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Kommandoaktion gegen Scheich Jassin: Scharons Tötungsbefehl nährt den Hass

Mit der Exekution des schwer behinderten Hamas-Gründers Scheich Jassin hat Israel nicht nur den Hass der Palästinenser neu angefacht - Regierungen in aller Welt haben das von Israels Premierminister Scharon persönlich angeordnete Attentat scharf verurteilt. In Gaza begleiteten Zehntausende wütende Menschen Jassins Sarg.



Scheich Jassin: Durch seinen Tod wird er zum Märtyrer für die Palästinenser
DPA

Scheich Jassin: Durch seinen Tod wird er zum Märtyrer für die Palästinenser

Gaza - Die Tötung des Hamas-Gründers ist ein neuer Höhepunkt im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Jassin kam bei einem israelischen Raketenangriff am frühen Morgen in Gaza ums Leben. Die Hamas sowie der Islamische Dschihad und die Al-Aksa-Brigaden drohten Israel blutige Rache an. In Erwartung von Vergeltungsangriffen riegelte Israel die Grenzen zum Gazastreifen und zum Westjordanland ab.

Zehntausende Palästinenser nahmen wenige Stunden nach dem Angriff an einem Trauermarsch für Jassin teil. Sie strömten in den Straßen von Gaza zusammen, als Polizisten den Sarg des Getöteten aus dem Krankenhaus trugen. Trauernde versuchten, den Sarg zu berühren, viele riefen nach Rache für den israelischen Angriff.

Auch in den Straßen um Jassins Haus versammelten sich Zehntausende Trauernde. Sie schossen in die Luft und drohten mit Fäusten. Aus den Lautsprechern einer Moschee dröhnte es: "Sie haben den Helden getötet, den Märtyrer, Scheich Ahmed Jassin."

Angriff im Morgengrauen

Der Ort des Attentats vor der Moschee: Gezielter Raketenanschlag auf den Scheich
AP

Der Ort des Attentats vor der Moschee: Gezielter Raketenanschlag auf den Scheich

Bei Tagesanbruch hatten Kampfhubschrauber die Raketen auf Jassin und seine Begleiter abgefeuert, als diese eine Moschee verließen. Neben Jassin wurden sieben weitere Menschen getötet, darunter mehrere Leibwächter. 17 Menschen wurden verletzt.

Stunden nach dem Anschlag bedeckten noch Hautfetzen und Splitter die Straßen und die Wände der umliegenden Häuser. Im Sand breitete sich eine Blutlache aus. Vom Rollstuhl des gelähmten Geistlichen blieben nur ein verbrannter Sitz und ein verbogener Reifen. Einer von Jassins Schuhen lag auf der Erde. In der Luft lag noch der Geruch von Sprengstoff.

Drei weitere Palästinenser wurden später in Gaza getötet. Einer kam ums Leben, als er mit Sprengstoff hantierte, zwei weitere wurden bei einer Demonstration gegen den Angriff auf Jassin von israelischen Soldaten erschossen, wie aus palästinensischen Kreisen verlautete. In einem Flüchtlingslager im Westjordanland kam ein weiterer Palästinenser ums Leben: Der Radiojournalist wurde von Soldaten getötet.

Den Befehl für den tödlichen Anschlag soll der israelische Premierminister Ariel Scharon höchst persönlich gegeben haben. Nach Angaben aus israelischen Sicherheitskreisen hat er von seiner Ranch in der Wüste Negew aus die Operation selbst geleitet und überwacht. "Der Kampf gegen den Terrorismus geht weiter", sagte Scharon ungeachtet der internationalen Proteste nach der Liquidierung Jassins. "Der Staat Israel hat an diesem Morgen den ersten und vordersten Anführer der palästinensischen terroristischen Mörder getroffen."

"Worte können nicht das Gefühl von Wut und Hass in unseren Herzen beschreiben", sagte der Hamas-Aktivist Ismail Hanijeh, ein enger Vertrauter Jassins. Die Hamas-Führung kündigte dem israelischen Regierungschef Ariel Scharon Vergeltung an: "Scharon hat die Pforten der Hölle geöffnet. Nichts wird uns daran hindern, ihm den Kopf abzuschlagen."

Die palästinensische Autonomiebehörde erklärte in einer Stellungnahme, Israel habe mit diesem billigen und schmutzigen Verbrechen alle Grenzen überschritten. Sie rief eine dreitägige Trauerzeit aus. Der palästinensische Regierungschef Ahmed Kurei warf Israel vor, die Gewalt bewusst zu eskalieren. Die Flaggen vor dem Sitz von Präsident Jassir Arafat wehten auf Halbmast, vor dem Gebäude versammelten sich rund 2000 Menschen. Arafat zeigte sich jedoch nicht. Ein Berater sagte, der Präsident fürchte, er könne das nächste Ziel sein.

Der israelische Verteidigungsminister Schaul Mofas verteidigte die Tötung Jassins, den er als "palästinensischen Bin Laden" bezeichnete. Mofas kündigte eine Fortsetzung des Kampfes gegen die Hamas an. Die Militäraktion stieß allerdings in Israel auch auf Kritik. Die Opposition und einige Mitglieder der Regierung warnten vor einer Zunahme der Gewalt.

Tausende begleiten den Sarg des getöteten Hamas-Gründers: Trauer, Wut, Hass
AFP

Tausende begleiten den Sarg des getöteten Hamas-Gründers: Trauer, Wut, Hass

Im gesamten Autonomiegebiet kam es zu Demonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern, bei denen die Menschen nach Rache für Jassin riefen. Wenige Stunden nach dem tödlichen Angriff feuerten Palästinenser zehn Raketen auf eine jüdische Siedlung im Gazastreifen ab. Außerdem beschossen sie offenbar den Grenzübergang Eres zwischen Gazastreifen und Israel.

Zahlreiche ausländische Regierungen haben den Anschlag inzwischen verurteilt, darunter auch die deutsche. Bedonders scharfe Worte fand der britische Außenminister Jack Straw. Er nannte die tödliche Attacke auf Jassin völkerrechtswidrig.

Jassin hatte 1987 die Hamas gegründet, Israel machte ihn für den Tod Hunderter Israelis verantwortlich. Er befand sich mehrere Jahre lang in israelischer Haft; 1997 wurde er dann auf freien Fuß gesetzt. Israel hatte bereits im vergangenen September versucht, Jassin zu töten. Bei der Bombardierung seines Hauses war der Scheich leicht verletzt worden.

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