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11. Juni 2007, 08:48 Uhr

Kommentar

Warum Afrika dank Entwicklungshilfe im Elend verharrt

Von Thilo Thielke, Nairobi

Der G-8-Gipfel bringt Afrika ein neues 60-Milliarden-Programm zur Krankheitsbekämpfung. Doch das Geld schadet mehr, als dass es hilft. Rocksänger und Politiker sollten sich lieber auf Musik und Ausschussarbeit konzentrieren, statt Afrika mit ihrer schrecklichen Philanthropie heimzusuchen.

Nairobi - Nach einem Gipfel wie diesem in Heiligendamm wird nachher viel darüber diskutiert, was er gebracht hat. Ob Afrika genug Geld versprochen worden ist, und ob die Zusagen vom letzten Treffen auch tatsächlich eingehalten wurden. Sind es 50 Milliarden oder 60? Wurde davon die Hälfte schon bezahlt oder ein Drittel. Ähnlich belangloses Zeug. Es trifft nicht den Kern, und darum wollen wir mit der Erbsenzählerei hier auch gar nicht erst beginnen.

Dürre in Simbabwe (Archivbild): Ginge es Afrika ohne Entwicklungshilfe besser?
AFP

Dürre in Simbabwe (Archivbild): Ginge es Afrika ohne Entwicklungshilfe besser?

Dass die Hilfe für Afrika erhöht, gerne auch verdoppelt werden müsse, um den Kontinent aus dem Schlamassel zu helfen, ist eine seit ungefähr 30 Jahren oft geäußerte These. Und tatsächlich stieg die Entwicklungshilfe ständig. Sagenhafte 2,3 Billionen Dollar, schätzt der Weltbankökonom William Easterly sind seit den sechziger Jahren geflossen, überwiegend nach Afrika. Gebracht hat das alles herzlich wenig. Sonst würden Jeffrey Sachs, Bono oder Heidemarie Wieczorek-Zeul nicht ständig noch mehr Geld verlangen.

Was eines der unzähligen Paradoxe darstellt: Obwohl die Hilfe ganz offensichtlich nicht viel eingebracht hat, soll sie permanent erhöht werden. Ob das Geld nun offiziell für Suppenküchen oder die Krankheitsbekämpfung gedacht ist, spielt keine Rolle. Der Hunger ist auf diese Art und Weise bisher so wenig beseitigt worden wie die Malaria, die man, nur so am Rande, andernorts sehr effektiv mit DDT bekämpft hat, was man bei den Afrikanern aber nicht so gerne sehen möchte.

Interessant ist die Frage, wie Afrika geholfen werden kann. Und da scheint es so zu sein, als habe niemand bisher einen passenden Weg gefunden. Botswana vielleicht, ein Land, das nur etwas mehr Einwohner zählt als die Hansestadt Hamburg. Oder Mauritius, eine Insel für Luxustourismus. Aber das zählt nicht. Wenn man beginnt, diese Ausnahmen zu lobenswerten und hoffnungsvollen Prototypen zu stilisieren, macht man sich selbst und die ja wirklich leidenden Afrikaner restlos lächerlich.

Denn der Rest des Kontinents verharrt. Und das auf erschreckendem Niveau.

Die meisten Kriege, die am schlimmsten wütenden Krankheiten, die wildwuchernde Korruption. Kaum eine Schreckenstabelle, in der es die Afrikaner nicht zu traurigen Rekorden bringen würden. Wo sagenhafte Bodenschatzreserven und günstiges Klima (Kongo, Nigeria, Sierra Leone) ein angenehmes Leben und Wohlstand für alle hätten bringen können, toben oder tobten verheerende Kriege und bereichern sich Kleptokraten auf geradezu unverschämte Weise. Ganz zu schweigen von Ländern wie Simbabwe, die einmal eine wahre Kornkammer gewesen sind, und wo jetzt starrsinnige Diktatoren alles in Grund und Boden wirtschaften.

Hilfe kann lethargisch machen

Dies alles, obwohl die Geldhähne des Westens stets weit geöffnet waren und manche Länder geradezu mit Entwicklungshilfe fluteten. Oder vielleicht gerade deswegen. Der Verdacht liegt nahe. Nahezu alle ehemaligen Drittweltländer, denen es heute besser geht, haben es ohne oder nur mit wenig fremder Hilfe geschafft (Singapur, China, Thailand). Die am meisten bekamen hingegen, denen geht es heute am schlechtesten.

Unlogisch ist das nicht. Hilfe kann lethargisch machen. Hilfe fließt in Systeme, die jetzt schon nicht funktionieren und dringend reformbedürftig sind. Von Hilfe profitieren hauptsächlich die Schurken, die jetzt schon für das größte Elend die Verantwortung tragen. Entwicklungshilfe sei die Umverteilung des Gelds der Armen aus den reichen Ländern an die Reichen aus dem armen Ländern, sagte der hungaro-britische Ökonom Lord Peter Bauer, und hatte recht.

Lang ist die Liste der Afrikaner, die deshalb fordern, den Unsinn zu beenden. Sie reicht vom nigerianischen Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, zum ugandischen Journalisten Andrew Mwenda oder dem kenianischen Wirtschaftsfachmann James Shikwati. Ihre These lautet im Kern: Ohne Hilfe müssten sich unsere Bonzen um andere Geldquellen bemühen. Sie müssten Handel betreiben und Steuern einnehmen. Sie müssten ihre Regimes reformieren, womöglich demokratisieren, weil Diktatur und Stamokap mit erfolgreicher Marktwirtschaft nicht vereinbar sind. Nirgendwo, nicht nur in Afrika.

Von vagen Schuldgefühlen und unangenhmen Wahrheiten -warum es Afrika wirklich schlecht geht.

Entwicklungshilfe, das ist die Erkenntnis, manifestiert nur die schlechten Zustände. Und diese Zustände wollen wir ja ändern, nicht wahr? Wir wollen den Menschen helfen. Und uns nicht in erster Linie produzieren. Das wäre schäbig. Also sollten sich die Schlagersänger und Politiker wieder auf ihr Kerngeschäft (Musik und Ausschüsse) konzentrieren und Afrika nicht länger mit ihrer schrecklichen Philanthropie heimsuchen. Sie bringt nicht nur nichts, sie ist sogar schädlich.

Aber wir dürfen Afrika doch nicht vergessen!, werden da all die Mitfühlenden klagen. Afrika vergessen? Haben wir das denn jemals getan? Der Mythos, Afrika sei ein vergessener Kontinent ist unausrottbar. Auch wenn die Phrase hohl ist, wie schon 1993 der Politikwissenschaftler Siegfried Kohlhammer ("Auf Kosten der Dritten Welt") eindrucksvoll belegt hat. Die Behauptung, schreibt Kohlhammer, "die Mehrzahl der Menschen in den Industrieländern verschlössen ihre Augen vor dem Elend der Dritten Welt, ist bestenfalls eine gedankenlose Floskel".

Wer erinnert sich nicht an die Bilder aus Biafra, Äthiopien oder Somalia? An Spendengalas, Live-Aid-Konzerte oder Bob Geldofs larmoyante Auftritte neben Polit- und Showgrößen? An die Lebensberichte von Kindersoldaten (Sierra Leone) und möglichen Kindersoldatinnen (Eritrea)? An das Elend der weißen Massai, die es nicht nur monate- oder jahrelang in die Bestsellerlisten geschafft hat, und deren Schicksal als Film mittlerweile auch die Kinocharts stürmte? Wer hat nicht alles Blood Diamonds gesehen oder unsägliche ZDF-Schnulzen mit Iris Berben? Tierdramen. Daktari. Madonna in Malawi und George Clooney in Darfur und Katja Riemann im Kongo. Und immer wieder Henning Mankell und immer wieder Karlheinz Böhm.

Nutzlose Schmierenkomödie

Die Liste ist nicht lang, sie ist endlos. Es existiert längst ein nur schwer zu ertragender Elendstourismus hinein ins Herz der Finsternis. Afrikaner halten die damit einhergehende Attitude für ziemlich kolonialistisch. Aber das ist ein ästhetisches Problem.

Das wahre Problem ist: Diese ganze Schmierenkomödie ist völlig nutzlos. Sie nährt sich aus einem vagen Schuldgefühl gegenüber der Dritten Welt. Die absurde Grundannahme dafür ist: Uns geht es gut, weil es euch schlecht geht. Dabei ist das der pure Nonsens. Der Ersten Welt geht es gut, weil sie eine freie Marktwirtschaft betreibt, deren politische Grundlage eine funktionierende Demokratie bildet. Ausnahmen bestätigen allenfalls die Regel, und auch China wird erst beweisen müssen, ob sein Sonderweg langfristig funktioniert.

Die afrikanischen Länder sind die korruptesten und undemokratischsten Länder der Erde. Einträgliche Geschäfte, wie Bergbau oder Telefongesellschaften, sind verstaatlicht, Grund und Boden nur selten privatisiert. Darum sind die Afrikaner arm. Und die Entwicklungshilfe hilft, dass das so bleibt. Sie ist im Kern eine Planwirtschaft, wenn auch eine chaotische. Das ist tragisch für Afrika, aber lohnenswert für die Entwicklungshilfe. Ihre Geschäftsgrundlage bleibt so nämlich erhalten: das Elend in Afrika.

Viele spannende Geschichten über Afrika finden Sie in dem SPIEGEL SPECIAL GESCHICHTE "Afrika - Das umkämpfte Paradies".

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