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Kommentar: Tod in Kunduz

Von Claus Christian Malzahn

Der Norden Afghanistans galt lange als relativ stabile Gegend – genau deshalb sind die deutschen Truppen vor allem dort stationiert. Doch das Prinzip der Bundeswehr, dem Krieg am Hindukusch auszuweichen, funktioniert nicht mehr: Die Taliban wissen genau, wie verwundbar die Isaf-Truppen sind.

Berlin - Drei deutsche Soldaten sind in Afghanistan bei einem Anschlag, der vermutlich auf das Konto islamistischer Kämpfer geht, ums Leben gekommen. Diese traurige, für die Angehörigen entsetzliche Nachricht kommt überraschend. Aber es war zu befürchten, dass der Krieg in Afghanistan erneut deutsche Opfer fordern würde.

Bereits im Sommer 2003 kamen im verhältnismäßig sicheren Kabul vier Soldaten bei einem Selbstmordattentat ums Leben, 29 Bundeswehrangehörige wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Und auch nach dem Tod des Taliban-Kommandeurs Dadullah in der vergangenen Woche bleibt die islamistische Miliz in Afghanistan bei ihrer Strategie, die westlichen Truppen gezielt mit Selbstmordanschlägen anzugreifen und den Krieg damit in die Wohnzimmer an der Heimatfront zu tragen.

Die Taliban nehmen die Deutschen auch deshalb ins Visier, weil sie wissen, dass die Heimatfront zwischen Nordsee und Oberbayern schon mal besser aufgestellt war. Den pathetischen, aber keineswegs falschen Satz des damaligen SPD-Frakionschefs Peter Struck, wonach die Freiheit der Bundesrepublik auch am Hindukusch verteidigt werde, würde heute so schnell kein deutscher Politiker mehr wiederholen. Im Gegenteil.

Vor allem in der Sozialdemokratischen Partei ist man über das Abenteuer in Afghanistan inzwischen eher genervt. Der militärische Einsatz, der die Afghanen vor einem neuen Steinzeit-Islamismus bewahren soll, bringt im innenpolitischen Geschäft schon lange keine Rabattmarken mehr. Im Gegenteil. Er versperrt einer – aktuell heftig dementierten, mittelfristig aber keineswegs unwahrscheinlichen – Zusammenarbeit von SPD und Linkspartei im Bund den Weg wie Straßenpoller auf der Autobahnauffahrt.

Schon bei der jüngsten Abstimmung über den Tornado-Einsatz wurde deutlich, dass die SPD-Fraktion unter heftiger Afghanistan-Erosion leidet. Bei den Grünen, die 2001 mit ausdrücklicher Unterstützung ihres Außenministers in den Krieg an den Hindukusch zogen, verhält es sich ähnlich. Der politische Druck von links wird an dieser Stelle nicht geringer werden – denn die Parolen des plumpen Pazifismus werden heute in der Bundesrepublik so bejubelt wie früher der begeisterte Marsch an die Front. Die Wirklichkeit und das Schicksal der Menschen in Afghanistan spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, die deutsche Außenpolitik wird immer mehr zu einer Funktion der Innenpolitik.

Grundverlogenheit der deutschen Politik

Diese Grundverlogenheit wird von der deutschen Politik ständig erneuert. In Berlin weiß man, dass der Einsatz in Afghanistan keine kurzfristigen Erfolge bringen wird. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die Attacken der Taliban noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern werden. Das Ziel der westlichen Intervention in Afghanistan war, das Land nach über 20 Jahren Dauerkrieg zu stabilisieren – und zu demokratisieren. Eine Rückkehr der Taliban an die Macht würde nicht nur für die Bevölkerung – vor allem Frauen und Mädchen – eine Katastrophe bedeuten. Im schlimmsten Fall wäre ein Domino-Effekt zu befürchten – nicht nur für den Westen ein Albtraum-Szenario.

Falls die bärtigen Gotteskrieger ihre grünen Wimpel wieder in Kabul hissen würden, hätte das schwerwiegende Folgen für die gesamte Region. Mindestens für Pakistan, ein nuklear bewaffnetes Land mit starker islamistischer Unterströmung, hätte eine Renaissance der Taliban schlimme Folgen. Ein Putsch oder Bürgerkrieg wäre fast unausweichlich – im Ergebnis wäre die Welt sehr schnell mit einem islamistischen Regime konfrontiert, das Atomwaffen nicht nur wie Iran anstrebt, sondern bereits besitzt – und das kaum zögern würde, diese Waffen gegen seinen ebenfalls nuklear bewaffneten Nachbarn Indien auch einzusetzen.

Außenpolitik wie bei einem Weinfest in der Pfalz

Aber solche leider ausgesprochen düsteren Szenarien sind kompliziert und von der deutschen Politik Lichtjahre entfernt. In der Riesling-Republik Deutschland betreibt man Außenpolitik lieber gemütlich-versöhnlich - wie einen Rundgang über ein pfälzisches Weinfest. Man solle die Taliban doch einfach mal zu einer Friedenskonferenz einladen, schlug kürzlich der SPD-Chef und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck der afghanischen Regierung vor. Also dass der Karzai da noch nicht drauf gekommen ist! Am besten schicken wir dem Taliban ein Dutzend Kisten Liebfrauenmilch und ein paar Weinköniginnen hinterher, dann wird er sich schon wieder beruhigen!

Das Tauziehen zwischen Taliban und der von den meisten Afghanen gestützten und vom Westen beschützten Regierung Karzai in Afghanistan wird weitergehen. Doch je stärker die politischen Zweifel an dem Out-of-area-Einsatz im Westen wird, desto heftiger werden die Angriffe auf die westlichen Truppen sein. Am Ende könnte tatsächlich der Abzug der Bundeswehr stehen. Doch was dann in Deutschland als Sieg der Friedenspolitik verkauft werden würde, wäre für Afghanistan nichts anderes als ein Rückfall in die Zeiten des schlimmsten Krieges.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
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1. Nordsee bis Oberbayern
akki888 20.05.2007
Also Entschuldigung, aber den Taliban zu unterstellen sie wüssten wie die Stimmungslage zwischen der Nordsee und Oberbayern ist, ist der größte Blödsinn den ich seit langen gelesen habe. Aber das die Tornados die jeden Tag über Ihnen "aufklären" und dann anschließend die USA-Kampfbomber Ihre Frauen und Kinder bombardiern, und das eben diese Tornados mit den gleichen Hoheitszeichen gekennzeichnet sind wie unsere Bundeswehr kapiert sogar eine Wickelmütze. Also denk ich mal wird das wohl eher der Grund für den nun erfolgten Anschlag sein.In den Augen der Taliban und geschädigten Familien wahrscheinlich ein Akt von Rache oder Notwehr.
2. Relativierung von Terrorakten heisst die Terroristen unterstützen
Seneca5 20.05.2007
Zuerst einmal ein großes Dankeschön an Claus Christian Malzahn für diesen Artikel! Er hat eine für die deutschen Pazifisten harte und unbequeme Wahrheit ausgesprochen. Man merkt in seinem Artikel förmlich, wie sich die Wut über die Naivität dieser ganzen Schlaumeier a la Beck aufgestaut hat. Geht mir genauso. Zu dem Statement von aki888: Auch ich bin skeptisch, ob die Taliban viel über die Stimmungslage in Deutschland wissen. Aber einen solchen Anschlag als "Notwehr" zu bezeichnen, ist ein Schlag ins Gesicht der Angehörigen der getöteten Soldaten, die mit sehr großer Wahrscheinlichkeit weder direkt noch indirekt an Gräueltaten beteiligt waren. Die Tatsache, dass die mit der besten verfügbaren Aufklärungstechnologie ausgerüsteten deutschen Tornados in Afghanistan Unterstützung leisten, sollte hinsichtlich der weitest möglichen Reduzierung ziviler Opfer eher hilfreich als hinderlich sein: je besser die Bundeswehrpiloten arbeiten, desto besser können Amerikaner und andere die wirklich bedrohlichen Ziele treffen und ziviles Leben verschonen.
3. Der Norden - eine stabile Gegend
Chrysop, 20.05.2007
Der Autor des Kommentars weiß nicht über was er schreibt, er sollte mal mit den im norden Afghanistans stationierten Soldaten reden, bevor er die Gegend als stabil bezeichnet. Jeden zweiten Tag findet man dort Sprengfallen und muß sie entschärfen, jede Woche werden unsere Soldaten dort beschossen und Granaten schlagen auch des öfteren ein. Das es bisher noch keine Toten gab grenzt an ein Wunder. Nord-Afghanistan war noch nie sicher oder gar stabil. Ohne konkreten Aufbauplan afghanischer Sicherheitskräfte, kann die Bundeswehr auch im Norden noch bis zum Sanktnimmerleinstag das Kindermädchen für die Afghanen spielen.
4. Wehred den Anfängen........ leider schon zu spät.
Rainer Helmbrecht 20.05.2007
Zitat von sysopDer Norden Afghanistans galt lange als relativ stabile Gegend – genau deshalb sind die deutschen Truppen vor allem dort stationiert. Doch das Prinzip der Bundeswehr, dem Krieg am Hindukusch auszuweichen, funktioniert nicht mehr: Die Taliban wissen genau, wie verwundbar die Isaf-Truppen sind. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,483689,00.html
Ich bin ein sogenanntes Kriegskind und habe nicht mehr sehr viele Erinnerungen an den Krieg. Aber ich weiss noch, als wir kurz vor Kriegsende aus dem Keller kamen, wurde unser Haus von einer Luftmine in 2 Seiten zerlegt. So wie unser Haus sah ganz Berlin aus, Alles vergessen. Diese Erlebnisse hatten sehr viele Deutsch und der Satz "Nie wieder" war allen sehr geläufig. Aber es ist den Menschen eigen, alles unangenehme schnell zu vergessen. So wurde eine BW gegründet, deren Auftrag eine Defensiv-Armee war, mit dem ausdrücklichen Wunsch der Deutschen, dass nie wieder ein deutscher Soldat in ein fremdes Land geht. Das führte dazu, dass es Soldaten gab, die von Anfang an dabei waren und keinen Schuss gehört haben, der sie bedrohte. Dann kam die SPD und die Grünen an die Regierung, beides Parteien, die den Pazifismus im Tornister hatten, denen und Herrn Struck blieb es vorbehalten, die deutschen Grenzen an den Hindukusch zu verlegen. Jeder normale Mensch, der die Geschichte der letzten 100-150 Jahre kennt weiss, dass es nur schmutzigen Krieg gibt. Aber diese Pazifisten wollten uns einreden, dass wenn sie es machen, dann gelten neue Regeln. Wenn das eintritt, was ich vermute, dann werden wir wohl nicht darum kommen, die Regeln des Partisanenkriegs anzuwenden. Diese Regeln werden einen schmutzigen Krieg noch schmutziger machen. Bombardierung der Zivilbevölkerung haben wir jetzt schon, dann folgen Geiselnahme und danach auch Geiselerschießungen, nächtliche Ausgangssperren und auch entsprechende Verhaftungen und auch Folterungen. Also, alles das, was wir aus der Geschichte der Völker lernen können. Alle diese Kriege liefen nach den selben Mustern ab. Aber jedes Mal mit nützlichen Idioten wie Struck und Konsorten, die uns die Mär von neuen modernen Krieg und der Befreiung der Zivilbevölkerung auftischten. Ändern würde sich das nur, wenn wir zu den Wurzeln germanischer Kultur zurück gingen, als die Kriegsherren sich auf den Feldern der Ehre selbst gegenseitig umbrachten. Heute sitzen die Führer im Bunker und schauen sich das Grauen auf dem Bildschirm an und treffen sich in der UNO um bei gepflegter Musik über die Abschaffung des Krieges und die Herstellung des Friedens zu palavern;o). Die Blödheit der Zivilisten ist so groß, dass sie es einfach nicht kapieren, dass nicht das Rauchen unsere Gesundheit bedroht, sondern Kriege. MfG, Rainer
5. zu H. Helmbrecht und seneca5
akki888 20.05.2007
Herr Helmbrecht kann ihnen nur zustimmen. seneca5: Bitte lesen sie meinen Kommentar richtig, ich habe nicht von mir gesprochen, sondern von möglichen Motiven der Taliban oder der durch Bombenangriffen geschädigten. Selbst einen Selbstmordattentäter oder gerade diesen sollte man ein Motiv für seine Tat unterstellen, alles andere führt zu keiner Lösung des Problems.
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