Gezeter, das diese These hier auslösen wird.
3. man sieht hier deutlich die totale heuchelei und
bimbim 28.06.2008
inkompetenz der regierenden kaste in den usa, EU usw. das koks problem ist kein problem der supply side das ist ein problem der demand side. da die "westlichen" länder ihre bürger nicht erziehen wollen und können damit die den schrott nicht schnupfen etz. versuchen die das problem zu exportieren in der reichlich hirnrissigen annahme das dies dann von dem anbauland erlegigt werden soll. das GEHT aber nicht, denn wenn irgendwo eine nachfrage nach einer sache entsteht gibt es naturgemäß immer irgendjemand der die nachfrage befriedigt wenn er oder sie damit geld verdient, das ist basis marktwirtschaftliches verhalten, haben das die leute in den usa etc. noch nicht mitbekommen ? es ist die übliche ami vorgangsweise wenn die ein problem im land haben, zu versuchen das problem woandershin zu verlagern. aber so wird nie ein problem gelößt, das begreifen die nicht, warum ?, sind die alle mau mau ?
4. richtig!!!
toni.montana 28.06.2008
Zitat von LeberwurstpizzaDas einzige Mittel, die Schattenwirtschaft rund um den Drogenhandel wirklich zu treffen, besteht darin, Drogen zu entkriminalisieren und die Produktion und den Handel in staatliche Hände zu legen. Alles andere wird niemals funktionieren. Ich freu mich jetzt schon auf das Geschrei und Gezeter, das diese These hier auslösen wird.
kein geschrei und gezeter!! ich bin genau ihrer meinung! man sollte sich auch mal überlegen, dass man sich in deutschland für 5 euro aus der welt saufen kann völlig legal.
5. Vor- und Nachteile
jayhamburg 28.06.2008
Da fragt man sich doch wieder, ob man nicht Drogen generell freigeben sollte. Der Staat hat ja ein wirtschaftliches und soziales Interesse an einem geringen Drogenkonsum, da ersteres (mutmaßlich) die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt und zweiteres direkt zutage tritt. In dieser Argumentation ist also davon auszugehen, dass der Drogenkonsum, durch eine Freigabe, sicher steigen wird. Gleichzeitig wird die Leistungsfähigkeit durch massiven Ressourcenverbrauch durch Polizei etc.. geschwächt und durch die Kriminalisierung werden neue soziale Probleme geschaffen. Klingt irgendwie total schizophren für mich. Aber ist leider die uralte Debatte.
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