Romney-Vize Paul Ryan: Gefährlicher als Sarah Palin

Ein Kommentar von Gregor Peter Schmitz, Tampa, Florida

Paul Ryan wirkt wie der Gegenentwurf zu Sarah Palin: seriös, kontrolliert, immer höflich. Doch die politischen Pläne des republikanischen Vize-Kandidaten sind radikaler als vor vier Jahren die Absichten der Reizfigur Palin - weil Ryan weiß, wie er sie umsetzen kann.

Foto: DPA

Sarah Palin war nicht anwesend, als ihr Nachfolger Paul Ryan am Mittwochabend in Tampa auf die Bühne trat. Aber es gab gewiss wenige Momente seiner 40-Minuten-Rede, in denen Ryan nicht an sie denken musste.

Heutzutage, da Palin zur Witzfigur geworden ist, scheint kaum noch vorstellbar, wie sie vor vier Jahren bei ihrer Auftaktrede als John McCains Vizepräsidentschaftskandidatin den Globus in ihren Bann zog - gipfelnd im Satz, eine "Hockey Mom" wie sie unterscheide von einem Pitbull nur eins: Lippenstift.

Die Welt lauschte fasziniert, weil sie hinter dem Lippenstiftlächeln den Kampfgeist einer Frau witterte, deren Spitzname auf dem Basketballfeld einst "Barracuda" lautete. Sie lauschte auch erschrocken. Für viele Europäer löste Palin binnen einer halben Stunde George W. Bush ab - als Symbol eines harten, bisweilen rücksichtslosen Amerikas.


Paul Ryans Spitzname lautet nicht Barracuda, er wird eher mit Jimmy Stewart verglichen. Der Schauspieler verkörperte im Filmklassiker "Mr. Smith Goes to Washington" einen aufrechten Bürger, der in die US-Hauptstadt marschiert und dort Politiker an ihre Pflichten erinnert. Wie einst Publikumsliebling Stewart wirkt Ryan wie ein netter Nachbar - der lächelnd, aber bestimmt seine Mitbürger daran erinnert, endlich die Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen.

So klang er auch in Tampa. Wo Palin wie ein Pitbull Demokraten angriff, gab Ryan den "Pitbull with a smile", wie die "New York Times" kommentierte. Man war stellenweise versucht, sogar an einen harmlosen Welpen zu denken. Immerhin zählt Ryan erst 42 Jahre, so viele wie Mitt Romneys ältester Sohn. Der Kandidat sieht eher nach einem Konfirmanden aus als einem Extremisten.

Doch hinter Ryans Welpengesicht verbarg sich auch beim Parteitagsauftritt die Entschlossenheit eines Kreuzritters, seine weich vorgetragenen Worte enthielten harte Thesen.

Kriegserklärung an Amerikas Solidargemeinschaft

Anders als Palin, die unvorbereitet ins Kandidatinnenamt gespült wurde, bereitet sich Ryan seit seinem Einzug in den US-Kongress vor 14 Jahren auf die ganz große politische Bühne vor. Romneys Vize hat einen Kampfplan parat, der mehr Sprengstoff für Amerikas Demokratie bietet als Palins gesammelte Gemeinheiten - nicht weniger als eine Kriegserklärung an Amerikas Solidargemeinschaft.

Ryans politische Philosophie speist sich aus den Schriften des österreichischen Ökonomen Friedrich von Hayek, der den modernen Wohlfahrtsstaat als "Weg in die Knechtschaft" verdammte. Der Republikaner verschlang als junger Mann auch die Kapitalistenbibel "Atlas Shrugged" der US-Denkerin Ayn Rand, die Egoismus zur edlen Tugend verklärt. Rands Welt ist eine Art Dschungel, in der die Starken immer recht haben und die Schwachen für ihre Schwäche selber Schuld tragen.

Nun will auch Ryan bei den Schwachen kürzen, etwa bei Rentnern, die künftig mit Gutscheinen für ihre Gesundheitsversorgung auskommen sollen - oder bei jenen 30 Millionen Amerikanern, die unter Obamas Gesundheitsreform Versicherungsschutz erhalten sollen. Ryan möchte diese Reform nämlich umgehend rückgängig machen. Abstriche müssten wohl auch US-Bürger machen, die auf staatlichen Seuchenschutz oder hauptamtliche Feuerwehrleute vertrauen. Denn in Ryans Skelett-Staat wäre für derlei vermeintlichen Luxus kaum noch Geld vorgesehen.

Ministeuersatz für die Superreichen

Ob so ein Budgetkahlschlag Amerikas Schulden wirklich senken würde? Sehr unwahrscheinlich, glauben Experten. Schließlich will Ryan gleichzeitig den Reichen noch mehr geben - und ihre Steuern senken, bis etwa der 250 Millionen Dollar schwere Kandidat Mitt Romney nur noch einen Steuersatz von 0,82 Prozent schulden würde.

Nutzen würde dies vor allem milliardenschweren Republikaner-Spendern. Ryan sieht sich dennoch als Volkstribun: Er zitiert gerne Ronald Reagan, wenn die Reichen mehr hätten, werde ihr Reichtum schon "nach unten sickern", zu allen Bürgern.

Wie dieses Experiment ausging, ist bekannt: Reagan musste 1982 Steuern massiv erhören, weil das US-Haushaltsdefizit riesig geworden war.

Gelernt hat Überzeugungstäter Ryan daraus nicht. Auch in Sachen Doppelzüngigkeit erweist er sich als würdiger Erbe jener Republikaner, die den Staat verdammen, aber nach ihm rufen, wenn sie verbieten wollen, was nicht in ihr Weltbild passt. Staatsskeptiker Ryan hat mehr Abtreibungsbeschränkungen unterstützt als sein Parteifreund Todd Akin, der gerade mit Bemerkungen über "rechtmäßige Vergewaltigungen" einen Skandal auslöste.

Ryan hat viel Zeit - und eine große Zukunft vor sich

Sogar außenpolitisch ist von Romneys Vize jede Menge Staat zu erwarten, im Zweifel Missionarisches im Stil der US-Neokonservativen. Zur Kandidatur schrieben ihn Experten der rechten Intellektuellenfibel "Weekly Standard", die George W. Bush zum Einmarsch in Bagdad trieben - und auch Palin vor vier Jahren "entdeckten".

Sie konnte sich als Führungsfigur der zornigen Konservativen nicht behaupten, mangels Kompetenz und Ideen. Ryan hingegen weiß genau, was er im Weißen Haus will, besser gar als sein Chef Romney. "Es ist seltsam, dass die Nummer zwei einen fertigen Plan hat, die Nummer eins hingegen nicht", schreibt der "Economist".

Mitt Romney, 65, wird unter Republikanern schnell vergessen sein, sollte er die Wahl verlieren. Paul Ryan, 42, hingegen dürfte selbst gewinnen, wenn er nun an Romneys Seite unterliegt - ihm bleiben viele Jahre, um Amerikas Rechte zu prägen.

Das lässt frösteln, auch wenn der Mann so warm lächelt.

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insgesamt 164 Beiträge
tsuggitschuggi 30.08.2012
Ach ganz ehrlich. Wenn deutsche Medien, insbesondere SpiegelOnline, über Republikaner berichten, wirkt es meist als lese man einen Wahlkampfbericht der Demokraten. Egal ob als 'Kommentar' gekennzeichnet oder nicht. Das wird [...]
Zitat von sysopPaul Ryan wirkt wie der Gegenentwurf zu Sarah Palin: seriös, kontrolliert, immer höflich. Doch die politischen Pläne des republikanischen Vize-Kandidaten sind gefährlicher als vor vier Jahren die Absichten der Reizfigur Palin - weil Ryan weiss, wie er sie umsetzen kann. Kommentar zu Paul Ryan: Romneys Vize gibt den netten Hardliner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852880,00.html)
Ach ganz ehrlich. Wenn deutsche Medien, insbesondere SpiegelOnline, über Republikaner berichten, wirkt es meist als lese man einen Wahlkampfbericht der Demokraten. Egal ob als 'Kommentar' gekennzeichnet oder nicht. Das wird langweilig...
kaminister 30.08.2012
Also gut, ein weiterer überlesbarer Artikel welcher nur vorhat die Republikaner zu bashen. Vorbei die Zeiten, als die großen deutschen Blätter noch Qualität wahrten; als Journalisten noch den Anstand besaßen ihre Vorurteile [...]
Also gut, ein weiterer überlesbarer Artikel welcher nur vorhat die Republikaner zu bashen. Vorbei die Zeiten, als die großen deutschen Blätter noch Qualität wahrten; als Journalisten noch den Anstand besaßen ihre Vorurteile durch eine neutrale Sprache zu bändigen. Jetzt heißt es einfach nur "gefährlich" von dem, was wahrscheinlich die hälfte des US-Wahlvolks wählen wird.
irgendwer_bln 30.08.2012
Auch wenn die geschätzten Kollegen hier lediglich den Boden unter ihren Füßen anmaulen (warum seit ihr überhaupt hier???), bin ich ebenfalls der Meinung, dass Mr. Ryan gefährliches Potential in sich birgt. Reagon konnte in [...]
Zitat von sysopPaul Ryan wirkt wie der Gegenentwurf zu Sarah Palin: seriös, kontrolliert, immer höflich. Doch die politischen Pläne des republikanischen Vize-Kandidaten sind gefährlicher als vor vier Jahren die Absichten der Reizfigur Palin - weil Ryan weiss, wie er sie umsetzen kann. Kommentar zu Paul Ryan: Romneys Vize gibt den netten Hardliner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852880,00.html)
Auch wenn die geschätzten Kollegen hier lediglich den Boden unter ihren Füßen anmaulen (warum seit ihr überhaupt hier???), bin ich ebenfalls der Meinung, dass Mr. Ryan gefährliches Potential in sich birgt. Reagon konnte in den 80ern die Staatsverschuldung nur mit Methoden bekämpfen, welche heute nicht mehr funktionieren. Eine massive Steuererhöhung (natürlich nur für die unteren Bevölkerungsschichten!) würde die schwache amer. Wirtschaft ganz abwürgen (siehe GR). Die Ideologie, welcher die Republikaner allgemein folgen, ist unsozial, menschenverachtend und heuchlerisch. Abgesehen davon, dass es wohl kaum eine Partei mit mehr geballter Dummheit gibt. Beweise gibts jede Woche in fast allen Zeitungen.
greentiger 30.08.2012
..., wenn sich die USA selber in Schwierigkeiten bringen. Vielleicht können wir davon im Rahmen des Welthandels profitieren. Ich selber und diverse Freunde von mir haben erlebt, mit welchen Methoden US-Firmen versuchen an [...]
..., wenn sich die USA selber in Schwierigkeiten bringen. Vielleicht können wir davon im Rahmen des Welthandels profitieren. Ich selber und diverse Freunde von mir haben erlebt, mit welchen Methoden US-Firmen versuchen an Deutsche Patente, speziell aus dem Verteidigungsbereich, zu kommen, und wie schwierig es ist, dagegen etwas zu unternehmen. Wir hier können langfristig eigentlich nur von einer Schwäche der USA profitieren. Ansonsen ist mir deren innenpolitischer Kram völlig egal.
Thrillhouse0580 30.08.2012
macht das schon ganz richtig und ich hoffe auf die Amerikaner, das die nicht solche Globalfaschisten ins Weiße Haus wählen. Dann gute Nacht Welt. Das wäre ein gewaltiger Rückschritt für den Westen an sich, wobei diese [...]
Zitat von sysopPaul Ryan wirkt wie der Gegenentwurf zu Sarah Palin: seriös, kontrolliert, immer höflich. Doch die politischen Pläne des republikanischen Vize-Kandidaten sind gefährlicher als vor vier Jahren die Absichten der Reizfigur Palin - weil Ryan weiss, wie er sie umsetzen kann. Kommentar zu Paul Ryan: Romneys Vize gibt den netten Hardliner - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852880,00.html)
macht das schon ganz richtig und ich hoffe auf die Amerikaner, das die nicht solche Globalfaschisten ins Weiße Haus wählen. Dann gute Nacht Welt. Das wäre ein gewaltiger Rückschritt für den Westen an sich, wobei diese Hemisphäre schon mehr als ihren Glanz und "Vorbildfunktion" seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verloren hat. Falls es doch zu Romney als Präsi. kommen sollte wären die Europäer ganz gut beraten die uneingeschränkte Solidarität zu Amerika fallen zu lassen und sofort aus der Nato auszutreten. Denn diese Spinner haben nicht das geringste Fingerspitzengefühl was andere Kulturen und Nationen angeht und dann heißt es wieder: Sind die Menschen platt wie Teller, waren die Amis wieder schneller. Also, das Beste hoffen, das Schlimmste erwarten!
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  • Donnerstag, 30.08.2012 – 12:11 Uhr
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Zum Autor
  • Gregor Peter Schmitz, Jahrgang 1975, ist SPIEGEL-Korrespondent in Washington.


Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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US-Wahl
In den USA liegt die exekutive Gewalt grundsätzlich beim Präsidenten, der Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte in einer Person ist. Der Präsident wird alle vier Jahre neu gewählt, eine einmalige Wiederwahl ist möglich.
Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten ist eine indirekte Wahl: Am Wahltag, der immer am Dienstag nach dem ersten Montag im November stattfindet, wählt die US-Bevölkerung in jedem Bundesstaat Wahlmänner. Diese bilden das Wahlmännergremium, das offiziell erst im Dezember den Präsidenten und seinen Vize wählt. Dabei gilt in den allermeisten Bundesstaaten das Mehrheitswahlrecht: Die Wahlmänner eines Bundesstaates stimmen alle für den Präsidentschaftskandidaten, der in ihrem Staat die meisten Stimmen bekommen hat. Für den Gegner sind alle Wahlmänner verloren - egal wie knapp das Ergebnis ist ("Winner takes all"-Prinzip).


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