Schicksalswahl in Kolumbien "Mein Gewehr wird für mich sprechen"

Linke und Rechte stehen sich bei der Präsidentenwahl in Kolumbien unversöhnlich gegenüber. Bei einem Sieg des konservativen Favoriten Duque ist auch der heikle Friedensprozess mit den Farc-Rebellen in Gefahr.

DPA

Von , Rio de Janeiro


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Wohl in keiner anderen Demokratie Lateinamerikas wurden so viele linke Politiker und Sozialreformer getötet wie in Kolumbien. Aber dass sogar im Wahlkampf öffentlich zum Mord aufgerufen wird, ist selbst in dem Andenstaat neu. Er werde die Anhänger des linken Präsidentschaftskandidaten Gustavo Petro "mit allem - und alles bedeutet alles - bekämpfen", twitterte Jhon Jairo Velásquez, genannt "Popeye". "Mein Gewehr wird für mich sprechen", drohte er.

"Popeye" war der Chef der Auftragskiller von Kokainkönig Pablo Escobar, vor vier Jahren wurde er nach 23 Jahren Haft entlassen. Er brüstet sich damit, dass er 300 Morde begangen hat, für weitere 3000 sei er verantwortlich - und er ist ein glühender Anhänger des rechtspopulistischen Ex-Präsidenten Alvaro Uribe, dem beliebtesten Politiker des Landes. Allein auf Twitter hat "Popeye" über 76.000 Follower, auch auf YouTube und Instagram ist er sehr erfolgreich. Offenbar spricht er vielen Kolumbianern aus dem Herzen.

Noch nie war das Land so tief gespalten wie vor der Präsidentschaftswahl an diesem Sonntag. Linke und Rechte stehen sich unversöhnlich gegenüber, die Kandidaten der Mitte haben kaum eine Chance. Die besten Aussichten hat allen Umfragen zufolge der konservative Senator Iván Duque, der Favorit Uribes. Er liegt in allen Umfragen weit vorn.

Bis vor vier Jahren, als Uribe ihn zu fördern begann, war Duque in der kolumbianischen Politik weitgehend unbekannt. Er arbeitete als Berater für die Interamerikanische Entwicklungsbank in Washington, mit 41 Jahren ist er der jüngste Kandidat im Rennen. Er soll dem "Uribismo", der politischen Bewegung des Ex-Präsidenten, ein neues, frisches Gesicht verleihen.

Die Ex-Guerrilleros von der Farc sind im Volk verhasst

An zweiter Stelle liegt Ex-Guerrillero Petro, ein ehemaliger Senator und Ex-Bürgermeister von Bogotá. Petro gehörte der Guerilla M-19 an, die 1990 ihre Waffen niederlegte und sich in die Politik integrierte. Das Abkommen mit der M-19, einer von jungen Intellektuellen gegründeten Stadtguerilla, gilt als erster erfolgreicher Friedensprozess in der Geschichte Kolumbiens, viele sahen in ihm ein Vorbild für das Friedensabkommen mit der marxistischen Guerilla Farc. Die hat sich im vergangenen Jahr zwar in eine politische Partei verwandelt. Doch für die Präsidentschaftswahlen hat die Organisation keinen neuen Bewerber aufgestellt, nachdem ihr Kandidat Rodrigo Londoño alias "Timochenko" wegen einer Herzoperation ausfiel. Wahrscheinlich wird die Farc ihre Unterstützung für Petro erklären, wenn es zu einer Stichwahl kommt.

Für Petro könnte sich eine öffentliche Sympathieerklärung der Farc allerdings als Bumerang erweisen. Denn die Ex-Guerrilleros sind im Volk verhasst, der Friedensprozess droht zu scheitern. Der im Ausland gefeierte Staatschef und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos hinterlässt seinem Nachfolger eine zutiefst gespaltene Republik.

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Friedensprozess in Gefahr: Schicksalswahl in Kolumbien

In Wirklichkeit habe der Wahlkampf bereits vor fast zwei Jahren begonnen, als Santos eine Volksabstimmung über das Friedensabkommen einberief, sagt der kolumbianische Schriftsteller Ricardo Silva Romero. Anfangs sei die Rechte von ihrem Sieg in dem Referendum überrascht worden, aber "sehr schnell wusste sie die Situation auszunutzen". Ex-Präsident Uribe reist seither unermüdlich durchs Land und warnt vor dem "Castrochavismo". So nennt er die linkspopulistische Ideologie, die sich aus dem Gedankengut Fidel Castros und Hugo Chávez' speise. Dass dieses Gespenst echten Schrecken verbreitet, hat Uribe vor allem einem unfreiwilligen Wahlhelfer zu verdanken: Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro.

Kolumbien soll kein neues Venezuela werden

Das Drama in dem Nachbarland, das sich unter Maduro in eine korrupte Diktatur verwandelt hat, wirft einen langen Schatten auf die Wahl in Kolumbien. Mehr als eine Million Venezolaner sind Schätzungen zufolge in den vergangenen Monaten vor Hunger und Gewalt nach Kolumbien geflohen. "Geht zur Wahl, damit sich Kolumbien nicht in ein neues Venezuela verwandelt", steht auf riesigen Plakaten am Rand der Straße, die zum Flughafen von Medellín führt, Uribes Heimatstadt.

Uribes Gefolgsleute sowie sein Kandidat Duque verteufeln die Farc und den Linkskandidaten Petro sowie seine Anhänger als eine Art fünfte Kolonne Maduros. Duque will das langwierig und mühsam ausgehandelte Friedensabkommen modifizieren, wenn er zum Präsidenten gewählt wird. Er kritisiert, dass die Rebellen, die sich mit Drogenhandel und Entführungen finanzierten, straflos ausgingen. "Eine Amnestie für Drogenhändler wird es mit mir nicht geben", verspricht er.

Sollte Duque sich durchsetzen, würde das wohl den Todesstoß für das Abkommen mit der Farc bedeuten. "Sie nehmen uns den Frieden weg!", klagt Zentrumskandidat Humberto de la Calle, der die Delegation der Regierung bei den Verhandlungen mit der Farc anführte. Doch seine Warnungen verhallen, in allen Umfragen liegt der besonnene Politiker weit zurück.

Sorge vor Wahlfälschungen und Bombenanschlägen

Tatsächlich hat der Frieden in vielen Regionen des Landes nie Einzug gehalten, im Gegenteil: Die Gewalt ist neu entflammt. Zahlreiche bewaffnete Gruppen streiten sich um das Erbe der Farc, ihre Drogenrouten und Koka-Plantagen. Heute wird in Kolumbien mehr Koka angebaut als vor Beginn der Friedensverhandlungen.

Linkskandidat Petro versuchte anfangs mit einigem Erfolg, andere Themen in den Mittelpunkt seiner Kampagne zu rücken: Er will soziale Ungerechtigkeit und Korruption bekämpfen. Doch der Streit über das Friedensabkommen und Venezuela dominieren die Debatte. Hinzu kommt, dass Petro sich nur halbherzig von dem Regime in Caracas distanziert.

Wenn kein Kandidat die absolute Mehrheit erreicht, kommt es am 17. Juni zu einer Stichwahl. Petro baut bereits einer möglichen Niederlage vor: Er warnte am vergangenen Wochenende, dass die Software der Wahlbehörde leicht manipuliert werden könnte. Die herrschende Klasse bereite einen "massiven Betrug" vor. Fachleute bezweifeln allerdings, dass er damit durchdringt: Internationale Wahlbeobachter, unter ihnen eine Kommission der Europäischen Union, überprüfen den Wahlprozess. Bei vergangenen Abstimmungen ist es nie zu massiven Wahlfälschungen gekommen.

Unliebsame Kandidaten werden in Kolumbien zumeist auf andere Weise am Sieg gehindert, das zeigt ein Blick in die Geschichte: per Kugel oder Bombenanschlag.


Zusammengefasst: Bei der Präsidentschaftswahl in Kolumbien steht am Sonntag auch der Friedensprozess mit der Farc auf dem Spiel. In den Umfragen führt der rechte Kandidat Iván Duque, Gegner werden eingeschüchtert oder offen bedroht. Sollte Duque gewinnen, dürfte er das Abkommen mit den linken Rebellen in wichtigen Punkten ändern.



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caronaborealis 26.05.2018
1. Die Situation hier ist schwierig
Einerseits wäre es zu begrüssen, wenn hier in Kolumbien mehr soziale Gerechtigkeit etabliert werden könnte - nur, Petro ist der falsche Kandidat das Land zu reformieren. Wir sehen hier jeden Tag die jungen Leute aus Venezuela, welche sich mit Betteln über Wasser halten. Wie im Bericht erwähnt, ist die Nähe Petro's zu Maduro und Chavez offensichtlich - und niemand in Kolumbien will Verhältnisse wie in Venezuela. Auf der anderen Seite hat die Politik von Uribe und seinen Vorgängern den Frieden auch nicht herbeigeführt und ein Zurück in die FARC -Zeit werden auch die wenigsten Menschen hier wollen, obschon die Situation heute eher schlechter ist, weil kriminelle Banden und ehemalige FARC - Mitglieder das Vacuum der FARC auffüllen. Früher hatte die Regierung mit der FARC einen einzigen Ansprechpartner, heute hat sie keinen mehr. Es ist kompliziert.
Emderfriese 26.05.2018
2. Schwarzmalerei
Was haben wir also auf der einen Seite? Einen kriminellen Massenmörder, der Uribe unterstützt und damit dessen Kandidaten, den Ex-Berater für die Interamerikanische Entwicklungsbank in Washington, Duque, und auf der anderen einen Ex-Guerilla, der nunmehr mit friedlichen Methoden seine Politik umsetzen will. Die anwesenden EU-Beobachter werden anschließend eine durch und durch faire Wahl bekunden und keinesfalls Sanktionen empfehlen - es sei denn, jener Ex-Guerilla Petro gewinnt. Dann … ja, dann...
musiú39 26.05.2018
3. Es ist nicht einfach in Kolumbien!
meinen kolumbianischen Freunden habe ich es oft gesagt, dass sie mit dem so umstrittenen Fiedensvertrag mit der FARC den Preis für fast 200 Jahre Bürgerkrieg in ihrem Land zahlen (angefangen bei Godos gegen Liberale). Sie sind doch schon auf einem guten Weg, wenn sie nur Geduld haben. Wir hier mussten ja auch unseren Preis für die Fehler der Vergangenheit entrichten!
Qual 26.05.2018
4. Abstand
300 ausgeführte Morde, für 3000 verantwortlich und prahlt nach 23 Jahren Knast noch damit. Auch die Unterarme sprechen Bände. Und sowas wird auf die Bevölkerung losgelassen. Ein Land von dem, mit gesundem Menschenverstand, man nur Abstand wahren kann. Ganz klar eins auf einer Liste von "Selber Schuld!" wem da etwas passiert.
cesarc 26.05.2018
5. cesarc
Popeye ist schon lange in Kolumbiens Vergangenheit. Fuer mich ist es unverhältnismäßig, Popeye auf die erste Seite des Spiegels zu setzen. Ich sehe, dass er bei den morgigen Wahlen überhaupt keine führende Rolle spielen wird. Anderseits, dass Popeye “ein glühender Anhänger des ‘rechtspopulistischen’ Ex-Präsidenten Alvaro Uribe” ist, ist Alvaro Uribe nicht schuld. Alvaro Uribe kann nicht verantworten fuer was seine ‘Anhänger’ machen. Danke fuer Ihre Nachrichten über Kolumbien, aber Ich sehe eine gewisse Desinformation des Journalisten mit der aktuellen Situation in meinem Land.
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