Kommentar Tibet ist Chinas Gaza-Streifen

Von Jürgen Kremb, Singapur

2. Teil: Wie China die Olympischen Spiele retten kann


Es mag ja durchaus wünschenswert sein, dass Tibet wie der Kosovo oder Osttimor seine Freiheit erhält. Aber als was? Wie Osttimor, verarmt, im Chaos versinkend, wo selbst Friedensnobelpreisträger wie jüngst Ramos Horta Freiwild sind oder als buddhistischer Ethno-Zoo, Luftkurort für zivilisationsmüde Westler und Hollywood-Stars? Auch das wäre vielleicht eine tolle Idee.

Leider hat das nichts mit Real-Politik zu tun. China wird einer Eigenstaatlichkeit Tibets nie zustimmen. Weder die kommunistische Volksrepublik China, die sich längst in ideologischer Auflösung befindet. Noch die nationalistische Großmacht "Reich der Mitte", die sich anschickt, Asiens Zukunft zu dominieren. Und das demokratische China, durch Handel gewandelt, ist ohnehin nur eine Chimäre westlicher Träumer. Tibet ist für China eine "interne Angelegenheit" in die es sich partout nicht reinreden lassen will. Die schäbige Menschenrechtspolitik der Supermacht USA im Anti-Terror-Kampf macht es Peking im Moment ohnehin ziemlich einfach, hart zu bleiben.

Das Problem ist nur, China muss verstehen, dass es in einer globalisierten Welt keine "nur nationalen Probleme" mehr gibt. Man kann nicht auf den Mond fliegen wollen und an einem Souveränitätsbegriff aus dem 19. Jahrhundert festhalten. Lhasa ist längst zu Chinas Gaza-Streifen geworden. In den Straßen und Klöstern führen nicht mehr die Anhänger des Dalai Lamas das Wort. Es ist der Geist des "Tibetischen Jugendkongresses", der jetzt den Ton angibt.

Dies ist eine radikale Gruppe von Exiltibetern, die seit Jahren nicht mehr hinter dem Dalai Lama stehen. Sie sagen, sein friedlicher Weg habe nicht die Freiheit für ihre Heimat gebracht und die Tibeter müssten dem Weg anderen Befreiungsbewegungen, wie den Palästinensern oder den Ost-Timoresen folgen.

Dramatische Planspiele für Olympia

Nicht der Dalai Lama hat diese zornigen jungen Leute groß gemacht, sondern der Unwillen Chinas, eine politische Lösung für Tibet zu suchen. Sie sind, wie die Kinder Gazas, die Geschöpfe sozialer Ausgrenzung und kultureller Unterdrückung. Sie lassen sich nicht mehr von einer wie auch immer gearteten Obrigkeit dirigieren. Den ursprünglichen Ansatz der Kommunisten, einfach zu warten, bis der Dalai Lama verstorben ist, haben diese Radikalen schon jetzt durchkreuzt.

Und damit ist das Potential dieser Heißsporne längst nicht ausgeschöpft. In den letzten Wochen hatten sie mit einem Protestmarsch aus Indien in Richtung der chinesischen Grenze die Proteste in Lhasa erst angeheizt. Wenn Pekings Führung glaubt, mit einem brutalem Einsatz der Sicherheitskräfte in Lhasa könnten sie ein PR-Debakel für die Olympischen Spiele im Keim ersticken, dann zeigt dies nur, wie wenig Fantasie sie hat. Denn wie glauben die Damen und Herren im Politbüro, mit einer Selbstverbrennung eines tibetischen Mönchs klarzukommen, gefilmt auf dem olympischen Rasen in Peking während der Spiele 2008. Auch das gehört zu den Planspielen der jungen Wilden aus Tibet.

Peking hat es selbst in der Hand, nur muss es schnell gehen. In den nächsten Wochen wird ein internationaler Druck zum Boykott der Spiele erwachsen, der in einer Image-Katastrophe für China sondergleichen enden kann. Das ist nicht nur ein Desaster für den Ausrichter der Spiele, sondern für alle Beteiligten.

Wenn "Olympia Beijing 2008" nicht den Beigeschmack von Berlin 1936 bekommen soll, dann muss Chinas KP-Chef Hu Jintao jetzt etwas ganz anderes probieren, als er gewohnt ist. Nicht Härte, sondern Deeskalation. Nicht stupide Propaganda, sondern echten Dialog. Das Argument, Sport habe nichts mit Politik zu tun, wird kaum reichen.

Dalai Lama auf der Ehrentribüne

Ein Anfang wäre schon gemacht, wenn bei den bevorstehenden Prozessen gegen die Randalierer von Lhasa internationale Beobachter zugelassen wären. Auch wäre eine öffentliche Untersuchung angebracht. Zur Fragen etwa, ob Soldaten protestierende Zivilisten erschossen oder nur Demonstranten chinesische Siedler gelyncht haben. Beides muss zu Strafen führen.

Und wenn China wirklich eine friedliche Großmacht ist, was spricht dann dagegen, dass Peking und die tibetische Exilregierung vor den Spielen in einen wirklichen Dialog eintreten, um ihre Probleme zu lösen. Nein, nicht in Peking müsste das stattfinden, sondern auf neutralem Boden. Es soll ja nicht Washington oder Moskau sein, Jakarta oder Stockholm wären sicher das geeignete Pflaster. Vielleicht auch Genf, der Sitz des olympischen Komitees.

All das würde die Bereitschaft eines neuen aufgeklärten Chinas voraussetzen. Eigentlich gar nicht so schwer. Denn es ist genau das Land, das die Organisatoren der Olympischen Spiele 2008 in Peking der Welt ohnehin vorzeigen wollten. Mit einem Unterschied, der Dalai Lama säße auf der Ehrentribüne. Dann hätte die Welt wirklich Respekt vor China.

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