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EU-Frust: Europa verschwendet seine Jugend

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Schwindendes Vertrauen: EU? Nein, danke! Fotos
DPA

Die Europäer verlieren das Vertrauen in die Europäische Union. Zu Recht. Besonders junge Menschen haben auf grenzenlose Möglichkeiten gehofft, heute sind von vielen Träumen nur Trümmer geblieben. Die Politik ignoriert ihre Sorgen - die Jungen müssen endlich ihre Rechte einfordern.

Europa - das war mal eine große Idee. Heute ist es eine große Misere. Die Krise hat das Vertrauen der Bürger zutiefst erschüttert, wie aktuelle Studien belegen. Erschreckend ist, dass gerade Menschen besonders enttäuscht sind, die aus Ländern wie Spanien, Italien und Portugal stammen - jene Staaten, die das europäische Projekt einst euphorisch feierten.

Noch erschreckender ist, dass sich die Jungen abwenden. Es ist die Generation, die den Traum von Europa wirklich leben konnte: Austauschprogramme mit anderen Ländern, Reisen ohne Grenzkontrollen und schließlich eine gemeinsame Währung. Die Einführung des Euro war für diese Generation die logische Folge des Gefühls von Zusammengehörigkeit und Zuversicht.

Dieses Gefühl ist dahin.

Die Europäische Union steht nicht für Hoffnung, sondern für Hoffnungslosigkeit. Jeder kämpft für sich allein, so sehen es viele junge Südeuropäer. Für die Politik haben sie nur noch Verachtung übrig.

Denn die Mächtigen in den europäischen Hauptstädten geben Milliarden für Rettungsprogramme frei, aber sie erkennen nicht, dass sie gerade Europas wertvollstes Gut unrettbar verlieren: die junge Generation.

Mindestens ein Drittel der Menschen unter 25 Jahren ist in den Ländern Südeuropas arbeitslos. In Spanien und Griechenland haben sogar zwei Drittel von ihnen keinen Job. Die Jungen haben keine Perspektive, sie leben verunsichert, verzagt, verzweifelt. Ist das eine Haltung, die wir uns für Europas Zukunft wünschen? Auf der unsere Gesellschaft baut? Beunruhigende Folgen der Krise zeigen sich schon: Die Kriminalität in Spanien, Italien und Portugal steigt.

Europa verliert eine ganze Generation - und mit ihr die europäische Idee. Denn wer soll sie denn weiter tragen, wenn nicht diese jungen Leute?

Politiker, die von Krisengipfel zu Krisengipfel eilen, haben keine Antworten auf die Probleme gefunden, nicht einmal angemessene Worte für die Sorgen der Jungen. Vielleicht sind sie auch schlicht und einfach nicht als Wählergruppe interessant in Zeiten des demografischen Wandels. Wenn Deutschland und Frankreich jetzt eine gemeinsame Initiative gegen Jugendarbeitslosigkeit anstoßen wollen, ist das löblich - kommt aber reichlich spät.

Als besonders kalt wird die deutsche Regierung wahrgenommen, die ständig aufs Sparen drängt. Die Krise der südeuropäischen Länder ist zwar vor allem hausgemacht. Aber der Zorn gegen Berlin ist auch verständlich: Wer keinen Job findet, nur arbeitslose Freunde hat und vielleicht bald seine Wohnung verliert - der hat keine Lust, sich von den reichen Deutschen anzuhören, man müsse sich mehr einschränken oder anstrengen.

Die jungen Menschen wollen ernst genommen werden. In Italien finden sie sich bei der Partei von Beppe Grillo wieder. In Spanien gewinnt die Bewegung der Empörten wieder an Schwung. Sie rüttelte vor zwei Jahren die politische Kaste in Madrid und die europäische Öffentlichkeit auf. Am vergangenen Wochenende protestierten die "indignados" wieder in 20 spanischen Städten.

Richtig so. Die Mächtigen auf dem Kontinent haben noch nicht verstanden, welches Potential sie verspielen. Die junge Generation darf sich diese Missachtung nicht mehr gefallen lassen. Sie muss lauter werden. Sie muss sich engagieren. Sie muss zur Wahl gehen, in die Parteien drängen oder neue Parteien gründen, konkrete Verbesserungsvorschläge machen.

Sie muss ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen - denn sonst tut es keiner.

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insgesamt 180 Beiträge
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1. Wann werden ...
Pinin 14.05.2013
... sogar SPON-Redakteure einsehen, dass man auch im ClubMed auf Dauer nicht mehr ausgeben kann als man einnimmt, und dass die deutschen Arbeiter und Bürger nicht für alle bezahlen können und wollen?
2. Wenn es eine einfache Lösung gäbe...
otzer 14.05.2013
würden die Politiker sie sicher umsetzen. Fakt ist, dass ganz viele EU-Staaten (wenn nicht alle) über ihre Verhältnisse gelebt haben und das mit Schulden finanzierten. Irgendwann funktioniert das nicht mehr. Ich glaube nicht, dass wieder neue Schulden das Problem lösen.
3. Kapitalismus am Ende
ponyrage 14.05.2013
Das Problem liegt im System, ein paar Trostpflaster sind nichts als eben das - ein paar Trostpflaster. Wer immer noch nicht erkennt, dass es so nicht weitergeht, aber eine Rückkehr zum Alten auch nicht möglich ist, der tut mir leid. Oder er will gar nicht, dass es den Menschen besser geht, weil er den status quo braucht, damit es ihm selbst gut gehen kann, auf Kosten der anderen. Dieses System ist auf Egoismus gebaut und wird daher immer zu Missbrauch durch Egoisten einladen. Und die sind meistens schlau genug, das System so für sich auszunutzen, dass für die anderen nur noch ein paar Brocken übrig bleiben. Banken, Manager und Politiker haben geradezu ein Kartell zur Ausbeutung (und letztlich Versklavung) der Bevölkerungsmehrheit gebildet, und jeder von denen ist bestens darin geschult, in Talkshows diese Tatsachen zu verschleiern, sich selbst als Leistungsträger darzustellen und zu behaupten, dass doch jeder schließlich seines eigenen Glückes Schmieds sei, weshalb es völlig in Ordnung sei, dass immer mehr Menschen nicht ohne staatliche Unterstützung über die Runden kommen, sogar wenn sie einen Vollzeitjob haben. Von der Rente mal ganz zu schweigen, wenn es erst so weit ist, wird es noch schlimmer.
4. Von den Jungen in Deutschland
lefs 14.05.2013
mit Billigstlöhnen und prekären Arbeitsverhältnissen spricht die deutsche Presselandschaft nie mit dieser Empathie. Mitleid kennen die gar nicht mit der eigenen Bevölkerung. Wir sind für unsere Politik und die Jubel-Presse nur dazu da, das Weltklima zu retten oder Banken zu retten oder das Euro-Chaos zu retten. An uns denken die nie. Auch für uns ist das alles eine Katastrophe! Auch wenn ihr das nicht merkt.
5. Hä
fam.weber11 14.05.2013
Wieso der Zorn auf Deutschland verständlich ist, erschließt sich mir nicht automatisch. Mein Nachbar lebte zehn Jahre wie Bolle, ich jedoch nach meinen Möglichkeiten und daher bescheiden. Jetzt isser insolvent. klaro, wer daran Schuld ist. Muss hinzufügen, habe ihm oft geraten, sein Geld wirtschaftlich und mit Augenmaß auszugeben.
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