Präsidenten-Abstimmung in Frankreich: Die Wutwahl

Ein Kommentar von Mathieu von Rohr

Der Ausgang des ersten Wahlgangs in Frankreichs ist ein Signal des Protests. Die Franzosen sind frustriert über den Zustand des Landes und wütend auf ihren Staatschef Nicolas Sarkozy. Das Heer der Enttäuschten muss François Hollande nun im zweiten Wahlgang für sich gewinnen.

Nach einem lauen Wahlkampf erlebten die Franzosen einen Wahlabend der Überraschungen. Die erste ist die kleinste von allen: Der Sozialist François Hollande hat den Amtsinhaber Nicolas Sarkozy im ersten Wahlgang hinter sich gelassen, anders als viele der letzten Umfragen vermuten ließen. Er hat 28,6 Prozent der Stimmen erhalten, rund 1,5 Prozentpunkte mehr als der amtierende Präsident Nicolas Sarkozy. Er ist damit in einer guten Position für den zweiten Wahlgang, den er gemäß allen bisherigen Umfragen klar für sich entscheiden würde.

Die zweite Überraschung ist die größte und schockierendste: Die Rechtspopulistin Marine Le Pen hat auf dem dritten Platz ein atemberaubendes Ergebnis erzielt - 17,9 Prozent. Sie hat damit alle Prognose Lügen gestraft, die ihr viel niedrigere Zahlen vorhersagten - und das Ergebnis ihres Vaters von 2002 übertroffen, der damals mit knapp 17 Prozent zum Schrecken vieler Franzosen in den zweiten Wahlgang vorstieß. Marine Le Pen und der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon gewannen gemeinsam mehr Stimmen als jeder Mainstream-Kandidat für sich. Das zeigt des Ausmaß des französischen Frusts.

Die dritte Überraschung ist die hohe Wahlbeteiligung: Entgegen aller Befürchtungen gingen mehr als 80 Prozent der Franzosen zur Wahl. Das ist die zweihöchste Wahlbeteiligung seit 1981, nur 2007 war sie ein wenig höher. Es hieß vor der Wahl, die Franzosen interessierten sich nicht für die Abstimmung, sie könnten sich für keinen der Kandidaten richtig begeistern, darauf deuteten auch die Umfragen hin.

Die Franzosen interessierten sich sehr wohl für diese Wahl

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Präsidentenwahl in Frankreich: Die Wutwahl
Nun zeigt sich, dass die Franzosen sich sehr wohl für diese Wahl interessierten. Und dass sie wütend sind: über die Politik, über den Zustand des Landes - und auf Amtsinhaber Nicolas Sarkozy.

Diese Wahl ist ein Referendum über Sarkozys Amtszeit. Er ist es, den viele Franzosen verantwortlich machen dafür, dass es ihnen 2012 schlechter geht als 2007 und dass er das Amt das Präsidenten entweihte. Sein Ergebnis ist schlecht, wie erwartet, es ist ein Ausdruck der geradezu physischen Abneigung, die viele Bürger für ihn empfinden. Sarkozy hat versucht, in diesem Wahlkampf seine magere Bilanz vergessen zu machen, er führte eine erratische Kampagne, machte dauernd neue, sich oft widersprechende Vorschläge - aber je lauter er wurde, desto weniger schienen ihm die Franzosen noch zuzuhören. Er bewegte sich, je länger dieser dauerte immer weiter nach rechts, machte Kampagne gegen Halal-Fleisch, Islamisten und Schengen. Damit wollte er die Wähler der rechtspopulistischen Marine Le Pen an sich binden, aber das funktionierte nicht.

Marine Le Pen ist für die leidende französische Unterschicht glaubwürdig, sie spricht mit ihren Tiraden gegen Ausländer und gegen die Eliten ihre Sprache und scheint über ihre Sorgen Bescheid zu wissen: die schwindende Kaufkraft, die Arbeitslosigkeit. Ganz im Gegensatz zu einem Präsidenten, dem vom Anfang seiner Amtszeit das Etikett "Präsident der Reichen" anhaftete. Als Carla Bruni-Sarkozy, seine Frau, kurz vor der Wahl sagte, "wir sind bescheidene Leute", muss das für viele von ihnen wie Hohn geklungen haben.

Die Rechte hat die Mehrheit im Land

Es ist dennoch zu erwarten, dass Sarkozy in den zwei Wochen bis zur Stichwahl massiv an ihre Wählerschaft appellieren wird - es wird für ihn wohl ein Wahlkampf ziemlich rechts von der Mitte. Denn die Rechte hat nach diesem ersten Wahlgang mit Sarkozy, Le Pen und dem Zentristen Bayrou die Mehrheit im Land. Aber Le Pen wird ihre Wähler nicht dazu aufrufen, für ihn zu stimmen. Und es wird auch mit dieser Strategie schwierig für den Noch-Amtsinhaber zu gewinnen. Die Abneigung gegen ihn sitzt im ganzen Land so tief, dass eine Mehrheit für ihn einem Wunder gleichen würde.

Sarkozy selbst setzt offenbar große Hoffnungen in die TV-Debatte mit Hollande. Der Kampf Mann gegen Mann, das liegt ihm. "Ich werde ihn zur Explosion bringen", soll Sarkozy gesagt haben. Die Frage ist aber, ob das starke Abschneiden von Le Pen nicht am Ende sogar die französische Rechte zur Explosion bringen könnte - sollte Sarkozy die Wahl verlieren, könnte sich im schlimmsten Fall ein Teil seiner Partei zu Le Pen abspalten.

Hollande hat die Menschen nicht begeistert

Für François Hollande schließlich hat sich heute sein unaufgeregter, manche finden, langweiliger Wahlkampf ausgezahlt. Er ließ sich nicht ein auf die Strategie Sarkozys, der ihn in einen Zweikampf verwickeln wollte, er fuhr durchs Land, sprach mit Wählern, und arbeitete an seinem Bild vom seriösen, pragmatischen und mitfühlenden Politiker - er wollte das Gegenteil von Sarkozy verkörpern: "ein normaler Mann" zu sein, und das haben ihm viele Wähler abgenommen. Er hat die Menschen aber nie begeistert, und das war stets die größte Gefahr für ihn: Dass die Umfragen täuschen, weil die Menschen wegen einem Langweiler nicht zur Wahl gehen.

Diese Befürchtung hat Hollande entkräftet. Er hat die Linke befreit von den Versagensängsten, von denen sie geplagt wird, seit ihr Kandidat Lionel Jospin es 2002 nicht in den zweiten Wahlgang schaffte und Ségolène Royal 2007 verlor, obwohl die Umfragen ihr den Sieg verhießen.

An ihm ist es jetzt, seinen Vorsprung ins Ziel zu bringen. Und dafür braucht er auch die oft sozial benachteiligte Wählerschaft von Marine Le Pen - man müsse sie "verstehen", hat Ségolène Royal bereits gesagt. Und in den letzten Wochen ist Hollande immer wieder in die deindustrialisierten Landstriche gefahren, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist und die Menschen hoffnungslos. Viele von ihnen schwankten zwischen Le Pen, dem Linkspopulisten Mélenchon und Hollande. Sie muss er in diesem zweiten Wahlgang nun von sich überzeugen können, wenn er am 6. Mai zum Präsidenten gewählt werden will.

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1.
Heinz-und-Kunz 22.04.2012
Zitat von sysopREUTERSDer Ausgang des ersten Wahlgangs in Frankreichs ist ein Signal des Protests. Die Franzosen sind frustriert über den Zustand des Landes und wütend auf ihren Staatschef Nicolas Sarkozy. Das Heer der Enttäuschten muss Francois Hollande nun im zweiten Wahlgang für sich gewinnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,829062,00.html
Z.Z. mit 1,1% Vorsprung. Da war wohl der Wunsch der Vater der Schlagzeile. Wie auch hier: Das Heer der Enttäuschten muss Francois Hollande nun im zweiten Wahlgang für sich gewinnen. Und zwar alle! Liberale, Linksfrontler und Grüne.
2.
Oelteichscheich 22.04.2012
Welcher stolzer Franzose lässt sich schon von einer Deutschen (z. B. Merkel)in den Wahlkampf reinpfuschen?! Deutsche sollten sich nicht so sehr über andere Länder wie die Schweiz (Schweizer Justizsystem) und Südeuropa (deutsche krankhafte Sparzwänge) aufspielen! Das wäre doch ziemlich bedauerlich wenn Deutsche dann ein Dejavu ihrer eher unrühmlichen Vergangenheit miterleben müssten! Die Kinder und Enkel der Deutschen hätten es dann auszubaden! Deutsche haben sich nicht in die Belange anderer Länder einzumischen und dazu gehören eben nun mal Sarkozys/Hollandes Wahlkampf!
3.
bauagent 22.04.2012
Zitat von Heinz-und-KunzZ.Z. mit 1,1% Vorsprung. Da war wohl der Wunsch der Vater der Schlagzeile. Wie auch hier: Das Heer der Enttäuschten muss Francois Hollande nun im zweiten Wahlgang für sich gewinnen. Und zwar alle! Liberale, Linksfrontler und Grüne.
Da gibt es nicht viel zu gewinnen. Hollande dürfte 80 % der Linken Stimmen einschl. der Grünen auf sich vereinen. Die 50 % der Le Pen Stimmen braucht er kaum noch. Dass 20 % LePen gewählt haben zeigt aber auch klar, dass ( was der Spiegel nicht sagen mag ) ein großer Teil der Franzosen, wie die Deutschen die Entrechtung und Demonetisierung durch die EU endgültig ablehnen. Es stehen uns nicht nur wegen der Wahl, sondern auch wegen der schwierigen Verhältnisse in Spanien, Griechenland, Italien und Portugal schwere Zeiten bevor. Wird der Hosenanzug mit Hollande einen gemeinsamen Weg finden ohne dass die Investoren die Staatsanleihen abstoßen? Es sieht momentan nicht danach aus.
4. Ja, ja
diefreiheitdermeinung 22.04.2012
Zitat von sysopREUTERSDer Ausgang des ersten Wahlgangs in Frankreichs ist ein Signal des Protests. Die Franzosen sind frustriert über den Zustand des Landes und wütend auf ihren Staatschef Nicolas Sarkozy. Das Heer der Enttäuschten muss Francois Hollande nun im zweiten Wahlgang für sich gewinnen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,829062,00.html
"Die Franzosen sind frustriert über den Zustand des Landes und wütend auf ihren Staatschef Nicolas Sarkozy. " - klar doch wenn Sarkozy, die Rechte und die Liberalen bereits ca. 60% der Stimmen auf sich vereinen. Die hochgejubelten sozialistischen Traumtaenzer, Linke und Gruenen sind 40%. Also auf was sind "die Franzosen" wirklich sauer ? Mal rechnen bitte, Genossen !
5.
mofateam 22.04.2012
Hat sich Hollande bei Merkel eigentlich schon für die Wahlkampfunterstützung bedankt ?
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Präsidentschaftswahl in Frankreich

Vorläufiges amtliches Endergebnis: Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs in Prozent

Nicolas Sarkozy UMP (Konservative)
27,2
François Hollande PS (Sozialisten)
28,6
Marine Le Pen FN (Nationalisten)
17,9
François Bayrou MoDem (Liberale)
9,1
Jean-Luc Mélenchon FG (Linksfront)
11,1
Eva Joly EELV (Grüne)
2,3

Quelle: Französisches Innenministerium


Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 63,461 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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