Ein Kommentar von Julia Amalia Heyer, Athen
"Nennt mir ein Wort, irgendeines, und ich beweise euch, dass es aus dem Griechischen kommt", sagt der Griechen-Papa im Film "My big fat Greek wedding", um damit die giggelnden amerikanischen Freundinnen seiner Tochter zu beeindrucken.
Dass auch das Wort Chaos aus dem Griechischen kommt, könnte mittlerweile selbst ein etwas unbeleckter Amerikaner erfahren haben, ganz zu schweigen von den Europäern. Wahrscheinlich gibt es derzeit einige Griechen, die sich wünschten, die Assoziation zwischen Begriff und Verfasstheit ihres Landes wäre weniger prompt.
Dass dieses Chaos jetzt mit dem Sieg der konservativen Nea Dimokratia (ND) bei der zweiten Parlamentswahl innerhalb von sechs Wochen ein für allemal abgewendet ist, kann niemand ernsthaft glauben. Im Gegenteil: Wie groß, wie übergreifend das griechische Chaos noch werden wird, das wird sich wohl erst im Lauf der nächsten Tage zeigen, wenn die Sondierungen zur Regierungsbildung abgeschlossen sind. Wenn, ja wenn, eine Koalition gefunden ist.
Denn nur eines stand schon vor der Wahl fest: Die Alleinregierung einer einzelnen Partei wird es nicht geben.
Auch wenn die Konservativen unter Antonis Samaras jetzt wieder stärkste Kraft im Parlament geworden sind und im Vergleich zum 6. Mai ihren Vorsprung auf das Linksbündnis Syriza hauchzart ausbauen konnten, wirklich konsolidiert ist damit gar nichts. Weder der Euro-Verbleib der Griechen, schon gar nicht der Reformkurs oder die schwer verunsicherte griechische Gesellschaft. So bitter es klingen mag, gerade für diejenigen, die Samaras als prominente Wahlkämpfer zur Seite standen. Für IWF-Chefin Christine Lagarde zum Beispiel oder für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.
Sein Sieg kann sich immer noch als Pyrrhus-Sieg für die Europäer erweisen, also für all diejenigen, die so gerne von progressiven, pro-europäischen Kräften sprechen und die sich damit mittlerweile vor lauter Verzweiflung über die griechische Politiker-Kaste auch Antonis Samaras schönmalen. Dabei sollten sie wissen, dass der auch anders beschrieben werden kann: als machtgierig, nationalistisch und wendehalsig.
Griechenland kann sich nicht ohne eigene Bevölkerung konsolidieren
Die Reformbemühungen seiner Partei in den vergangenen Jahren halten sich, freundlich formuliert, schwer in Grenzen, Samaras' Mentor Kostas Karamanlis, Premier von 2004 bis 2009, hat das große Verdienst, die Staatsverschuldung bis zuletzt in schwindelnde Höhen getrieben zu haben.
Antonis Samaras und seine ND sind, so sieht es aus, für diese Wahl mit aller Kraft reanimiert worden, von der eigenen Klientel - und den Drohgebärden Resteuropas.
Griechenland kann sich nicht konsolidieren, und, entgegen der landläufigen Meinung vor allem in Brüssel und Berlin, es kann auch nicht konsolidiert werden -- nicht ohne die eigene Bevölkerung.
Nahezu überbordende Zustimmung also für ein Parteienbündnis, das im Oktober 2009, bei der letzten "richtigen" Parlamentswahl, gerade mal 4,6 Prozent erreicht hat.
Deswegen tut der Sozialist Evangelos Venizelos als Pasok'scher Königsmacher gut daran, auch Tsipras in die Regierung einbinden zu wollen - wenn auch mit äußerst geringer Aussicht auf Erfolg. Eine Koalition von Pasok und ND mag vielleicht aus der Ferne und von den Geldgebern begrüßt werden, ein Großteil der Griechen wird sie aber aller Voraussicht nach so schnell es geht wieder zum Teufel jagen wollen.
Die Pasok hat vom Zweikampf zwischen Syriza und ND in dem Sinne profitiert, dass sie zumindest nicht noch tiefer gefallen ist. Wie im Übrigen auch die Faschisten von der Goldenen Morgenröte, die ihren Erfolg vom 6. Mai einfach wiederholt haben. Obwohl ihr Parteisprecher in der Zwischenzeit mal schnell während einer Talkshow vor laufender Kamera eine Kommunistin verprügelte und Schlägertrupps ganz offensichtlich Jagd auf Immigranten machen. Auch das Wahlergebnis der Goldenen Morgenröte zeichnet alles andere als das Bild eines gesundenden, auf dem Weg der Besserung befindlichen Gemeinwesens.
Der Staat muss funktionstüchtiger werden
Dem Risiko, vollends ein failed state zu werden, ein gescheiterter Staat, haben die griechischen Wähler jetzt vielleicht auf kurze Sicht ein Schnippchen geschlagen - indem sie sich durch die Wahl Zeit ausbedungen haben. Und vielleicht auch ein bisschen mehr Konzilianz von Seiten der anderen Europäer.
Endgültig abwenden werden sie es aber nur können, wenn jetzt alle gemeinsam, Politiker und Bürger, tatsächlich daran arbeiten, diesen Staat endlich funktionstüchtiger zu machen.
Wenn Leistung wieder honoriert wird, wenn Reformen nicht nur verkündet sondern auch durchgesetzt, und, noch viel wichtiger, akzeptiert werden.
Sprich: Wenn das kleine Einmaleins zwischen denen, die regieren und denjenigen, die sie gewählt haben, endlich funktioniert und sich nicht jeder auf Kosten eines anderen auf die jeweils eigenen Interessen beschränkt.
Ein bisschen Hoffnung, dass das trotz allem doch noch passieren könnte, macht das "Gnothi seauton" - die Selbsterkenntnis -, eine berühmte griechische Tugend. In der Antike.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Griechenland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH