Kommentar Tötet Milosevic?

Von Dieter Degler


Wäre Adolf Hitler bei einem frühen Attentat ums Leben gekommen, hätte der Zweite Weltkrieg einen anderen Verlauf genommen? Wohl ja. Wären weniger Menschen vom Nazi-Regime zu Tode gebracht worden? Könnte sein. Hätte sich nach einem Anschlag auf den Diktator das Deutsche Volk erhoben? Kommt darauf an.

Geschichte läßt sich allenfalls interpretieren, nicht ändern; mal läßt sich etwas von ihr lernen, mal nicht. Geschichte ist immer live, so wie jetzt auf dem Balkan.

Deshalb ist der Diskurs, ob ein Despot getötet werden sollte, dort und jetzt, zwar interessanter als die Hitler-Frage. Aber sie ist ebenso schwer zu beantworten.

Denn Milosevic-Serbien 1999 ist nicht gleich Hitler-Deutschland. Deutschland wurde nicht angegriffen, es war der Aggressor. Der serbische Nationalismus ist anders zu beurteilen: Belgrad führt zwar einen innerstaatlichen ethnischen Vernichtungs- und Vertreibungskrieg, es wird aber von der Nato angegriffen, nicht umgekehrt.

Gewiß haben Militär- und Geheimdienststrategen schon darüber nachgedacht, ob das politische Attentat aus der Asservatenkammer der Kriegsinstrumente hervorgeholt werden sollte. Doch es kann keine Garantie dafür geben, daß der Tod Milosevics zu einer entscheidenden Änderung der Politik Belgrads führen würde.

Die Solidarität der Serben gegen die Angriffe könnte vorübergehend sogar noch wachsen, der Diktator könnte zum nationalen Märtyrer werden. Und auf Milosevic könnte jemand folgen, der kein Deut weniger schlimm ist als sein Vorgänger.

Deshalb bleibt der Nato derzeit nichts, als den militärischen Druck stetig zu steigern - wenn es nötig wird auch mit dem Einsatz von Bodentruppen und unter Inkaufnahme schwerer innerer Belastungen für das Bündnis.



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