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Kommentar zur Euro-Krisenpolitik: Vorbild Amerika

Ein Kommentar von , Washington

Deutschland sollte seine europäische Sparpolitik lockern. Nicht wegen des Syriza-Wahlsiegs, sondern weil Europa Wachstum braucht. Die USA machen es vor.

Kanzlerin Merkel, Präsident Obama: Stimulus statt Wildwest-Kapitalismus Zur Großansicht
REUTERS

Kanzlerin Merkel, Präsident Obama: Stimulus statt Wildwest-Kapitalismus

Es ist ein altbekannter Sound, mit dem Amerika auf den Syriza-Wahlsieg in Griechenland reagiert: Kritik an der deutschen Anti-Krisenstrategie in Europa. Mehr investieren, weniger sparen! - Das ist die Forderung von vielen Politikern und Experten. "Der Aufstieg von Syriza stellt Europas von den Deutschen geführte Austeritätspolitik infrage", urteilt die "New York Times".

Von den USA aus betrachtet erscheint Deutschland wie eine exotische finanzpolitische Insel, auf der mit viel Überzeugung alten Rezepten gefolgt wird. "Destruktiv und gefährlich", hat das die "Washington Post" jüngst kommentiert. Ergebnis: Wirtschaftliche Depression in Südeuropa im Generellen und Syriza in Griechenland im Speziellen. Populisten profitieren.

Dass es dazu nicht zwangsläufig hätte kommen müssen, zeigt ein Blick auf die amerikanische Krisenpolitik. Die lief in den letzten Jahren zeitweise spiegelverkehrt zur deutsch-europäischen. Denn ausgerechnet die USA mit ihrem vermeintlichen Wildwest-Kapitalismus setzen - wie schon zuvor in ihrer Geschichte - auf staatlichen Stimulus, während die Deutschen sich selbst ein kleines Konjunktur- und (Süd-)Europa ein Sparprogramm verordneten.

Dementsprechend gilt in Amerika das Versagen der Märkte als Ursache der Krise. Europa dagegen gibt den einzelnen Staaten die Schuld. Für Griechenland mag das gelten. Aber für die anderen südeuropäischen Länder oder Irland? Wohl kaum. Warum nicht nötige Arbeitsmarkt- und Strukturreformen mit massiven Investitionen verknüpfen? Gesundschrumpfen hingegen ist ein Widerspruch in sich.

Amerikas Wirtschaftswachstum liegt deutlich über dem der Euro-Zone, die US-Arbeitslosenquote beträgt sechs Prozent, die der Euro-Länder über elf Prozent. Und all das der Tatsache zum Trotz, dass Amerika ein politisch gelähmtes Land ist, das in den letzten Jahren wegen des Haushaltsstreits zwischen Republikanern und Demokraten beinahe in die Zahlungsunfähigkeit gerutscht wäre.

Was Deutschland und Amerika eint, das ist die wachsende Einkommensschere, die zunehmende soziale Ungleichheit. Ein paar Wenige profitieren deutlich mehr vom Aufschwung als die große Masse. Der US-Präsident hat das in seiner State-of-the-Union-Rede gerade als großes Thema markiert. Erst Wachstum, dann Umverteilung, so geht sein Credo. Zwar mögen die Republikaner diese Konzepte mit ihrer Mehrheit im Parlament stoppen, doch gilt auch hier wieder das spiegelverkehrte Bild: Umverteilung fordern in Deutschland nicht einmal mehr die Sozialdemokraten.

Die entscheidende Kennziffer für das Wohlergehen einer Gesellschaft sind nicht Inflationsrate und Schuldenstand, sondern die Arbeitslosenquote, speziell die der Jugendarbeitslosigkeit. In Spanien und Griechenland liegt sie bei rund 50 Prozent, in Italien knapp darunter. Das ist nicht hinnehmbar. Keine Sparpolitik rechtfertigt diese Art der langfristigen Chancenvernichtung.

Die Amerikaner scheinen das erkannt zu haben. Europa nicht.

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Sebastian Fischer ist Stellvertretender Ressortleiter im Politik-Ressort mit Sitz im Hauptstadt-Büro.

E-Mail: Sebastian.Fischer@spiegel.de

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1. Frau Merkel macht ihre Politik
micromiller 28.01.2015
wie eine gute alte Hausmutter und das ist alternativlos. Im Zeitalter des Wirbelkapitalismus und der Herrschaft der Bankster und Hedger ist das eine Lachnummer. Man kann in einem Teich mit voller Hechte als Goldfisch nicht überleben.
2. Die USA...
holgerkraeft 28.01.2015
...sind eine politische Einheit, mit entsprechender Steuergesetzgebung. Wir haben noch nicht einmal den Eigentumsbegriff europaweit harmonisieren können. Auch wenn der Dollar von der FED geliehen wird, ist er viel mehr eine Währung als der Euro. Der hat nich ma einen Souverän - auweia...
3. in vier Jahren nix mitgekriegt?
Kai_in_MN 28.01.2015
Wenn ein junger Mensch hier in den USA nach High School oder College nicht seinen Wunschjob kriegt, verdingt er sich wohl oder übel für schmales Geld zunächst in der gigantischen Service Industrie. Wenn dann, so wie jüngst, überall bei Starbucks und Potbelly die 'Now Hiring' Schilder im Fenster stehen, heißt das nicht, dass die noch mehr Kaffee kochen und Sandwiches bauen wollen, sondern, dass die qualifizierten Leute kündigen, bessere Jobs finden und die Lücken gefüllt werden müssen. Diese qualifizierten Jobs entstehen aber in der Regel nicht durch irgendwelche staatlichen Programme. Selbst im demokratischen Nordosten mit höheren Steuern und mehr Public Service ist der Einfluss von Parteien und Staat um Größenordnungen geringer als in Europa. Deutschland hatte mit Schmerzen seinen Arbeitsmarkt teilweise dereguliert, daher wirkt die bittere Sparmedizin. Das wissen wiederum die schlauen Journalisten aus Washington wohl nicht, dass die Arbeitsmärkte etwa in Frankreich und Italien mit dem der USA überhaupt nicht zu vergleichen sind. Staatliche Ausgabeprogramme verpuffen unter diesen Bedinungen (wie schon immer, das ist gar kein 'neues' Mittel wie der Autor glauben machen will) als Strohfeuer, die Reformen bleiben Lippenbekenntnisse. Im Grunde schreibe ich das alles nur, weil ich erstaunt bin, wie man 4 Jahre als Journalist in diesem Land lebt, und die simpelsten Dinge anscheinend nicht mitbekommt. Etwa auch, dass die tollsten Reden vom Präsidenten den Leuten draußen in den Staaten ziemlich egal sind.
4. Am Ende wird die Rechnung aufgemacht
ugahenne 28.01.2015
Der Artikel ist mir zu kurzsichtig. Amerika hat seine Schulden binnen einer Dekade mehr als Verdoppelt, auf über 100% des BIPs. Dabei schrieb man 2000 noch Überschüsse! Das mag zwar JETZT rosig erscheinen, aber mehr Schulden = mehr Abhängigkeit und Risiko in die Zukunft geparkt (Unsere Kinder, Zurückzahlen und so). Ich schreibe "erscheinen" weil die Realität sich nicht 100% damit deckt. In den US-Arbetislosenzahlen wird noch viel mehr getürkt als bei uns... da fallen Heerscharen von Arbeitslosen komplett aus der Statistik nach 6 Monaten erfolgloser Suche. Und die Einkommensschere... es ist zwar richtig, dass die hüben wie drüben auseinandergeht, aber waren sie mal in den USA? Deren "prekäre" Wohngegenden (und Zeltstädte) erinnern eher an 3. Welt denn an Industrieland. Deutschland macht das besser - es wird nur Zeit das Währungsexperiment zu beenden bevor wir durch noch mehr Kredite und Targetsalden noch erpressbarer werden. Der Euro kann bestehen bleiben, für die Südländer. Wir kehren zur DM zurück oder erschaffen einen Nordeuro.
5. Überschrift
skorpianne 28.01.2015
Womit ja in der Überschrift schon erklärt ist, worin der Unterschied liegt. Europäische Union. Nicht Vereinigte Staaten von Europa. "Amerika" hat ebenfalls völlig unterschiedliche Wachstumsraten. Venezuela z.B. siecht vor sich hin. Was unternimmt Amerika dagegen?
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