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Friedensprozess in Kolumbien: Was tun mit Tausenden Guerilleros?

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Kolumbien: Vom Dschungel ins zivile Leben Fotos
AFP

200.000 Menschen sind in Kolumbiens Bürgerkrieg gestorben. Ein Pakt sollte jetzt endlich Frieden bringen. Doch es gibt neuen Streit - über die Entwaffnung der Kämpfer und ihren Übergang ins zivile Leben.

Was macht man mit einer Rebellenarmee von Tausenden Kämpfern, wenn diese von heute auf morgen Job und Aufgabe verliert? Mehr als ein halbes Jahrhundert haben die Guerilleros von der Farc gegen die kolumbianischen Streitkräfte und ultrarechten Todesschwadronen gekämpft.

Nun endlich ist der Frieden nah. Drei Jahre haben die Rebellen und Regierung miteinander verhandelt. Am Mittwoch wollten sie in Havanna ein Abkommen unterzeichnen. Aber zwischen Regierung und Rebellen gibt es Streit darüber, wo man die Männer, Frauen und Kinder unterbringt, die zum Teil ihr Leben lang nichts anderes gemacht haben, als Krieg zu führen. So wird es vorerst keinen Pakt geben. Ob wenigstens ein Waffenstillstand ausgerufen wird, ist noch unklar.

Die Interessen liegen noch zu weit auseinander. 6800 Kämpfer hat die Farc laut Verteidigungsministerium noch unter Waffen. Sie sollen nach Unterzeichnung des Abkommens aus den Wäldern und Bergen des Landes zu mehreren zentralen Sammelstellen strömen und ihre Waffen niederlegen. In diesen Gebieten, genannt Zonas de Concentración, sollen sie auf den Übergang ins zivile Leben vorbereitet werden.

Einer der Streitpunkte ist die Zahl dieser Demobilisierungsgebiete, aber auch deren Lage. Die Regierung will die Farc möglichst isolieren. Die Rückzugszonen sollen nicht in der Nähe von Siedlungsgebieten sein, nicht in Grenznähe und weder nahe der Kokaanbaugebiete noch der Regionen, wo illegaler Bergbau betrieben wird.

Die Rebellen zürnen: "Die Regierung will uns in Gefängnisse unter freiem Himmel einsperren, aber so ist kein Übergang ins zivile Leben möglich", sagt Farc-Unterhändler "Benkos Biohó".

Den Rebellen schwebt vielmehr vor, sich in ihren angestammten Hoheitsgebieten niederzulassen, wo sie Kontakt zur Zivilbevölkerung haben und sie auch gleich mit der im Friedensabkommen vorgesehenen Reparation der Bevölkerung beginnen können. Für Kritiker des Friedensprozesses und Experten ist das nur der Versuch der Rebellen, straflos davon zu kommen.

Wunden des Krieges

Auch die Frage der juristischen Verantwortung für die Guerilleros war lange das größte Hindernis, das Rebellen und Regierung aus dem Weg zu einer dauerhaften Lösung des Konflikts aus dem Weg räumen mussten. Und es scheint noch nicht gelöst.

Die Rebellen pochen darauf, dass sie Opfer waren - und nicht Täter. Rebellenführung und Verhandlungsdelegation in Kuba berufen sich auf ein im Völkerrecht verankertes Recht zur Rebellion und lehnen ab, für ihre Taten ins Gefängnis zu gehen. Für viele Kolumbianer hingegen sind sie schlicht Terroristen.

Das in Havanna bereits im vergangenen Herbst erzielte detaillierte Abkommen zur sogenannten Übergangsjustiz sieht vor, dass für politische Straftaten eine weitreichende Amnestie gewährt wird. Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwere Kriegsverbrechen werden hingegen mit Strafen zwischen fünf und acht Jahren geahndet, wenn die Täter geständig sind und den Opfern Reparation leisten. Ob diese Strafe im Gefängnis verbüßt wird, hängt vom Fall ab.

Ort und Konditionen der Verbüßung seien nach wie vor Gegenstand der Verhandlungen in Havanna, sagt Ariel Ávila, Experte von der Stiftung "Frieden und Aussöhnung" gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Aber Gitterstäbe und Häftlingskleidung wird es für die geständigen Täter nicht geben."

Wer nicht geständig ist und schuldig gesprochen wird, dem drohen bis zu 20 Jahren gewöhnliche Haft. Für die Verfahren werden im Rahmen der "Sonderjurisdiktion für den Frieden" eigene Gerichte geschaffen, die mit Richtern aus Kolumbien und dem Ausland besetzt werden.

Der oppositionelle Senator Alfredo Rangel sieht in dem Abkommen zur Übergangsjustiz weitgehende "Straflosigkeit" für die Rebellen garantiert. Der rechtskonservative Politiker beklagt, es handele sich um "symbolische Strafen".

Anonyme Massengräber

So spaltet der Friedensprozess das südamerikanische Land. Zwei Generationen von Kolumbianern haben nichts anderes als Bürgerkrieg, Entführungen, Morde, Bombenanschläge und Menschenrechtsverbrechen erlebt.

Der Konflikt, der 1964 begann, hat 200.000 Menschen das Leben gekostet. Zehntausende wurden in anonymen Massengräbern verscharrt. Viele Menschen sind verschleppt, sieben Millionen zur Flucht gezwungen worden, seit die Farc gegen die Streitkräfte und gegen die von Großgrundbesitzern gegründeten ultrarechten Paramilitärs kämpft.

Einst begann die Farc als Guerilla, die für eine Landreform und gegen soziale Ungleichheit kämpfte. Heute sind Teile der Rebellenarmee in den Drogenhandel verstrickt.

Viele Kolumbianer wünschen sich nichts sehnlicher als ein Ende der Gefechte. Aber genauso wollen sie nicht, dass die Farc-Führer straflos davon kommen. Dafür sind die Wunden dieses Krieges zu tief.

Fast zwei von drei Kolumbianern finden, dass die Friedensverhandlungen mit der größten und ältesten Guerilla Lateinamerikas in eine falsche Richtung laufen. Der Friedensexperte León Valencia ist dennoch optimistisch. "Es ist kein einfacher Moment, aber wir sind dem Frieden deutlich näher als je zuvor", sagte der Direktor der Stiftung "Frieden und Aussöhnung" in Havanna. "Spätestens im Juni ist das Abkommen unterschriftsreif." Dann soll Frieden herrschen in Kolumbien - nach 52 Jahren. Endlich.

Juliana und ihr Freund Alexis kämpfen gemeinsam in der "Frente", der Truppenabteilung 36 der Farc. "Zwischen uns ist nur Liebe", sagt Alexis. Da die Farc alle Kosten von Zigaretten bis Medizin trage, erwarte seine Freundin nicht, dass er sie aushalte, wie das in anderen lateinamerikanischen Ländern üblich sei. "Es gibt keine Abhängigkeit."

Yira Castro gehört zur Führungsmannschaft dieser Farc-Einheit. Nach rund 30 Jahren im Dschungel steht sie noch immer loyal zu der marxistischen Guerilla. Wenn das Friedensabkommen tatsächlich kommt, will sie als erstes mit ihrem Lebensgefährten eine Reise unternehmen. Nur zu zweit.

Guerillero Harrison schleppt ein Wildschwein zur Feuerstelle, um die Borsten abzusengen. Das Fleisch des Tieres wird die 26 Mitglieder der Gruppe viele Tage ernähren.

Das Schwein wird zerlegt, dafür sind viele Helfer nötig.

Das Frühstück bei den Farc-Kämpfern sieht so aus: Reis, Eier, Würstchen, Bohnen

Oscar flickt seine Hose, seine Gefährtin Gisell ruht derweil in einer Hängematte.

Yira Castro bei der Schönheitspflege. Sie übernimmt eine Art Mutterrolle für andere weibliche Kämpferinnen.

Guerillero Alexis verpasst seinem Kumpan Juan Pablo einen neuen Schopf.

Die Guerilleros haben ihre Maschinengewehre stets dabei. Wenn nun tatsächlich ein Friedensabkommen vereinbart wird, werden sie ihre Waffen ablegen, aber nicht abgeben, sagt Juan Pablo.

Gemeinschaftliches duschen gehört zum Alltag. Viele der Männer und Frauen leben als Paare zusammen und teilen sich auch ihre Schlafstätten.

Das ist der Pool der Frente 36, Kämpferin Marcela will ihn nutzen.

Juliana, 20, ist seit vier Jahren bei der Farc. Mit 16 floh sie aus ihrem Elternhaus, nachdem ihr Stiefvater sie missbraucht hatte.

Die Kämpfer ziehen weiter - früher lebten sie in größeren Camps, heute bewegen sich die Einheiten in kleinen Gruppen. Die Frente 36 besteht aus 22 Kämpfern, vier Kommandeuren und zwei Hunden.

Juan Pablo, (M.), ist einer der Kommandanten der Frente 36, eine der aktivsten Kampfeinheiten Kolumbiens. Der 41-Jährige kann Fidel Castros Reden rezitieren. Er hat noch nie ein Kino besucht, ein Auto gefahren oder ein Restaurant besucht.

Im feuchtwarmen Klima des Dschungels hat Cindy ihre Waffe gereinigt. Sie ist Ärztin und seit ihrem 18. Lebensjahr bei der Farc.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Regierung wolle, dass die Farc im Rahmen eines Friedensabkommens symbolische Strafen verbüße. Tatsächlich können Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwere Kriegsverbrechen mit bis zu 20 Jahren Haft geahndet werden. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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1. Frieden ist ein wichtigstes Gut
cemalaslan01 24.03.2016
Eine Reaktion löst meines Wissens nach Gegenreaktionen aus und trotzdem hoffe ich, dass man auf den letzten Metern nicht mit überzogenen Forderungen einen Pyrrhussieg herbei beschwört. Der eine weitere Generation leid zufügt. Wer schuld hat, dass können wir den "Experten" überlassen. Vielleicht werden Sie das Völkerrecht besser auslegen, wenn sie ausnahmslos der Schicht angehören die nicht um Privilegien kämpft.
2. Antworten
Ossifriese 24.03.2016
Was ist denn eigentlich mit den paramilitärischen Verbänden der Großgrundbesitzer, von denen die Rede war? Werden die auch entwaffnet und "demobilisiert"? Gleichzeitig dürfte man annehmen, dass die reguläre kolumbianische Armee nach so langem Bürgerkrieg von genauso indoktrinierten Kommandeuren geleitet wird, wie es die Rebellenführer sind. Tauscht man entsprechend auch die Militärführung gegen "friedlichere" Offiziere aus? Alles Fragen, die zumindest dieser Artikel nicht beantwortet...
3. Autodefensas
entredostierras2011 24.03.2016
Zitat von OssifrieseWas ist denn eigentlich mit den paramilitärischen Verbänden der Großgrundbesitzer, von denen die Rede war? Werden die auch entwaffnet und "demobilisiert"? Gleichzeitig dürfte man annehmen, dass die reguläre kolumbianische Armee nach so langem Bürgerkrieg von genauso indoktrinierten Kommandeuren geleitet wird, wie es die Rebellenführer sind. Tauscht man entsprechend auch die Militärführung gegen "friedlichere" Offiziere aus? Alles Fragen, die zumindest dieser Artikel nicht beantwortet...
Die Autodefensas wurden, pro forma zumindest, schon vor einigen Jahren "demobilisiert". Hat leider nur zum Teil funktioniert, da deren Mitglieder in gewissem Umfang direkt in die Drogenkartelle gewechselt sind (siehe "Los Urabenos, Los Rastrojos, Los Aguilas..). Es steht leider zu vermuten, dass Teile der FARC-Terroristen einen aehnlichen Werdegang nehmen werden. Dem kolumbianischen Militaer werden die Aufgaben leider nicht ausgehen. Es gilt, neben den "BaCrim" (Bandas Criminales) schliesslich auch noch den Terroristen des ELN das Handwerk zu legen
4. Die letzten Meter sind die Schwersten
caronaborealis 24.03.2016
Ich lebe in Kolumbien und da ist nicht einer in meinem Bekanntenkreis, der diesem Abkommen traut. Ich für meinen Teil denke, dass es die einzige Alternative ist, denn nach 50 Jahren Krieg und 200000 Toten muss etwas Neues versucht werden, deshalb unterstütze ich die Verhandlungen und hoffe, dass auch noch die letzten Meter bewältigt werden können.
5.
ratob 24.03.2016
Was hier außer Acht gelassen, oder auch unkommentiert bleibt, sind die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen von Seiten des Militärs, die Straflosigkeit vieler Paramilitärs nach deren offizieller Entwaffnung und schließlich, am dramatischsten,erneut das vermehrte Auftreten paramilitärischer Gruppen im Norden des Landes. Hier unternimmt das Militär nichts und Bauern werden allein gelassen. Sehr einseitiger Beitrag.
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