Obamas Vereidigung: Das verflixte zweite Mal

Ein Kommentar von , Washington

AFP

Mit Pomp und Prunk feiern Hunderttausende US-Bürger den Beginn von Barack Obamas zweiter Amtszeit. Doch statt Euphorie prägt Vorsicht die Erwartungen an die kommenden vier Jahre. Denn bislang ist der Präsident mit seinem wichtigsten Anliegen gescheitert: Amerika zu versöhnen.

Unter amerikanischen Ehepaaren ist es nicht unüblich, seine Treueschwüre einige Jahre nach der Vermählung öffentlich zu erneuern. Oft verheißt dieser Akt aber nichts Gutes, weil die Liebe wohl nicht mehr so stark ist, wenn es sie erneut zu bekräftigen gilt. Und so schön wie beim ersten Mal ist die Zeremonie ohnehin nie wieder.

Barack Obama konnte es sich nicht aussuchen, ob er noch einmal einen Eid schwört, die US-Verfassung schreibt dies zu Beginn jeder neuen präsidialen Amtszeit vor. Doch die Hunderttausenden Jubler in Washington, die Millionen Zuschauer in aller Welt, der ganze Pomp und das ganze Pathos (mehr im Liveticker hier) können auch in diesem Fall eines nicht verdecken: Aus Obamas feuriger Liebeshochzeit mit Amerika ist binnen vier Jahren eine kühlere Vernunftehe geworden.

Der Präsident sprach zu einem Volk, das ihn nicht wiederwählte, weil er Schmetterlinge im Bauch versprach - so wie noch im Jahr 2008, als gestandene US-Fernsehmoderatoren jubelten, sie verspürten ein Kribbeln beim Anblick des ersten schwarzen Präsidenten im Weißen Haus. Sie haben ihn eher erneut an ihre Spitze berufen, weil halt so recht kein anderer da war. Der Gedanke, der ungelenke Republikaner Mitt Romney könne statt Obama auf den Stufen des Kapitols stehen, wirkt heute so absurd, als dürfe Christian Wulff bald auf eine neue Amtszeit im Schloss Bellevue hoffen.

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Amtseinführung des US-Präsidenten: Obamas zweite große Party
Gewiss, Obama hat keine üble Bilanz vorzuweisen, seine Gesundheitsreform ist für die Geschichtsbücher bestimmt, der Krieg im Irak ist beendet, in Afghanistan ist der Rückzug eingeleitet. Terrorfürst Osama Bin Laden ist tot, Amerikas Autoindustrie dagegen lebt. Die schlimmsten Auswüchse der globalen Rezession wurden abgewendet, auch dank dieses US-Präsidenten.

Durchschnitt statt Traumtyp

Doch gemessen an den astronomischen, ja lachhaft hohen Erwartungen hat der Demokrat sich nicht als ein Traummann erwiesen, eher als ein solider Durchschnittstyp. Jemand, der sich bemüht und persönlich nicht enttäuscht. Aber kein Mann mehr, der dauerndes Herzklopfen auslöst.

Wie konnte es dazu kommen? Im normalen Eheleben sind meist äußere Gründe schuld, ein stressiger Job, leere Kassen oder schwierige Familienverhältnisse.

Obama kennt dies auch: Der globale Wirtschaftsabsturz überschattete seine erste Amtszeit, das Kriegs-Erbe von George W. Bush wirkte häufig wie eine Zwangsjacke. Zudem war er mit einer republikanischen Opposition geschlagen, die sich als oberstes Ziel verordnet hatte, Obama keine zweite Amtszeit zu gestatten.

Doch wie in jeder Ehe gibt es auch persönliche Gründe: Der Menschenfänger Obama hat sich, einmal im Amt, als Menschenmuffel erwiesen. Er umgab sich mit einem (überwiegend männlichen) Kreis von Vertrauten, er war kühl bis abweisend im Umgang mit dem Kongress, mit den Medien, gar mit seinen internationalen Kollegen. Dass das Weiße Haus keinen Hehl daraus macht, Obama habe in seiner Zeit im Amt keinen einzigen Freund gewonnen, ist ziemlich traurig.

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Obamas neues Kabinett: Wer macht was?
2009 sagte der Demokrat in seiner Antrittsrede, Amerikaner müssten die "Kindereien" einstellen und endlich vereint die Probleme der Nation angehen. Obama verglich sich mit Abraham Lincoln, der im Bürgerkrieg die Union geschickt zusammenhielt.

Auch in seiner zweiten Rede knüpfte er an sein wichtigstes Anliegen an, die Versöhnung der Vereinigten Staaten von Amerika. "Together", gemeinsam, müssten Amerikaner handeln, wiederholte Obama immer wieder.

Doch vier Jahre nach seinem Amtsantritt befindet sich sein Land vielleicht nicht im Bürgerkrieg, wie unter Lincoln, aber doch in einem "politischen Zermürbungskampf" ("Washington Post"). Die politischen Lager stehen sich fast unversöhnlich gegenüber. Laut aktuellen Umfragen glauben zwar 88 Prozent der Demokraten, Obama liefere gute Arbeit - aber nur 14 Prozent der Republikaner. Der Präsident hat gerade erst öffentlich gemurrt, die Republikaner wollten ihn ja eh nur als Sozialisten und Bösewicht zeigen.

Man kann solche Worte als Kampfansage verstehen, dass Obama in seiner zweiten Amtszeit weniger Zeit auf aussichtsloses Ringen um Kompromisse verschwenden wird - und kämpferischer auf eine Reform des Einwanderungsrechts, schärfere Waffenvorschriften oder mehr Klimaschutz drängen wird.

Ein neues Ziel

Man kann sie aber auch als Resignation verstehen, dass sein größtes nationales Projekt - die Aussöhnung in Washington - so fulminant gescheitert ist.

Deswegen sollte der Präsident sein Ziel neu bestimmen, genau so wie er im vielleicht zentralen Satz seiner Rede formulierte: "Wir haben immer verstanden, dass wir uns ändern müssen, wenn die Zeiten sich ändern."

Denn die Zeiten haben sich geändert für die Supermacht Amerika, die vor riesigen Problemen steht: eine explodierende Staatsverschuldung, deren Eindämmung Obama kaum anzugehen wagte, eine verrottete Infrastruktur, eine Demokratiekrise, ein ungeklärtes Verhältnis mit China, der neuen globalen Nummer eins.

Der wichtigste Kampf über diese Probleme findet zu Hause statt. Amerikaner müssen einsehen, dass das sture Beharren auf "American Exceptionalism", von Amerikas automatischer Vorrangstellung, nicht die Realität zimmert. Sondern, dass auch ihr Land eine Nation ist, die sich ändern muss, um weltweit mitzuhalten.

Dieses Denken zu ändern könnte Obamas größtes Vermächtnis sein. Versäumt er es, droht am Ende seiner acht Jahre bei den Amerikanern ein verbreitetes Gefühl am Ende von Vernunftehen: man bedauert die verschwendete Zeit.

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1. optional
Medienkenner 21.01.2013
Solange Guantanamo existiert und ungesühnt bleibt, interessiert mich dieser Gernegroß Obama NULL.
2. leading from behind
linkslibero 21.01.2013
Aus linksliberaler Perspektive war die erste Amtszeit eher enttäuschend. Selbst Börsenspekulant und Multimilliardär George Soros hält Obama "Mitläufertum" vor. "He's leading from behind" schrieben linksliberale Leitartikler. Viele seiner Anhänger hat Obama enttäuscht. Von einem wirklichen Politikwechsel kann nach vier Jahren keine Rede sein. Erinnert fatal an die Bilanz von rot-grün unter Schröder. Auch 1998 hatten die Wähler einen Politikwechsel erwartet und stattdessen den rot-grünen Sozialabbau bekommen.
3. optional
Thomas Kossatz 21.01.2013
Interessant, ein Kommentar ohne auch nur ein Zitat aus der Rede, die inhaltlich deutlich schärfer war als seine erste Antrittsrede. Das legt den Verdacht nahe, dass sie schon gestern fertig war. Ich schau wieder C-SPAN.org und verlasse das Raumschiff SPON.
4. optional
plang 21.01.2013
Wieder ein inhaltlich nichgt beghründbarer Seitenhieb auf Wulff, wieder besserwisserische Ratschläge an Obama, der die Wahl hat eine ihm unliebsame Politik mit Glanz zu versehen oder seine Werte mühsam gegen Justamentstandpunkte gnadenloser Gegner durchzusetzen. Kein Redakteursstatut schützt ihn gegen Mißgunst und Desavouierung.
5. Nur weil Obama die
Jay's 21.01.2013
viel zu hohen Erwartungen nicht alle erfuellen konnte, heisst das nicht, dass er nicht viel Gutes geleistet hat. Die Erwartngen waren eben zu hoch, hoeher als bei anderen Praesidenten, die Anforderungen auch. Was die Spaltung angeht, hat sich Obama leider als zu grosszuegig den Republikanern gegenueber gezeigt. Es wird Zeit, dass er ihnen jetzt endlich die Zaehne zeigt. Das ist, was seine Waehler von ihm erwarten. Man kann es sowieso nicht jedem Recht machen und schon garnicht den Republikanern, die in einer Welt leben, die es nicht mehr gibt und die wir nicht mehr haben wollen.
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