Ein Kommentar von Gregor Peter Schmitz, Tampa, Florida
Sarah Palin war nicht anwesend, als ihr Nachfolger Paul Ryan am Mittwochabend in Tampa auf die Bühne trat. Aber es gab gewiss wenige Momente seiner 40-Minuten-Rede, in denen Ryan nicht an sie denken musste.
Heutzutage, da Palin zur Witzfigur geworden ist, scheint kaum noch vorstellbar, wie sie vor vier Jahren bei ihrer Auftaktrede als John McCains Vizepräsidentschaftskandidatin den Globus in ihren Bann zog - gipfelnd im Satz, eine "Hockey Mom" wie sie unterscheide von einem Pitbull nur eins: Lippenstift.
Die Welt lauschte fasziniert, weil sie hinter dem Lippenstiftlächeln den Kampfgeist einer Frau witterte, deren Spitzname auf dem Basketballfeld einst "Barracuda" lautete. Sie lauschte auch erschrocken. Für viele Europäer löste Palin binnen einer halben Stunde George W. Bush ab - als Symbol eines harten, bisweilen rücksichtslosen Amerikas.
So klang er auch in Tampa. Wo Palin wie ein Pitbull Demokraten angriff, gab Ryan den "Pitbull with a smile", wie die "New York Times" kommentierte. Man war stellenweise versucht, sogar an einen harmlosen Welpen zu denken. Immerhin zählt Ryan erst 42 Jahre, so viele wie Mitt Romneys ältester Sohn. Der Kandidat sieht eher nach einem Konfirmanden aus als einem Extremisten.
Doch hinter Ryans Welpengesicht verbarg sich auch beim Parteitagsauftritt die Entschlossenheit eines Kreuzritters, seine weich vorgetragenen Worte enthielten harte Thesen.
Kriegserklärung an Amerikas Solidargemeinschaft
Anders als Palin, die unvorbereitet ins Kandidatinnenamt gespült wurde, bereitet sich Ryan seit seinem Einzug in den US-Kongress vor 14 Jahren auf die ganz große politische Bühne vor. Romneys Vize hat einen Kampfplan parat, der mehr Sprengstoff für Amerikas Demokratie bietet als Palins gesammelte Gemeinheiten - nicht weniger als eine Kriegserklärung an Amerikas Solidargemeinschaft.
Ryans politische Philosophie speist sich aus den Schriften des österreichischen Ökonomen Friedrich von Hayek, der den modernen Wohlfahrtsstaat als "Weg in die Knechtschaft" verdammte. Der Republikaner verschlang als junger Mann auch die Kapitalistenbibel "Atlas Shrugged" der US-Denkerin Ayn Rand, die Egoismus zur edlen Tugend verklärt. Rands Welt ist eine Art Dschungel, in der die Starken immer recht haben und die Schwachen für ihre Schwäche selber Schuld tragen.
Nun will auch Ryan bei den Schwachen kürzen, etwa bei Rentnern, die künftig mit Gutscheinen für ihre Gesundheitsversorgung auskommen sollen - oder bei jenen 30 Millionen Amerikanern, die unter Obamas Gesundheitsreform Versicherungsschutz erhalten sollen. Ryan möchte diese Reform nämlich umgehend rückgängig machen. Abstriche müssten wohl auch US-Bürger machen, die auf staatlichen Seuchenschutz oder hauptamtliche Feuerwehrleute vertrauen. Denn in Ryans Skelett-Staat wäre für derlei vermeintlichen Luxus kaum noch Geld vorgesehen.
Ministeuersatz für die Superreichen
Ob so ein Budgetkahlschlag Amerikas Schulden wirklich senken würde? Sehr unwahrscheinlich, glauben Experten. Schließlich will Ryan gleichzeitig den Reichen noch mehr geben - und ihre Steuern senken, bis etwa der 250 Millionen Dollar schwere Kandidat Mitt Romney nur noch einen Steuersatz von 0,82 Prozent schulden würde.
Nutzen würde dies vor allem milliardenschweren Republikaner-Spendern. Ryan sieht sich dennoch als Volkstribun: Er zitiert gerne Ronald Reagan, wenn die Reichen mehr hätten, werde ihr Reichtum schon "nach unten sickern", zu allen Bürgern.
Wie dieses Experiment ausging, ist bekannt: Reagan musste 1982 Steuern massiv erhören, weil das US-Haushaltsdefizit riesig geworden war.
Gelernt hat Überzeugungstäter Ryan daraus nicht. Auch in Sachen Doppelzüngigkeit erweist er sich als würdiger Erbe jener Republikaner, die den Staat verdammen, aber nach ihm rufen, wenn sie verbieten wollen, was nicht in ihr Weltbild passt. Staatsskeptiker Ryan hat mehr Abtreibungsbeschränkungen unterstützt als sein Parteifreund Todd Akin, der gerade mit Bemerkungen über "rechtmäßige Vergewaltigungen" einen Skandal auslöste.
Ryan hat viel Zeit - und eine große Zukunft vor sich
Sogar außenpolitisch ist von Romneys Vize jede Menge Staat zu erwarten, im Zweifel Missionarisches im Stil der US-Neokonservativen. Zur Kandidatur schrieben ihn Experten der rechten Intellektuellenfibel "Weekly Standard", die George W. Bush zum Einmarsch in Bagdad trieben - und auch Palin vor vier Jahren "entdeckten".
Sie konnte sich als Führungsfigur der zornigen Konservativen nicht behaupten, mangels Kompetenz und Ideen. Ryan hingegen weiß genau, was er im Weißen Haus will, besser gar als sein Chef Romney. "Es ist seltsam, dass die Nummer zwei einen fertigen Plan hat, die Nummer eins hingegen nicht", schreibt der "Economist".
Mitt Romney, 65, wird unter Republikanern schnell vergessen sein, sollte er die Wahl verlieren. Paul Ryan, 42, hingegen dürfte selbst gewinnen, wenn er nun an Romneys Seite unterliegt - ihm bleiben viele Jahre, um Amerikas Rechte zu prägen.
Das lässt frösteln, auch wenn der Mann so warm lächelt.
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