Obama im TV-Duell Präsident Lustlos

Sensation in Denver: Mitt Romney führt seinen Widersacher Obama im TV-Duell streckenweise vor. Er ist energisch, lächelt, während der Präsident mürrisch dreinblickt. Beim Wähler entfaltet die Körpersprache der Kandidaten große Wirkung.

AFP

Ein Kommentar von , Denver


Sie opfern zwei Jahre ihres Lebens, sie geben zweieinhalb Milliarden Dollar aus, sie absolvieren Tausende von Auftritten, sie sprechen Hunderttausende Sätze: Aber manchmal verdichtet sich das Schicksal von Bewerbern für das mächtigste Amt der Welt, die US-Präsidentschaft, in einem einzigen Augenblick.

So war es 1992, als George H. W. Bush im TV-Duell mit Bill Clinton diskutieren sollte, aber lieber auf seine Uhr schielte, als wolle er nach Hause. So war es, als im Jahr 2000 Demokrat Al Gore arrogant laut seufzte, jedes Mal, wenn Rivale George W. Bush vor den Kameras den Mund aufmachte. Und so könnte es gewesen sein, als Barack Obama am Mittwochabend vor ganz Amerika auf seine Schuhe blickte.

Genauer: Obamas Blick wanderte regelmäßig gen Boden, wenn Herausforderer Mitt Romney zu einer Antwort ansetzte. Der mächtigste Kommunikator der Welt schien seltsam sprachlos auf der größten Bühne, die ein Wahlkampf zu bieten hat, vor fünfzig Millionen TV-Zuschauern in Amerika, rund 200 Millionen weltweit - wie jemand, der viel lieber im Weißen Haus Basketball schauen oder ein paar Drohnen losfeuern würde. "Hat Obama ein Double geschickt?", wunderte sich das Magazin "Time".

Obama war in Denver Präsident Lustlos. Und damit könnte er Präsident Wackelkandidat werden.

Dieser Wahlkampf hat urplötzlich eine neue Dynamik erhalten, weil kleine Gesten große Wirkung haben, wenn sie beim Wähler einen bestehenden Eindruck bestätigen.

Den Präsidenten beschreiben selbst Vertraute nämlich als professoral und abgehoben, als einen Menschen, der Widerspruch nur ungern erträgt. Schon gar nicht nach vier Jahren, in dem ihm Widerspruch sehr selten begegnete - was einen selbstbewussten Geist leicht dazu verleitet, sich für auserwählt zu halten.

Obama kämpfte nicht

Dieses Bild bestätigte Obama in Denver, als er wenig Lust zeigte, seine Agenda zu verteidigen - oder kämpferisch seinen Rivalen anzugehen. Romneys Vergangenheit als Finanzheuschrecke, als Steuerdrückeberger, als Kandidat, der hinter verschlossenen Türen 47 Prozent der US-Wähler als Almosenempfänger abstempelte: Obama sprach kein Thema davon an. Der Präsident sei eben ein Gentleman, versuchte einer seiner Berater nach dem Duell wenig überzeugend zu erklären.

Den TV-Zuschauern drängte sich eine andere Erklärung auf. Obama schien zu kommunizieren: Ihr müsst Barack Obama wählen, weil er Barack Obama ist und schlicht mehr Zeit braucht.

So könnte ein Präsident auftreten, der eine erstklassige Bilanz aufzuweisen hat. Diesen Luxus genießt Obama aber nicht. Die US-Arbeitslosenrate liegt noch immer über acht Prozent, unerhört für amerikanische Verhältnisse. Amerikas Schulden sind weiter rasant gestiegen statt wie versprochen zu sinken. Ein Drittel der Bürger lebt in Häusern, die weniger wert sind als die Hypotheken, die auf ihnen lasten.

All das kann man Obama nicht allein vorwerfen, diese Daten sind vor allem ein Erbe der düsteren Bilanz seines Vorgängers George W. Bush. Aber das ist Wählern in der Regel egal.

Allein Obamas Beliebtheit überdeckt diese Zahlen. Doch nun diese mürrischen Blicke auf der Bühne in Denver. Schlimmer noch, seine Lustlosigkeit erinnerte Amerikaner an Obamas bescheidene Ergebnisse als Versöhner in Washington. Gewiss, die Republikaner dort waren zur Blockade entschlossen. Doch Starjournalist Bob Woodward hat gerade in seinem neuen Buch eindringlich dargelegt, wie Obama sich auch als schlechter Verhandler erwies, arrogant, passiv und eigenbrötlerisch.

Romney wirkte erstmals menschlich

Romney hingegen hatte bislang stets die Wirtschaftszahlen auf seiner Seite, aber nie die Beliebtheitswerte. Er drohte sich in den vorigen Wochen in eine wandelnde Karikatur zu verwandeln, einen Kandidaten für die ein Prozent. Der Republikaner war einer der raren Wahlkämpfer, dessen Umfragewerten sich in Staaten verschlechterten, nachdem er dort aufgetreten war.

Doch bei seinem starken Auftritt vor TV-Massenpublikum wirkte Romney erstmals wie ein menschliches Wesen, wie einer, der weiß, warum er ins Weiße Haus will. Das klingt nach wenig, aber für den Republikaner ist es viel wert.

Eine satte Mehrheit der Amerikaner schätzte ihn in Blitzumfragen nach der Debatte als "stärkere Führungspersönlichkeit" ein. Selbst zu Obamas Urversprechen, in Washington Parteigrenzen zu überwinden, wirkte Romney überzeugender, weil er erwähnen konnte, was er sonst oft verschweigt: Als Gouverneur von Massachusetts verbündete er sich mit seinem einstigen Erzfeind, der Demokraten-Ikone Ted Kennedy, um eine wegweisende Gesundheitsreform auf den Weg zu bringen.

Sicher, man darf Debatten nicht überbewerten, wie es die politische Elite gerne tut: Ronald Reagan verlor die erste Debatte gegen Herausforderer Walter Mondale krachend, der alte Mann wirkte gar desorientiert. George W. Bush musste sich seinem Rivalen John Kerry im Auftaktduell klar beugen. Dan Quayle, Vize von George H.W. Bush, wurde von seinem demokratischen Gegner abgekanzelt, als er sich mit John F. Kennedy zu vergleichen suchte. Die Zuschauer grölten begeistert.

Alle diese Debattenverlierer siegten trotzdem an der Urne. Obama wird zudem beim nächsten TV-Duell gewiss nicht mehr auf seine Schuhe gucken.

Doch fest steht nun: Für den Weg zurück ins Weiße Haus braucht der US-Präsident keine Schlappen, sondern Laufschuhe.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
family1 04.10.2012
1. Er ist ein feiner Mann mit Klasse.
Obama hat sich so verhalten wie ich es von ihm erwartet habe. Sachlich, objektiv und fair. Er ist ein feiner Mann. Hoffentlich bleibt er im Amt um weiterhin die mittel- bis untere Mittelschicht zu stuetzen und foerdern.
MeckiP 04.10.2012
2. Körpersprache
Obama sollte sich vor allen Dingen dieses kompulsive Mitschreiben abgewöhnen. Er wirkte dadurch wie ein übereifriger Schüler, der anschliessend Romneys Einkaufsliste abarbeiten muss. Schade.
smartie2004 04.10.2012
3. Feiner Mann?
Ein Mann, der von sich in Anspruch nimmt das Recht zu haben jeden vermeintlichen Feind Amerikas überall auf der Welt per Drohne oder Taskforce exekutieren zu lassen, Kollateralschäden inklusive, der immer mehr Länder mit Drohnenkrieg überzieht, der mag vieles sein. Fein nicht.
prontissimo 04.10.2012
4. Könnte es nicht sein,
Zitat von sysopAFPSensation in Denver: Mitt Romney führt seinen Widersacher Obama im TV-Duell streckenweise vor. Er ist energisch, lächelt, während der Präsident mürrisch drein blickt. Beim Wähler entfaltet die Körpersprache der Kandidaten große Wirkung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/kommentar-zu-obamas-lustlosem-auftritt-bei-tv-duell-a-859381.html
dass Obama den Kopf voll hat mit anderen Gedanken ? Entscheidend vor der Wahl ist nur das letzte TV-Duell. Vorher sein Pulver verschießen ist bei MR kein Wunder. Die Türken flippen aus und machen aus einem offensichtlichen Fehler ( wessen eigentlich ) einen Elefanten und sind nur schwer ob ihrers Großmachtwahns zu bremsen. Der Iran ist nicht klein zu kriegen und kuscht wider alle Erwartungen nicht. Da bahnen sich Entwicklungen an, die auch eine US-Präsidenten nicht unberührt lassen.
minari 04.10.2012
5.
Der Spiegel schreibt: "Schon gar nicht nach vier Jahren, in dem ihm Widerspruch sehr selten begegnete" Meint der Spiegel das Ernst? Obama wurde im Kongress angebrüllt "you lie!" Eine weibliche Gouveaneurin hat ihm drohend den Finger ins gesicht geahlten, und in einem Interview mit Bill O'Reilly würde er 48 mal unterbrochen. Das ist alles äußerst respektlos und das sind nur die offentlichsichsten Fälle. Über Bush mag auch viel unfeines gesagt worden sein aber nie zu ihm persönlich und direkt ins Gesicht. Die Amerikaner nennen das "respect for the office" Obama bekommt teilweise nicht einmal das.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.