Kommentar Warum Afrika dank Entwicklungshilfe im Elend verharrt

Der G-8-Gipfel bringt Afrika ein neues 60-Milliarden-Programm zur Krankheitsbekämpfung. Doch das Geld schadet mehr, als dass es hilft. Rocksänger und Politiker sollten sich lieber auf Musik und Ausschussarbeit konzentrieren, statt Afrika mit ihrer schrecklichen Philanthropie heimzusuchen.

Von Thilo Thielke, Nairobi


Nairobi - Nach einem Gipfel wie diesem in Heiligendamm wird nachher viel darüber diskutiert, was er gebracht hat. Ob Afrika genug Geld versprochen worden ist, und ob die Zusagen vom letzten Treffen auch tatsächlich eingehalten wurden. Sind es 50 Milliarden oder 60? Wurde davon die Hälfte schon bezahlt oder ein Drittel. Ähnlich belangloses Zeug. Es trifft nicht den Kern, und darum wollen wir mit der Erbsenzählerei hier auch gar nicht erst beginnen.

Dürre in Simbabwe (Archivbild): Ginge es Afrika ohne Entwicklungshilfe besser?
AFP

Dürre in Simbabwe (Archivbild): Ginge es Afrika ohne Entwicklungshilfe besser?

Dass die Hilfe für Afrika erhöht, gerne auch verdoppelt werden müsse, um den Kontinent aus dem Schlamassel zu helfen, ist eine seit ungefähr 30 Jahren oft geäußerte These. Und tatsächlich stieg die Entwicklungshilfe ständig. Sagenhafte 2,3 Billionen Dollar, schätzt der Weltbankökonom William Easterly sind seit den sechziger Jahren geflossen, überwiegend nach Afrika. Gebracht hat das alles herzlich wenig. Sonst würden Jeffrey Sachs, Bono oder Heidemarie Wieczorek-Zeul nicht ständig noch mehr Geld verlangen.

Was eines der unzähligen Paradoxe darstellt: Obwohl die Hilfe ganz offensichtlich nicht viel eingebracht hat, soll sie permanent erhöht werden. Ob das Geld nun offiziell für Suppenküchen oder die Krankheitsbekämpfung gedacht ist, spielt keine Rolle. Der Hunger ist auf diese Art und Weise bisher so wenig beseitigt worden wie die Malaria, die man, nur so am Rande, andernorts sehr effektiv mit DDT bekämpft hat, was man bei den Afrikanern aber nicht so gerne sehen möchte.

Interessant ist die Frage, wie Afrika geholfen werden kann. Und da scheint es so zu sein, als habe niemand bisher einen passenden Weg gefunden. Botswana vielleicht, ein Land, das nur etwas mehr Einwohner zählt als die Hansestadt Hamburg. Oder Mauritius, eine Insel für Luxustourismus. Aber das zählt nicht. Wenn man beginnt, diese Ausnahmen zu lobenswerten und hoffnungsvollen Prototypen zu stilisieren, macht man sich selbst und die ja wirklich leidenden Afrikaner restlos lächerlich.

Denn der Rest des Kontinents verharrt. Und das auf erschreckendem Niveau.

Die meisten Kriege, die am schlimmsten wütenden Krankheiten, die wildwuchernde Korruption. Kaum eine Schreckenstabelle, in der es die Afrikaner nicht zu traurigen Rekorden bringen würden. Wo sagenhafte Bodenschatzreserven und günstiges Klima (Kongo, Nigeria, Sierra Leone) ein angenehmes Leben und Wohlstand für alle hätten bringen können, toben oder tobten verheerende Kriege und bereichern sich Kleptokraten auf geradezu unverschämte Weise. Ganz zu schweigen von Ländern wie Simbabwe, die einmal eine wahre Kornkammer gewesen sind, und wo jetzt starrsinnige Diktatoren alles in Grund und Boden wirtschaften.

Hilfe kann lethargisch machen

Dies alles, obwohl die Geldhähne des Westens stets weit geöffnet waren und manche Länder geradezu mit Entwicklungshilfe fluteten. Oder vielleicht gerade deswegen. Der Verdacht liegt nahe. Nahezu alle ehemaligen Drittweltländer, denen es heute besser geht, haben es ohne oder nur mit wenig fremder Hilfe geschafft (Singapur, China, Thailand). Die am meisten bekamen hingegen, denen geht es heute am schlechtesten.

Unlogisch ist das nicht. Hilfe kann lethargisch machen. Hilfe fließt in Systeme, die jetzt schon nicht funktionieren und dringend reformbedürftig sind. Von Hilfe profitieren hauptsächlich die Schurken, die jetzt schon für das größte Elend die Verantwortung tragen. Entwicklungshilfe sei die Umverteilung des Gelds der Armen aus den reichen Ländern an die Reichen aus dem armen Ländern, sagte der hungaro-britische Ökonom Lord Peter Bauer, und hatte recht.

Lang ist die Liste der Afrikaner, die deshalb fordern, den Unsinn zu beenden. Sie reicht vom nigerianischen Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, zum ugandischen Journalisten Andrew Mwenda oder dem kenianischen Wirtschaftsfachmann James Shikwati. Ihre These lautet im Kern: Ohne Hilfe müssten sich unsere Bonzen um andere Geldquellen bemühen. Sie müssten Handel betreiben und Steuern einnehmen. Sie müssten ihre Regimes reformieren, womöglich demokratisieren, weil Diktatur und Stamokap mit erfolgreicher Marktwirtschaft nicht vereinbar sind. Nirgendwo, nicht nur in Afrika.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 92 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
of-fn, 11.06.2007
1. Unfassbarer Unsinn
Unfassbarer Unsinn. Die Entwicklungshilfe dient dazu, die Läner über die Zinszhalungen abhängi zu machen. Es ist weitaus mehr an Zinsen wieder zurück- als durch Entwicklungshilfe hingeflossen! Wir beuten die Länder aus, durch "Entwicklungshilfe", durch die Regime die korrupt sind und die WIR dort installiert haben. Diese Ländern sind häufig extrem kapitalistisch, allein schon weil der Staat die Wirtschaft gar nicht kontrollieren kann. Da von einer Planwirtschaft zu phantasieren, die die Menschen dort arm macht dumm, menschenverachtend und ideologisch. China wächst mit 10% jährlich und seit mittlerweile 55 Jahren(!) mit im Schnitt 7-8%. Und da redet der über Beweise für den Sonderweg, Herrgott! Seit 1952 wurde das reale BIP dort verachtzigfacht. Allein seit 2003-2007 ein Wachstum von >60%. Und China hat im wesentlichen nur seine Märkte für Auslandsinvestitionen geöffnet, nachdem von 1952-1975 ohne solche Schritte ein Durchschnittswachstum von 6,7% jedes Jahr erreicht wurde. PS: Und es sind nat. keine Billiarden hingeflossen, sondern wohl angeblich 2,3 Billionen.
gered 11.06.2007
2. Alternative - an den Autor
So - schöner Artikel. Jetzt haben wir also gehört, warum es Afrika schlecht geht und warum Entwicklungshilfe nichts bringt. In weiten Zügen stimmen Ihnen viele Afrikakenner und andere intelligente Menschen wohl auch zu. Aber VIP- und Philantropenbashing ist mir aber ein bisschen zu wenig, ehrlichgesagt. Nun schlagen Sie doch bitte auch mal Alternativen vor. Weil, dass da unten hunderttausende krepieren und weiter krepieren kann ja wohl auch nicht die Antwort sein. G
chente 11.06.2007
3. Angel statt Fische
Es ist schön endlich eine Gegendarstellung zu den täglich auftauchenden, beinahe scheinheiligen Weltverbesserungsvorschlägen, die meist auf finanzielle Unterstützung bauen, zu lesen. Man sollte der Bevölkerung Afrikas nicht nur die Fische geben, die sie braucht um zu überleben, sondern auch die Angel, um die Fische in Zukunft selber zu angeln.
wolf_chinyere 11.06.2007
4. Sehr einfache Antwort auf ein komplexes Thema
Ein nicht transparantes Geldverteilungssystem und korrupte Regierungsapparate sind hauptverantwortlich für die Lage in Afrika. Soweit gebe ich dem Autor recht. Was meint er aber mit der Aussage dass Entwicklungshilfe lethargisch macht ? Ich selbst habe Familie in Nigeria. Ohne meine Hilfe wäre diese Familie nicht mehr am Leben. Das ist auch Entwicklungshilfe, wenn Migranten Geld nach Nigeria schicken. Uebrigens verdienen da westlich Konzerne wie "Western Money.." gutes Geld (bis zu 10%). Wenn der Autor meint auf Entwicklungshilfe zu verzichten, würde dem Kontinent helfen, gebe ich ihm teilweise sogar recht. Aber, wie lange dauert es bis Reformen in diesen Ländern greifen ? 50 Jahre oder doch kürzer ? Und, nicht alles ist so einfach und unkompliziert, als das Elend in Afrika auf das geben von Entwicklungshilfe zu reduzieren. Man denke nur an Niger: Wo soll Niger das Geld hernehmen um das Schulsystem zu reformieren wo Gesundheit und Wasserversorgung den Haushalt schon überlasten ? Und ohne Reform im Schulsystem, würde Niger nich wettbewerbsfähig sein im globalen Wettbewerb ! Also wie macht der Staat Niger das ?
medley63 11.06.2007
5. Eine kleine Mär.
Es war ein mal ein Gärtner auf der linken Seite einer Schrebergartenkolonie, der ließ seinen Boden verkommen und baute nichts an, während der Gärtner auf der rechten Seite brav dünkte, sähte und erntete. Da kam der Gärtner von der linken Seite, schaute sich beider Ergebnis an und sagte mit zorniger Stimme: "Da sieht man es wieder. So ist die Welt. Der eine hat garnichts und muss darben, während der andere im Überfluss lebt. Hier müsste mal dringend ein sozialer Gerchtigkeitsausgleich her." Sprachs und forderte von da an von seinem rechten Nachbarn Entwicklungshilfe. Weil der rechte Nachbar sich aber seines Fleißes schämte und nicht als Streber gelten wollte, gab er artig ein Teil seines Habes an seinen müßigen Nachbarn ab. Der knurrte zwar nur: "Das ist noch lange nicht genug, mir geht es nämlich noch immer soooooo schlecht und elend. Bei der nächsten Ernte will ich aber mehr", wart aber trotzdem des Ergebnisses zufrieden, denn er hatte ja was bekommen ohne etwas dafür zu tun. Und wenn sie nicht gestorben sind, so verteilen sie so lange um, bis der rechte Nachbar nicht mehr in den Händen und der linke Nachbar alles in Besitz genommen hat. ;o)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.