Kommentar Die Freiheit des Abdul Rahman

Zwölf Karikaturen in einer dänischen Zeitung waren für radikale Muslime Grund genug für blutige Krawalle. Jetzt droht einem zum Christentum konvertierten Mann in Afghanistan die Todesstrafe. Der Westen soll sich raushalten, meinen die Afghanen. Wie bitte?

Von Claus Christian Malzahn


Die Freiheit der Bundesrepublik werde auch am Hindukusch verteidigt, hat der ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck im Herbst 2001 erklärt, als man ihn danach fragte, was die Bundeswehr in Afghanistan zu suchen habe. Anschließend verjagte die Nato die Taliban aus Kabul. Ein mörderisches Regime brach in sich zusammen, das die eigene Bevölkerung, vor allem die weibliche, jahrelang auf das Übelste terrorisiert hatte. Nach einem Vierteljahrhundert Krieg schien Afghanistan zum ersten Mal wieder Aussicht auf bessere, friedlichere Zeiten zu haben.

Gefährlicher Prozess: Ansarullah Mawlavezada, Richter am Obersten Gerichtshof Afghanistans, hält im Verfahren gegen Rahman eine Bibel hoch.
AFP

Gefährlicher Prozess: Ansarullah Mawlavezada, Richter am Obersten Gerichtshof Afghanistans, hält im Verfahren gegen Rahman eine Bibel hoch.

Doch die Freiheit der Bundesrepublik ist am Hindukusch natürlich nicht eingekehrt. Das war auch nicht zu erwarten. Die Taliban haben sich zwar in den Süden und die Grenzregion nach Pakistan zurückgezogen. Doch der radikale Islam ist geblieben. Auch heute noch kann sich in Kandahar keine Frau ohne Burka auf die Straße wagen. Tatsächlich sind diejenigen Frauen, die man dort auf der Straße in einer Burka sehen kann, sogar privilegiert: Die wenigsten dürfen das Haus überhaupt verlassen. Frauen werden in Afghanistan wie in vielen anderen Ländern der islamischen Welt existentielle Menschenrechte vorenthalten, und die Präsenz der Bundeswehr in Kabul hat nichts daran geändert.

Afghanistan ist ein von archaischen Traditionen durchdrungenes Land. Und die von der Loya Jirga, der großen Ratsversammlung, in Kabul beschlossene islamische Verfassung war gegenüber der mörderischen Unrechtssprechung der Taliban sicher ein Fortschritt. Aber Afghanistan ist kein demokratischer Rechtsstaat. Wenn nun einem Muslim die Todesstrafe droht, weil er sich zum Christentum bekennt, zeigt das nur, wie weit entfernt dieses Land noch von selbstverständlichen rechtlichen Standards ist. Im Nachbarland Pakistan, einem Verbündeten im Kampf gegen den Terror, ist die Lage nicht besser. Dort leben die Christen - zwischen fünf und zehn Prozent der Bevölkerung immerhin - in Ghettos; in ständiger Gefahr von Anschlägen. Viele Christen in islamischen Ländern leben in religiöser Apartheid.

Wenn nun die Kritik an dem drohenden Todesurteil in Kabul als "Einmischung in innere Angelegenheiten" zurückgewiesen wird, ist es wohl höchste Zeit, noch deutlicher zu werden. Es geht nicht nur um Abdul Rahman, der sich aus Gründen, die nur ihn etwas angehen, zum Christentum bekennt. Es geht auch um die Frauen, die in afghanischen Gefängnissen schmachten, weil sie des Ehebruchs angeklagt worden sind. Es geht um junge Mädchen, die gegen ihren Willen an alte Männer verschachert werden. Es geht um Studentinnen, die nicht wagen können, allein auf die Straße zu gehen, weil sonst ein paar männliche Analphabeten auf die Idee kämen, ihnen Gewalt anzutun. Und es geht um die vielen hunderttausend Frauen in Afghanistan, die ihr Leben hinter Mauern verbringen müssen; ohne Bildung, ohne das Recht auf Freude. Darum geht es, nicht nur um Abdul Rahman. Der hat nach einer Verurteilung gute Aussichten, von Präsident Karzai begnadigt zu werden - so wie die Frauen, die in den Gefängnissen hocken, weil sie angeblich ihren Mann betrogen haben (oft übrigens nur ein Vorwand, um sie loszuwerden). Doch es geht nicht um Gnade, sondern um Recht. Auf nichts weniger sollte der Westen bestehen.

Denn wir verhandeln hier keine inneren Angelegenheiten sondern die Frage der Gültigkeit internationaler Menschenrechte. Als eine dänische Tageszeitung ein paar mehr oder weniger dämliche Karikaturen veröffentlichte, brannte einige Monate später der islamische Zorn. Jetzt, wo es um Menschenleben und Grundrechte geht, hören wir Sprüche wie im Kalten Krieg: Mit der Floskel von "inneren Angelegenheiten" hat auch das Sowjetimperium noch jedes Mal westliche Kritik an Menschenrechtsverletzungen abgelehnt. Abdul Rahmans Angelegenheiten, die Angelegenheiten der Frauen von Afghanistan - das sind unsere Angelegenheiten. Und wenn die Bundeswehr diese Freiheit am Hindukusch nicht verteidigen kann, dann sollte sie abgezogen werden. Es gibt keinen Grund, auf das Grundgesetz vereidigte Soldaten zu Operettenkriegern zu machen.



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