Kommentar zum Gaza-Krieg Hurra, wir haben verloren!

Israel will mit Dossiers beweisen, dass die in der Gaza-Offensive angegriffenen Objekte legitime Kriegsziele waren. Der Schritt macht deutlich: Ein militärischer Sieg kann schnell in eine moralische Niederlage umschlagen. Hamas-Anführer Hanija musste sich nur verstecken, um als Gewinner dazustehen.

Von Henryk M. Broder


Johan Cruyff, 1947 in Amsterdam geboren, gilt als das größte Fußballtalent, das Holland je hervorgebracht hat. Sein Name wird in einem Atemzug mit Beckenbauer, Pelé und Maradona genannt. Die Niederländer verehren ihn bis heute, nicht nur wegen seiner schnellen Beine, sondern auch wegen seiner originellen Sprüche. Als Trainer von Ajax Amsterdam soll er vor einer Partie mit einer als schwächer geltenden Mannschaft seine Kicker gewarnt haben. "Die können gegen uns nicht gewinnen, aber wir können gegen sie verlieren."

Das ist genau die Situation, in der sich Israel gegenüber der Hamas befindet. Dass die Hamas-Kämpfer die israelische Armee jemals besiegen könnten, ist so wahrscheinlich wie die Ankunft des Messias bei "Wetten, dass ...?". Dass Israel dennoch gegen die Hamas verlieren kann, steht seit dem Ende der Operation "Gegossenes Blei" fest: Bei 1300 palästinensischen Toten und einigen tausend Verletzten hat Israel nicht nur die Weltmeinung gegen sich, es stellt sich auch auf Sanktionen ein, die schwerer wiegen als ein paar negative Leitartikel in der "New York Times" oder der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Deswegen bereitet die Armee für jedes Objekt, das im Krieg zerstört wurde, eine Dokumentation vor, mit der bewiesen werden soll, dass es sich um ein legitimes Ziel gehandelt hat. Dazu zählen nicht nur die Kommandostellen und Waffenlager der Hamas, sondern auch Wohnhäuser, aus denen Raketen auf Israel abgefeuert wurden.

Darüber, ob die Beweise, die Israel entlasten sollen, jemals gebraucht werden, kann erstmal nur spekuliert werden. Allein, dass Israel mit einer solchen Möglichkeit rechnet, zeigt, wie schnell ein militärischer Sieg in eine moralische Niederlage umschlagen kann. Dass es auch bei einer berechtigten Selbstverteidigung nicht nur auf die Qualität der Motive, sondern auch auf die Quantität der Ergebnisse ankommt.

Vergessen wir für einen Moment die antisemitischen Kundgebungen, die sich als antizionistischer Protest maskieren, die "Tod, Tod Israel!"-Rufe und die absurden Vergleiche zwischen der Lage der Juden im Warschauer Ghetto gestern und der Situation der Palästinenser in Gaza heute.

Rund 1300 Tote sind keine Bagatelle, kein Kollateralschaden des Kriegsgeschehens, auch wenn viele der Toten Kämpfer waren, die nur vergessen hatten, eine Uniform anzuziehen und sich hinter Zivilisten versteckten. Rund 1300 Tote, das ist ein Promille der Bevölkerung von Gaza, auf die Bevölkerung von Deutschland übertragen, wären das 80.000 Menschen.

1300 Tote - ein Alptraum, eine Katastrophe

Vergessen wir die Charta der Hamas, die nicht nur die seit 1967 besetzten Gebiete, sondern ganz Palästina von der zionistischen Besatzung befreien möchte, vergessen wir das dumme Gerede von Experten wie Michael Lüders und Peter Scholl-Latour, die Israel auffordern, sich mit der Hamas an den Verhandlungstisch zu setzen.

1300 Tote, das schreit zum Himmel. Das ist keine Frage der "Proportionalität", die es in einem asymmetrischen Krieg gar nicht geben kann, ein solcher Leichenberg ist ein Alptraum, eine Katastrophe.

Und vergessen wir für einen Moment die heroische Propaganda der Hamas, mit der auch Kinder angeworben wurden, die sich nichts sehnlicher wünschten, als den Märtyrertod zu sterben. 1300 Tote in drei Wochen, das ist eine Anzahlung auf die Apokalypse, völlig unabhängig davon, wer angefangen hat, wer die Verantwortung trägt und wer am Ende die Rechnung begleichen wird.

Dabei hat Israel im Laufe der letzten 60 Jahre genug Gelegenheit gehabt, den Realitätssinn seiner Feinde zu erleben. Es war, als hätten sie sich den "Schwarzen Ritter" aus Monty Pythons "Heiligen Gral" zum Vorbild genommen, der nach dem Verlust beider Arme und Beine zu König Artus sagt: "Okay, nennen wir es unentschieden!" Oder den ehemaligen irakischen Informationsminister Saïd al-Sahhaf, der den Amerikanern mit Vernichtung drohte, während hinter ihm bereits amerikanische Panzer durch Bagdad rollten. Noch 2005 sagte er: "Die Information war richtig, nur die Interpretation war es nicht."

Das Wort Niederlage findet im Arabischen keine Anwendung

So war es auch keine Überraschung, dass der "Ministerpräsident" von Gaza, Ismail Hanija, kurz nach der Ausrufung des Waffenstillstands den Sieg der Hamas über Israel verkündete und Bedingungen für die Verlängerung der Kampfpause über eine Woche hinaus stellte. Aus seiner Sicht hatte er durchaus Recht, denn er hatte die Operation "Gegossenes Blei" überlebt. Im arabischen Wörterbuch kommt das Wort Niederlage ("Naksa") zwar vor, es findet in der Praxis aber keine Anwendung. Es gibt nur Sieger wie Hanija und totale Sieger, wie Hafis al-Assad, den Vater des jetzigen syrischen Präsidenten, der 1982 einem Aufstand der Muslimbrüder in Hama zuvorkam, indem er die Stadt bombardieren ließ, wobei 20.000 bis 30.000 Menschen getötet wurden. Seitdem hat man von Aktivitäten der Muslimbrüder in Syrien nichts mehr gehört.

Und so wie der Führer der Hisbollah, Hassan Nasrallah, sich nach dem Libanon-Krieg im Sommer 2006 in einer Videobotschaft zum Sieger erklärte, so hat auch der von Tragik und Verwesungsgeruch umwehte "Ministerpräsident" von Gaza, Ismail Hanija, begriffen, dass er sich nur drei Wochen verstecken muss, um hinterher als Sieger dazustehen.

Und er hat allen Grund, Israel dankbar zu sein, denn seine Hamas hat sich tatsächlich einen Platz am Verhandlungstisch erkämpft. Die israelische Tageszeitung "Haaretz" berichtete am Montag, die Europäer wären bereit, eine Regierung der nationalen Einheit aus PLO und Hamas anzuerkennen, ohne dass die Hamas ihre Charta ändern müsste. Einen größeren Erfolg für Hanija und Hamas könnte es nicht geben. Es hätte sich gelohnt, die PLO in Gaza zu entmachten, eine größere Zahl von Fatah-Leuten zu liquidieren, Raketen auf Israel abzufeuern, die eigene Bevölkerung zu terrorisieren und Zivilisten als Schutzschilde zu benutzen.

Den Rest besorgten die Israelis. Jetzt sind sie um eine Erfahrung reicher. Die Hamas kann gegen Israel nicht gewinnen, aber Israel kann sehr wohl gegen die Hamas verlieren.

Die Uno-Resolution zum Gaza-Krieg
(Klicken Sie auf die Überschriften, um mehr zu erfahren)
Waffenruhe
Der Uno-Sicherheitsrat "betont die Dringlichkeit und ruft zu einem sofortigen, dauerhaften und vollständig eingehaltenen Waffenstillstand auf, der zu einem vollständigen Rückzug israelischer Kräfte aus dem Gaza-Streifen führen soll". Das Gremium "verurteilt jegliche Gewalt und Feindseligkeit gegen Zivilisten sowie jede Art von Terrorismus". Diese Textstelle bezieht sich auf die Raketenangriffe der radikal-islamischen Hamas auf israelisches Staatsgebiet, die aber nicht ausdrücklich erwähnt werden.
Humanitäre Hilfe
Der Sicherheitsrat fordert "eine ungehinderte Lieferung und Verteilung von humanitärer Hilfe im ganzen Gaza-Streifen". Nötig seien "Lebensmittel, Kraftstoff und Medikamente". Das Gremium "begrüßt Initiativen zur Einrichtung und Öffnung von humanitären Korridoren sowie andere Mechanismen zur nachhaltigen Versorgung mit humanitärer Hilfe". Zudem ruft es "die Mitgliedstaaten auf, internationale Bemühungen zur Linderung der humanitären und wirtschaftlichen Lage im Gazastreifen zu unterstützen".
Friedensprozess
Der Sicherheitsrat "begrüßt die ägyptische Initiative sowie andere regionale und internationale Bemühungen". Er "fordert verstärkte internationale Bemühungen um Vereinbarungen und Garantien für eine dauerhafte Ruhe im Gaza-Streifen". Dazu zähle auch "eine Unterbindung des unerlaubten Schmuggels von Waffen und Munition sowie die Wiedereröffnung von Grenzübergängen".
Versöhnung der Palästinenser
Zugleich "ermutigte" das Gremium "greifbare Maßnahmen, die zu einer Versöhnung der Palästinenser führen". Darüber hinaus forderte der Sicherheitsrat "neue und dringende Bemühungen der Konfliktparteien und der internationalen Gemeinschaft um einen umfassenden Frieden, der auf der Vision von einer Region basiert, in der zwei demokratische Staaten, Israel und Palästina, Seite an Seite friedlich und mit sicheren sowie anerkannten Grenzen leben".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 163 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
koudas 20.01.2009
1. Typisch Broder
Ich möchte von Herrn Broder gerne wissen woher er weiss das die meisten Toten "Kämpfer" der Hamas waren die vergessen hatten die Uniform anzuziehen?? War er im Gaza-Streifen während der Bombardements? Aber bei Herr Broder wissen wir ja das es immer nur einen schuldigen gibt und das sind immer die Palästinenser! Israel hat sich laut Herr Broder nie was zu Schulden kommen lassen. Ich weiß nicht was dass noch mit Journalismus zu tun hat? Alle die Israel kritisieren sind natürlich, laut Herr Broder, Antisemiten. Ich würde mir wünschen das dieser "Journalist" mal auf die Frage antwortet, warum das demokratische Israel keine Journalisten in den Gaza-Streifen reingelassen hat? Warum das demokratische Israel, eine Entscheidung des obersten Gerichts komplett ignoriert? Darauf hätte ich gerne mal eine Antwort und nicht immer wieder die Antisemiten-Keule die er seit Jahren schwingt.Leider gibt es zu wenig Stimmen wie von Frau Hecht-Galinski in diesem Land aber wir wissen ja wie dieser Herr versucht hat Frau Hecht-Galinski mundtot zu machen.
toskana2 20.01.2009
2. Hut ab!
Zitat von sysopIsrael will mit Dossiers beweisen, dass die in der Gaza-Offensive angegriffenen Objekte legitime Kriegsziele waren. Der Schritt macht deutlich: Ein militärischer Sieg kann schnell in eine moralische Niederlage umschlagen. Hamas-Anführer Hanija musste sich nur verstecken, um als Sieger dazustehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,602268,00.html
Ein neuer Broder, ein Paulus, der selbstkritisch über die Bilanz der israelischen "Gaza-Expedition" berichtet! Hut ab, Herr Broder und weiter so! Wer angibt, Israel zu lieben, der sollte kritisch über die politischen Machenschaften seiner Regierung berichten dürfen. Herr Broder tut es hier und dafür verdient er meine persönliche Wertschätzung!
Tommi16 20.01.2009
3. Mein Dank
Zitat von sysopIsrael will mit Dossiers beweisen, dass die in der Gaza-Offensive angegriffenen Objekte legitime Kriegsziele waren. Der Schritt macht deutlich: Ein militärischer Sieg kann schnell in eine moralische Niederlage umschlagen. Hamas-Anführer Hanija musste sich nur verstecken, um als Sieger dazustehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,602268,00.html
Werter Herr Broder, manche Ihrer Artikel lassen meine Zornesadern anschwellen, manche Ihrer Sätze im Artikel sind nicht meine Ansicht der Dinge, aber: Ihre humanistische Grundhaltung in diesem Artikel verdient mein uneingeschränktes Lob, vielen Dank.
Kancho 20.01.2009
4. Augen auf!
Zitat von koudasIch möchte von Herrn Broder gerne wissen woher er weiss das die meisten Toten "Kämpfer" der Hamas waren die vergessen hatten die Uniform anzuziehen?? War er im Gaza-Streifen während der Bombardements? Aber bei Herr Broder wissen wir ja das es immer nur einen schuldigen gibt und das sind immer die Palästinenser! Israel hat sich laut Herr Broder nie was zu Schulden kommen lassen. Ich weiß nicht was dass noch mit Journalismus zu tun hat? Alle die Israel kritisieren sind natürlich, laut Herr Broder, Antisemiten. Ich würde mir wünschen das dieser "Journalist" mal auf die Frage antwortet, warum das demokratische Israel keine Journalisten in den Gaza-Streifen reingelassen hat? Warum das demokratische Israel, eine Entscheidung des obersten Gerichts komplett ignoriert? Darauf hätte ich gerne mal eine Antwort und nicht immer wieder die Antisemiten-Keule die er seit Jahren schwingt.Leider gibt es zu wenig Stimmen wie von Frau Hecht-Galinski in diesem Land aber wir wissen ja wie dieser Herr versucht hat Frau Hecht-Galinski mundtot zu machen.
Und ich frage mich, ob Sie den Artikel überhaupt gelesen haben? Er sagt nicht, dass die meisten sondern >viele< der Toten Hamaskämpfer sind. Und das bei den Hamaskämpern offensichtlich keine Uniformspflicht herrscht, können sie unzähligen Quellen entnehmen, die Mühe machen Sie sich aber bitte selbst, ich habe jedenfalls keine Lust Ihnen alles vorzukauen!
Hirnlos 20.01.2009
5. Alle Kriegsziele erreicht?
Wenn man so liest, wie viele Tunnel (nach Ägypten) u.a. zum Waffenschmuggel nicht zerstört wurden (siehe http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,602090,00.html) kann man sich fragen, ob Israel wirklich alle seine Ziele erreicht hat. Wahrscheinlich ständen sie viel besser da, wenn sie es geschafft hätten, die Führer der Hamas (wie Hanija) in ihre Gewalt zu bringen. (Ehrlich gesagt fand ich den Kommentar teilweise etwas übertrieben, einige Stellen auch überflüssig, insbesondere am Anfang der Bezug zum holländischen Trainer.)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.