Obama wiedergewählt: Sieg ohne Glanz

Ein Kommentar von , Boston

Ein Sieg, aber kein Triumph: Mit seiner Wiederwahl geht Barack Obama in die Geschichtsbücher ein. Doch das eher glanzlose Ergebnis erlaubt dem US-Präsidenten vorerst nur kleine Schritte - was sich allerdings langfristig für seine Partei auszahlen könnte.

Wahlsieger Obama bei seiner Dankesrede in Chicago: Bescheidener Präsident Zur Großansicht
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Wahlsieger Obama bei seiner Dankesrede in Chicago: Bescheidener Präsident

Barack Obama hatte bereits im November 2008 Geschichte geschrieben. Aber erst jetzt, im November 2012, hat er seine persönliche Erfolgsgeschichte vollendet. Hätten die Amerikaner ihrem ersten afroamerikanischen Präsidenten die Wiederwahl versagt, wäre Obama stets mit einem Makel behaftet geblieben: ein historisch wichtiger Präsident zwar - aber kein bedeutender. Denn dieses Prädikat haben US-Bürger in aller Regel den Männern im Weißen Haus vorbehalten, die es in eine zweite Amtszeit schafften.

Nach einer Niederlage wäre Obama womöglich immer der "Schwarze gewesen, dem man natürlich mal wieder den schlimmsten Job im Land aufdrängt", wie die Washingtoner Satirezeitung "The Onion" nach seiner Wahl vor vier Jahren witzelte - der vielleicht richtige Mann zur falschen Zeit, gescheitert an einer der schwersten Krisen der Vereinigten Staaten. Was eine solche Abwahl für die fragilen Rassenbeziehungen in Amerika bedeutet hätte, darüber muss man nun zum Glück nicht mehr sinnieren.

Aber errang der Demokrat auch einen historischen Triumph?

Nein, Barack Obama hat einen glanzlosen Wahlkampf geführt, geprägt eher von scharfen Charakterattacken gegen Rivale Mitt Romney denn von Stolz auf die eigene Bilanz. Wie knapp der Ausgang war, zeigt sich schon darin, dass Obama zwar die Mehrheit der Wahlmänner hinter sich vereinen kann, aber - wenn überhaupt - höchstens eine hauchdünne Mehrzahl der Stimmen aller Amerikaner.

"Geht wählen", war am Ende das Mantra bei Obamas Wahlveranstaltungen, der pragmatische Appell löste die visionären Sätze von "Hope" und "Change" ab. Er müsse wiedergewählt werden, weil er seine schwierige Aufgabe noch nicht vollendet habe, so lautete die eher schlichte Werbebotschaft des Präsidenten für seine zweite Amtszeit.

US-Wahl 2012 Ergebnisse

Mitt Romney war ein ungeschickter, ungelenker Gegner

War die absurd lange und absurd teure Wahlschlacht ein historisches Duell, so wie Obamas epochales Vorwahl-Ringen 2008 mit Parteirivalin Hillary Clinton? Auch das nicht, dafür erwies sich Republikaner Mitt Romney als ein Gegner, den die Geschichte zu rasch vergessen wird. Er ist ein ungeschickter, gar ein ungelenker Politiker.

Historisch zu nennen ist eher die Dummheit der Republikaner, sich nicht entschlossener um die Minderheiten zu bemühen, die US-Wahlen zunehmend entscheiden. Dass Afroamerikaner Obama die Stange halten würden, war zu erwarten. Aber hispanische Wähler wären für Lockrufe der Konservativen aufgrund der nach wie vor schwierigen US-Wirtschaftslage aufgeschlossen gewesen. Doch angesichts der plumpen Xenophobie der Republikaner, vom Kandidaten Romney zumindest im Vorwahlkampf fleißig gepflegt, entschieden sie sich mit überwältigender Mehrheit für den Amtsinhaber.

Allein mit weißen Männern ist in den USA aber keine Wahl mehr zu gewinnen. Auch die Republikaner müssen einsehen, dass die immer schneller wachsende Gruppe amerikanischer Einwanderer nicht bloß im Land bleiben, sondern auch politisch mitbestimmen will. "Das weiße Establishment stellt nur noch die Minderheit", musste selbst der stramm rechte Fox-TV-Haudegen Bill O'Reilly anerkennen.

Obamas Priorität: die Wirtschaft in Schwung bringen

Ob Obama seine zweite Amtszeit beginnt, wie die erste endete - mit einer Dauerblockade seiner Politik? Im US-Repräsentantenhaus stellen die Republikaner nach wie vor die Mehrheit. Und es ist keineswegs ausgemacht, dass die Grand Old Party ähnliche Schlüsse aus ihrer Niederlage ziehen wird wie nach dem Debakel ihres radikalen Kandidaten Barry Goldwater 1964 - und in die Mitte rückt.

Bereits am Wahlabend waren konservative Stimmen zu vernehmen, welche die Schuld an der Wahlniederlage auf den vermeintlich zu moderaten Kandidaten Romney schoben und seinen weit radikaleren Vize Paul Ryan als Zukunftshoffnung empfahlen.

Unter diesen Vorzeichen wird der alte und neue Präsident Obama sich bescheiden zeigen müssen, und das ist gut so, für ihn und seine Partei. Anders als nach der Wahl 2008, die Demokraten als breites Mandat fehlinterpretierten, muss Obama zumindest vorläufig das angehen, was Amerikaner am ehesten von ihm erwarten: die Wirtschaft in Schwung bringen und mehr Arbeitsplätze schaffen. Rund 60 Prozent der US-Bürger gaben dies in Umfragen als ihr wichtigstes Anliegen an.

Der Demokrat wird also nicht mehr vorrangig kontroverse Projekte verfolgen können, die spaltend wirken wie seine historische Gesundheitsreform. Doch diese neue Bescheidenheit könnte sich für ihn und seine Partei auszahlen. Denn gelingt es Obama, über eine bald wieder wachsende US-Wirtschaft zu präsidieren - was viele Ökonomen vorhersagen -, steigen die Chancen für jeden potentiellen demokratischen Nachfolger im Jahr 2016 rasant.

Folgt auf Obama die erste Präsidentin?

Darauf setzt etwa Ex-Rivalin Hillary Clinton, die bald als Außenministerin abtreten dürfte, um "viel zu schlafen" und eine mögliche Präsidentschaftskandidatur vorzubereiten, wie Vertraute berichten. Ihr Mann Bill hat auch deswegen so begeistert als Obamas Wahlkampfhelfer gewirkt, weil er auf diese Nachfolgeregelung hofft.

Also könnte sich 2016 der Kreis der Geschichte schließen: mit der Staffelübergabe des ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA an die erste US-Präsidentin. Und so würden die Vereinigten Staaten von Amerika ein progressives Zeitalter einläuten.

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Forum - US-Wahl - was bedeutet der Ausgang für Amerika und die Welt?
insgesamt 930 Beiträge
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1. Warum spannend ?
makki45 06.11.2012
Zitat von sysopEs ist eine der spannendsten Wahlen in der Geschichte der Vereinigten Staaten
Was soll, bitte, daran spannend sein, wenn es ganz ohne Bedeutung ist wer gewinnt ?
2. Obamas Zeit ist aus - Nov. 2012
jos777 06.11.2012
Es ist die Zeit von konservativen Werten, welche nun mit Romney starten wird. Das liegt daran, dass konservative Familien im Durchschnitt mehr und intensiver arbeiten, um ihren Wohlstand zu mehren und den Besitz zu wahren. Letztendlich möchte jeder irgendwann konservativ werden oder ist es schon. Die ganze liberale Politik ist nur eine Modeerscheinung. Im Kern ist jeder Mensch konservativ. Deshalb wird auch Romney der neue Präsident der USA werden.
3. Gottes eigener Landstrich
e-cdg 06.11.2012
Zitat von sysopEs ist eine de
Am Ende gewinnen in den USA eh immer die Banken - was hätte mit dem Geld, das für den Wahlkampf verprasst wurde, alles sinnvoll für Bildung,SoziaIes und Infrastruktur erreicht werden können !
4. Early Voting In Texas
spontifex 06.11.2012
Zitat von sysopEs ist eine de
Falsches Foto (http://cdn3.spiegel.de/images/image-422072-breitwandaufmacher-dhdp.jpg) | Richtiges Foto (https://www.box.com/s/7ps8rlgbe4qwd4suomj1)
5.
Hafenschiff 06.11.2012
Zitat von jos777Es ist die Zeit von konservativen Werten, welche nun mit Romney starten wird. Das liegt daran, dass konservative Familien im Durchschnitt mehr und intensiver arbeiten, um ihren Wohlstand zu mehren und den Besitz zu wahren.
Ja genau. Deswegen sind gerade die Ost- und Westküste der USA ja auch so reich geworden ... weil die alle so konservativ sind und die Republikaner da so einen guten Stand haben ... O_ô Aha. Und was schreiben Sie, wenn Obama wieder gewinnt? Dann hat sich mal wieder die Modeerscheinung durchgesetzt? Bei Ihnen kann man sich echt nur noch weglachen.
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Zum Autor
  • Gregor Peter Schmitz, Jahrgang 1975, ist SPIEGEL-Korrespondent in Washington.

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