Kommentar Bye-bye, Schaumschläger!

Feuer frei auf Tony Blair. Selbst Parteifreunde fordern seinen Abgang. Damit ist auch das Politik-Konzept von New Labour geplatzt. Die Demontage von Blair und George W. Bush, den beiden großen Schaumschlägern auf der Weltbühne, könnte bedeuten, dass Politik global wieder seriöser betrieben wird.

Von Matthias Matussek


Es ist durchaus im Interesse der demokratischen Kultur der Insel, dass Tony Blair noch eine Weile durchhält. So gut es eben geht, wenn man im achten Stock am Fenstersims hängt, während einem die Freunde von früher mit harten Gegenständen auf die Finger klopfen und "loslassen" rufen.

Die Kommentatoren vergleichen Downing Street mit dem "Führerbunker". Und Blair mit Hitler in seinen letzten Tagen. Nun opfert Blair seine letzten Getreuen, Jack Straw oder Charles Clarke und andere Sündenböcke, retten wird es ihn nicht. Wenn britische Kommentatoren in Nazi-Metaphern schwelgen, sind sie auf Betriebstemperatur. Dann wird ernsthaft geschossen.

Tony Blair: Trust me, trust me!
REUTERS

Tony Blair: Trust me, trust me!

Feuer frei also auf den Mann, der einst ein umfangreiches Netzwerk hatte, der sich Urlaube bei Berlusconi leistet und Murdochs "Times" und die "Sun" soweit in der Tasche hatte, dass sie noch jeden spin mitfuhren, egal wie sehr sich die Balken bogen, wenn er wieder einmal, trust me, trust me, an der Wahrheit vorbeideklamierte.

Und das sind die Freunde. Die Feinde gucken gar nicht mehr hin.

Dabei ist genau das ein Fehler. Die Tories sollten genau hinschauen, denn sie sind gerade dabei, ihren eigenen Tony Blair loszuschicken. Man kann dem jungen Tory-Leader David Cameron nur wünschen, dass er nie in die Falle geht, in die Blair getappt ist in der Wolke seiner Eitelkeiten und mit ihm ein ganzes Land, das meinte, Politik sei die Kunst der Verpackung, sei der Slogan, sei "Cool Britannia" und "Big Tent" und "Tough on Crime and tough on the causes of crime".

Ich hatte Tony Blair viele Male auf Pressekonferenzen erlebt und angewidert sein Geschick bewundert, sich immer wieder neu aus der Schlinge zu ziehen. Dass er Kabinetts-Schwergewichte wie David Blunkett und John Prescott wegen Sex-Skandalen verlor und dass er selbst und seine Frau mit Gefälligkeiten für Freunde und peinlichen Schnorrereien Schlagzeilen machte, gehört zunächst nur zum bunten Stil der Pop-Partei New Labor. Auch, dass er jedem, der es nicht wissen wollte, seine alte Rockgitarre zeigte.

Doch dass er sich selbst derart in Lügen und Manipulationen verstricken würde und sich, mit all den sozialen Phrasen so inkompetent als Regierender zeigen würde, war dann doch eine herbe Enttäuschung.

Der junge David Cameron könnte Blairs Gegentyp sein, im besten Sinne. Ich hatte ihn letztes Jahr kennengelernt, kurz nach Blairs müdem drittem Parlaments-Sieg. Wir sprachen über Umweltpolitik, und Cameron passte dabei auf sein kleines Kind auf, das mit anderen auf einer Party herumhopste, und er vermied die glatte Wendung, er war ernsthaft, er grübelte über Probleme in dieser Plauderei, er machte klar, dass er nicht die Antwort auf alle Fragen hatte.

Wie wohltuend. Wenn er diese Qualität beibehielte, dachte ich mir, hätte er wohl Chancen, ernstzunehmende Politik zurückzubringen in den öffentlichen Diskurs auf der Insel. Es wäre unseren britischen Nachbarn zu wünschen. Und nicht nur ihnen. Eine ernsthafte, entschlussstarke konservative Erneuerungs-Politik könnte Ausstrahlung haben auf ganz Europa.

Tony Blairs Polit-Stil war von Anbeginn an der der Falschmünzerei, der taktischen Winkelzüge, der Medienmanipulation. Und da er einen zutiefst prinzipienlosen Politikertyp verkörperte, war es nur logisch, dass er sich seine Kampagnen von den prinzipienlosen Strategen Alastair Campbell und Peter Mandelson gestalten ließ. Sie waren die Fürsten der Finsternis, die grandiosen Gruselfiguren New Labours, gehärtet in den fetten Zeiten der New Economy und ausgestattet mit dem feinen Riecher für den persönlichen Vorteil.

Die jüngeren Wähler sahen dieser Clique, die die Politik der Insel vor neun Jahren gekidnappt hatte, nicht ohne Wohlwollen zu. Im Kulturkampf gegen die Thatcher-und-Major-Tories rechtfertigte der Zweck die Mittel. Allerdings, das stellte sich bald heraus, hatte es nie einen Zweck gegeben, sondern immer nur die Mittel und heute steht die Insel sehr viel schlechter da als zuvor, weil ihre wirtschaftlichen Ressourcen verbraucht sind.

Blairs Bilanz ist vernichtend. Die Privathaushalte sind im Schnitt mit anderthalb Jahreseinkommen verschuldet. Die Zeiten konsumgetriebenen Wirtschaftswachstums sind vorbei. Das Schulsystem ist trotz aller Quotierungen marode, der öffentliche Gesundheitsdienst eine Katastrophe, das Verkehrssystem nicht nennenswert verbessert. Die Früchte der Thatcher-Revolution, die ja immerhin die Wirtschaft mächtig angeworfen hatte, sind verzehrt. New Labour hat das Geld mit vollen Händen ausgegeben, nicht zuletzt für einen sinnlosen, gefährlichen Krieg.

Die über hundert Milliarden, die in das Gesundheitssystem gesteckt wurden, kamen vorwiegend einer byzantinisch angeschwollenen Bürokratie zugute. Der überhitzte Immobilienmarkt gibt langsam nach. Die Staatsquote im Arbeitsmarkt ist enorm gestiegen, die Krankenstände sind schwindelerregend und die Teenager-Schwangeren-Rate die höchste Europas.

Tony Blair und New Labour, die den großen Aufbruch in die neue Zeit versprochen haben, haben das Land unbeweglicher und krisenanfälliger gemacht. Es ging ihnen, trotz aller Begleitmusik, nie um neue Konzepte, sondern immer um die Erringung der Macht.

Nun wird die Partei bluten, und das noch lange nach Tony Blairs Demission, die jetzt kommen kann, in zwei Monaten, oder auf dem nächsten Parteitag.

Blair ging es immer um grandiose, handstreichartige Siege, die die konzeptionellen Schwächen verbergen sollten. Es ging um die Rettung der Menschheit in 14 Tagen. Mindestens.

Es ging um die Abschaffung des Hungers an einem Wochenende.

Und um die Befreiung der Welt von Tyrannen an einem nächsten.

Nun wird in Afrika mehr gehungert und gemetzelt als früher, und der Irak-Krieg hat eine ganze Region erschüttert und die Welt weiter an den Rand einer Katastrophe gebracht.

Für 15 Minuten Applaus im amerikanischen Kongress war Tony Blair bereit, seine Landsleute zu belügen und an der Seite eines bekanntermaßen einfach gestrickten Spielkonsolen-Kriegers eine ganze Region in Brand zu setzen. Sicher wird Blair dafür von einigen trivialeren Gemütern wie etwa dem Gebrauchsschriftsteller Ian McEwan immer noch bewundert. Doch der große Rest der Intelligenz innerhalb und außerhalb Großbritanniens wünscht sich die Pensionierung Blairs und seines Doppelpartners Bush lieber heute als morgen.

Eben um damit auch ein Politikverständnis ad acta zu legen, das auf Theatercoups und glänzende Auftritte aus war statt auf zähe Kleinarbeit und die unspektakuläre, schrittweise Lösung von Problemen, wie sie derzeit in Deutschland von der Großen Koalition trotz aller Stolpereien zumindest versucht wird. Ja, wo Großbritannien früher als leuchtendes Modell aktiver Politik galt, ist es heute eher das ehrlichere deutsche System, von dem die Briten lernen können.

Mich hat Tony Blair und der halbseidene Pop-Stil seiner Politik immer angeödet. Was wurde er bei uns angehimmelt! Blairs Grinsereien wurden immer mit Zukunftsfähigkeit verwechselt!

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, ihn 1998 auf dem Kongress der sozialistischen Internationale in Malmö zu erleben. Auf oberflächliche Beobachter wirkte er mit seinen gerade 43 Jahren und seinem gloriosen Wahlsieg wie ein linker Messias, besonders neben den damals tonangebenden Betonsozialisten Lionel Jospin und Oskar Lafontaine.

Als Blair die Bühne betrat, tobte der Kongresssaal. Und dann begann er zu sprechen. Mir gelang es hinterher nicht, auch nur einen einzigen sinnvollen Satz zu zitieren. Den Kollegen erging es ebenso. Wir waren verblüfft. Die Sache sah nach einem unglaublichen Illusionstrick aus.

Diese Politik der Luftblasen hat ihn immerhin über drei Wahlsiege getragen. Doch nun, Stück für Stück, platzen sie. Plop, plop, plop.

Es ist gut, wenn Blair noch eine Weile am Sims hängt. Und die Welt zuschaut. Und sich darauf besinnt, statt Pop wieder Politik zu betreiben.



Forum - Großbritanniens Premier - Wurde Tony Blair stets überschätzt?
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Seite 1
vanderwern, 10.05.2006
1.
Er ist halt langsam verbraucht und er hat in den letzten Monaten einige taktische Fehler gemacht. Vielleicht war er auch nur überheblich geworden. Seit der Zeit des Irak-Krieges ist er auch merklich gealtert. Dass Labour am Ende sei, kann nicht unbedingt behauptet werden; was soll man da erst von den Konservativen sagen? Immerhin hat Blair in der ersten Hälfte seiner Regierungszeit seine Hausaufgaben gemacht, was man sich auch sehr von unserer jetzigen Budesregierung wünschen würde.
Andreas Hoberg, 10.05.2006
2.
ich tue es nur ungern, aber was der Matussek (Sein Bruder war immerhin Botschafter in London) von sich gegeben hat, trifft es genau ausgenommen allerdings die Elogen auf Tatchers Wirtschaftserfolge (die gab es ja nie!) Blair war immer schon ein intellektuell wenig anspruchsvoller Politiker wie Schroeder ja auch...diese beiden Hanseln sind dafür verantwortlich, dass die Probleme in Europa in den letzten Jahren weder richtig erkannt noch vorangetrieben wurden..... Hinfort mit ihm, den dauergrinsenden Dummschwätzer, damit in England endlich auch einmal der Ernst gemacht wird mit der Politik zu den Wahlaussichten...wenn Brown rechtzeitig PM wird, dann wird es für die Torys schwer...zu sehr ist das Gedenken an die unselige Tatcherarea
Steeevyo, 10.05.2006
3.
Matthias Matussek soll doch mal bitte schön mit Verweisen belegen, dass in Afrika heute mehr gestorben wird als vor zehn Jahren (äußerst zweifelhaft)und dann sollte er mal bitte hinterlegen inwiefern Tony Blair daran Schuld trägt (auch äußerst zweifelhaft). Ich glaube im Kontext dieses mißlaunigen Artikels gibt es nur einen Schaumschläger. Ich kenne nicht viele Journalisten, die die Hybris besitzen, neun Jahre Amtszeit eines mehrfach eindeutig demokratisch legitimierten Premiers eines befreundeten Landes, in ein paar wenigen Zeilen alleinig und ausschliesslich mit äußerst negativen Adjektiven zu versehen, dass sich einem der Eindruck aufdrängt es handele sich um einen korrupten Willkürherrscher einer x-beliebigen Bananenrepublik. Auch immer wieder amüsant zu lesen sind die wilden Mutmaßungen zur wirtschaftlichen Situation Großbritanniens. Und das in einer Zeit wo z.B die Hälfte meiner Freunde bereits in London und anderswo im Königreich arbeiten. Deutsche selbstverständlich. Und zuguterletzt wird ein Nachruf geschrieben auf einen Politiker der sich noch in Amt und Würden befindet. Seltsam. Aber nicht verwunderlich zählt man die Artikel der deutschen Presse seit 2003 zusammen (als der bis dahin allseits beliebte Tony nicht dem deutschen Wunsch nach totalem Frieden folgen wollte), nach denen Tony Blair angeblich "immer mehr unter Druck gerät". Zur Frage wird er überschätzt? Nö. Wird er unterschätzt? Nö.
OranjeBoven, 10.05.2006
4.
Ich weiß nicht ob Herr Matussek je journalistische Arbeit geleistet hat, wenigsten nimmt er es mit der Wahrheit (vielleicht wie TB und GWB) nicht so genau: 1) "Feuer frei also auf den Mann, der einst ein umfangreiches Netzwerk hatte, der sich Urlaube bei Berlusconi leistet und Murdochs "Times" und die "Sun" soweit in der Tasche hatte, dass sie noch jeden spin mitfuhren..." Die Murdoch Media hat ihn nur insofern geduldet, da die Tories bis David Cameron nur einen haufen Jammerlappen darstellten (siehe Hague, IDS, Howard). 2) "Dass er Kabinetts-Schwergewichte wie David Blunkett und John Prescott wegen Sex-Skandalen verlor..." John Prescott war erst letzte Woche. David Blunkett ist ein tragischer Fall: sogar The Economist hatte gemeint, dass hier ein kompetenter Politiker einen Medienhetzjagd zum Opfer wurde. 3) "Eine ernsthafte, entschlussstarke konservative Erneuerungs-Politik könnte Ausstrahlung haben auf ganz Europa." Was in Gegensatz zu dem o-so-professionellen und realitätsfernen Gezank der deutschen/französichen/italienischen usw. Linke? Oder im Gegensatz zu dem überhaupt nicht müden oder korrupten französichen Rechten? Oder war Bush wirklich so viel unseriöser als Zigarre-Clinton? Oder der Medienkanzler Schröder? Was ist das für ein Kommentar? 4) "Und da er einen zutiefst prinzipienlosen Politikertyp verkörperte, war es nur logisch, dass er sich seine Kampagnen von den prinzipienlosen Strategen Alastair Campbell und Peter Mandelson gestalten ließ." Der Verlaß auf obengenannte Herren wurden aus der Not geboren. Bis 1997 waren die Tories Labour haushoch überlegen gewesen in ihren Medienkampagnen und - Geschick. Das ist der Hintergrund? Warum nicht erwähnen? Sie sind doch Journalist? 5) "Blairs Bilanz ist vernichtend." Alle Beispiele die dann folgen sind auf die Politik und Entscheidungen von dem alten zentralisierer Gorden Brown zurückzuführen. "Quotierungen"? Browns glänzende Idee. "Konsumgetriebener Wirtschaftswachstums" und die "überhitzte Immobilenmarkt"? Ist auf Browns Entscheidung - die übrigens allernorts als meisterschlag gefeiert wird - die Central Bank seine Unabhängigkeit zu verleihen zurückzuführen. 6) "Die Staatsquote im Arbeitsmarkt ist enorm gestiegen" - wieder Gordon Brown und seinen Fäbel Groß- und Kleinunternehmen mit Bürokratie einzubinden und jede Menge unnötige Behörden und Kontrollorganen zu schaffen. Apropos, "Konsumgetriebener Wirtschaftwachstums": ist das wirklich so viel schlimmer als hier in Deutschland? Wo wirtschafts- und Arbeitnehmerverbände, Politiker und Medien schon seit Jahren jammern, dass der Bürger nicht einkaufen will? Wo ist da der Sinn in dieser Kommentar? Ich kann weiter gehen, aber man könnte ja glauben, ich möchte Herrn Blair verteidigen. Ist gibt so viele Angriffspünkte, aber gerade nicht die, die Herr möchte-gern Journalist vorführt. von wegem Schaumschläger. Jetzt fällt mir wieder ein, warum ich mein Spiegel Abo abgesagt habe. Nur Rhetorik, keine Fakten!
Emil Peisker 10.05.2006
5. Blairs Erfolge
---Zitat von Andreas Hoberg--- ich tue es nur ungern, aber was der Matussek (Sein Bruder war immerhin Botschafter in London) von sich gegeben hat, trifft es genau ausgenommen allerdings die Elogen auf Tatchers Wirtschaftserfolge (die gab es ja nie!) ---Zitatende--- Hallo Andreas Hoberg Das sehe ich auch so. Ich habe 1980 eine kleine Importfirma in GB eröffnet, die meine Produkte aus Deutschland und anderen EU-Ländern vertrieb. Den eigentlichen Aufschwung bekam die GB-Wirtschaft erst durch die rasante Abwertung des britischen Pfundes. Da aber die Exportindustrie in einem solch miserablen Zustand war, konnte dieser Vorteil ( DM/Pfund von 4,50DM auf 2,40DM gefallen) langfristig nicht gehalten werden. Außerdem betrachteten es die britischen Politiker als eine Schande, dass ihre Währung so abrutschte und taten Alles, diesen Trend wieder umzukehren. Vieles, was der Lady als Leistung unterstellt wurde, war im Grunde der Disparität der Währung geschuldet. Das Gehaltsgefüge 1980 im unteren Angestelltenbereich war so miserabel, dass dem englischen Filialleiter in Luton die Freudentränen kamen, als er nach deutschen Normen einen Vertrag bekam. Von der absolut notwendigen privaten Zusatzkrankenversicherung erst garnicht zu reden. Wenn man dann im anderen Forum (Arbeitslosigkeit) so Neunmalkluge schwätzen hört, vom tollen Modell GB, dann muss man an sich halten, um nicht loszuprusten.
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