Reaktionen auf Petraeus-Rücktritt "Er hatte große Pläne"

Ein vermeintlich Unbesiegbarer scheitert an sich selbst - und einer Affäre. Der Rücktritt des CIA-Chefs Petraeus schockiert Amerika, Demokraten wie Republikaner loben ihn als brillanten Strategen. Streit gibt es über die Frage: Reicht ein Seitensprung im Jahr 2012 als Grund für eine Demission?

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Ex-CIA-Chef Petraeus, Gattin Holly: "Schock für die ganze Nation"
REUTERS

Ex-CIA-Chef Petraeus, Gattin Holly: "Schock für die ganze Nation"


Berlin - Schandmaul Jay Leno war einer der ersten, der die Affäre mit der entscheidenden Pointe zusammenfasste. Seine Zuschauer ermahnte der Late-Night-Talker in seiner Show am Freitagabend, sich jeden Gedanken an ein außereheliches Tête-à-Tête aus dem Kopf zu schlagen. "Wenn nicht einmal der CIA-Direktor eine Affäre geheimhalten kann, dann habt ihr damit erst recht ein Problem."

"Wer hatte die schlimmste Woche in Washington? CIA-Direktor David H. Petraeus", lästert auch Chris Cillizza von der "Washington Post". In den vergangenen Woche seien wiederholt Gerüchte aufgekommen, dass der General sich als republikanischer Bewerber für die Präsidentschaftswahl 2016 in Stellung bringen könnte. Das ist jetzt definitiv vom Tisch.

Der politischen Elite in Washington hingegen war wenig zum Lachen zumute, als Petraeus seinen Rücktritt bekannt gab. Mit ihm verlässt ein hochdekorierter General die Bühne, der große Anerkennung über alle Parteigrenzen hinweg genoss. Der Absolvent der elitären Militärakademie West Point hatte sich im Irak und in Afghanistan den Ruf eines brillanten Strategen erarbeitet. Der Verlust wiegt schwer, auch konservative Kommentatoren halten sich mit allzu scharfen Verurteilungen zurück. "Wenige Führungspersönlichkeiten in Amerika haben ein höheres Ansehen als Petraeus", schreibt der "Weekly Standard". "Deshalb wirkt die Nachricht von seinem Rücktritt wie ein Schock für die gesamte Nation und die, die ihn besser gekannt haben."

Sein Rücktritt werfe jedoch auch Fragen auf, schreibt der "Weekly Standard" in Anspielung auf die Ermordung des US-Botschafters Christopher Stevens am 11. September in der libyschen Stadt Bengasi. Einige Republikaner im Kongress hatten der CIA vorgeworfen, der Öffentlichkeit wichtige Informationen zu dem Anschlag auf das US-Konsulat vorenthalten zu haben. Nach der Attacke hatte die CIA Obama tagelang versichert, der Angriff sei aus einer spontanen Protestaktion erwachsen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich aber um einen geplanten Terroranschlag islamistischer Extremisten.

Eisenhower als Vorbild

Die Beantwortung der offenen Fragen mahnt auch Tony Schaffer auf "foxnews.com" an, hält sich aber mit Verdächtigungen oder Vorwürfen zurück. Im Gegenteil: Der Autor beklagt, dass eine außereheliche Affäre in der heutigen Zeit einen ausreichenden Grund für einen Rücktritt liefert. "Einige US-Staaten erlauben die Homo-Ehe und dulden die Verwendung von Marihuana - auf der anderen Seite haben wir eine hochgeehrte Führungspersönlichkeit, die gehen muss, weil sie einen menschlichen Fehler gemacht hat." Andere Generäle hätten sich vergleichbare Fehltritte erlaubt. Damit spielt Schaffer auf Dwight D. Eisenhower an, der als höchster Kommandeur der Alliierten im Zweiten Weltkrieg eine Affäre mit seiner Fahrerin Kay Sommersby gehabt haben soll.

Auch das "Wall Street Journal" (WSJ) verweist auf Eisenhower - einem Mann mit großen Verdiensten sollte eine Sünde wie Ehebruch verziehen werden. Der Kommentator ist dennoch der Überzeugung, dass Petraeus keine andere Wahl hatte. Schon allein wegen seiner Funktion als Geheimnisträger.

Das Internet-Portal "newjersey.com" vermutet indes noch andere Gründe. In der Obama-Administration hätten außereheliche Affären zu einer ganzen Reihe von Karriereknicks geführt. Daher habe man bei Petraeus konsequent sein müssen.

Ähnlich wie das "WSJ" schätzt aber auch "newjersey.com" die Tragweite wesentlich schwerer ein als vergleichbare Fälle, weil überdies Fragen der nationalen Sicherheit berührt sind. Ein Geheimnisträger und eine Autorin? Das gehe nicht zusammen. "Zumal man im Kongress wegen verschiedenster Durchstechereien in der jüngsten Vergangenheit auf solche Verbindungen extrem empfindlich reagiert."

Sündenbock für Bengasi?

Die meisten anderen Kommentare vertreten ebenfalls diesen Standpunkt. Als Geheimnisträger erster Ordnung hätte sich Petraeus diesen Fehltritt nicht erlauben dürfen. "Aus Gründen der Selbstachtung und auch mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung hatte Petraeus keine andere Wahl, als zurückzutreten", schreibt Aaron David Miller, Autor und ehemals Mitarbeiter des Außenministeriums, in einem Forum von "politico.com". Jeffrey Taylor, Partner einer Regierungsberatung, argumentiert dagegen betont moralisch: "Untreue in der Ehe ist ein Vergehen, dessen man sich schämen muss - und Grund genug zurückzutreten."

Ähnlich wie der "Weekly Standard" mutmaßen einige Kommentatoren auch, Petraeus könnte kurz vor den Anhörungen zum Fall Bengasi aus dem Rennen genommen worden sein. Denn als Privatmann müsse er jetzt nicht aussagen.

Dass solche Erwägungen eine Rolle gespielt haben, schließt die Geheimdienst-Expertin der Demokraten, Dianne Feinstein, kategorisch aus. Der Streit über fehlerhafte CIA-Informationen zur Ermordung des US-Botschafters habe damit nichts zu tun, versicherte die Vorsitzende des Geheimdienstausschusses.

"Die Leute werden sagen, dass er ein Sündenbock für Bengasi ist. Aber das ist absolut falsch", sagte Feinstein. "Nach allem, was ich weiß, war es ein unerhörter persönlicher Fehltritt." Der Rücktritt sei tragisch für Petraeus als Menschen und für das Land, betonte sie im US-Sender CNN. "Er liebte den Job und hatte große Pläne."

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fettwebel 11.11.2012
1.
an die Menschen lautet Reproduktion. Diesbezügliche Leibesübungen garantieren bis heute Erhalt und Ausbreitung der Art. Erst auf dieser Basis hat Mensch sich Moralen zusammengelogen. Ehe ist eigentumsorientierter Besitzstandsvertrag. Eine Einrichtung der Ängstlichen, die dem "wissen wollen" des Menschen entgegensteht. Individuelle Entwicklung wird geblockt, Souveränität unterminiert. Erfreulicherweise verliert diese Institution als Form sozialen Lebens an Bedeutung. Skandal ist nur, daß sich Menschen Anfang des 3. Jahrtausends mit dieser Verkrüppelung herumschlagen müssen. Ein schöner Witz, wie Notwendigkeiten des Kapitalismus die Befreiung des Menschen antreiben.
harte2, 11.11.2012
2. große Pläne ade..
Petraeus war der Einzige unter dem Führungspersonal der USA, den ich mir als republikanischen Bewerber für die Präsidentschaftswahl 2016 vorstellen konnte. Ansich ist ein Seitensprung kein Grund zurück zu treten, in der bigotten USA und als CIA Chef sieht das natürlich etwas anders aus. Schade.
RudiLeuchtenbrink 11.11.2012
3. kaum glaubhaft
Der Mann ist ein Offizier und Vorbild für die US Nation und darüber hinaus. Er hat ein eigenes Weltbild und das passte sicher einigen mächtigen Leuten in den Staaten nicht. Sein Rücktritt aus "persönlichen Gründen" rettet ihn und lässt hoffen das er in weit schwierigeren Zeiten wieder politisch aktiv werden kann.
Zaphod 11.11.2012
4. Wahre Werte?
Zitat von RudiLeuchtenbrinkDer Mann ist ein Offizier und Vorbild für die US Nation und darüber hinaus. Er hat ein eigenes Weltbild und das passte sicher einigen mächtigen Leuten in den Staaten nicht. Sein Rücktritt aus "persönlichen Gründen" rettet ihn und lässt hoffen das er in weit schwierigeren Zeiten wieder politisch aktiv werden kann.
Offiziere können per se kein Vorbild sein, da ihr Handwerk das Töten ist. Wenn nun ein Offizier, der durch meisterhaftes Töten die Sprossen der Karriereleiter erklommen hat, fällt, weil er liebt, so zeigt das, wie verkommen das Wertesystem in den USA und anderswo ist.
spon-facebook-10000247573 11.11.2012
5. abgehoben und elitär
@fettwebel: man kann auch wirklich alles abstrahieren, sythetisieren und als kleines weißes Pulver unter dem Mikroskop betrachten. Der Wahrheit näher kommt man damit nicht unbedingt. Nur der Blickwinkel ist ein anderer. Wer sich der Institution Ehe unterwirft, der muss die Konsequenzen aus seinem Handeln tragen. Das ist überall so und zum Glück haben wir diese Wahlmöglichkeit.
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