Kommunismus: Ché Guevara lebt - in Transnistrien

Von Anika Zeller, Tiraspol

Kleinkrieg im Pseudo-Staat Transnistrien. Eine linientreue Jugendorganisation liefert sich einen heftigen Schlagabtausch mit der OSZE-Mission. Ziel der Jung-Stalinisten: die Unabhängigkeit von der Republik Moldau. Ihr Vorbild: Che Guevara.

Trist und grau ist es in Tiraspol und das nicht nur im Winterhalbjahr. Nur vereinzelt ein Werbeplakat, kaum Geschäfte, nicht einmal ein Coca-Cola-Emblem ist auszumachen. Der einzig markante Farbtupfer ist das große Wappen auf dem Suworow-Platz. Rot leuchtet der Stern über Hammer und Sichel. Blau fließen darunter die Wellen des Dnjestr. Und im Zentrum von allem strahlt goldgelb die Sonne.

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Neo-Kommunismus: Die Jung-Stalinisten von Transnistrien

Nicht zufällig ist die "Farbe der Sonne" auch das Symbol von Proryw, der neuen Jugendbewegung hier am Ort. Gelb sind die Flaggen, und gelb sind die Halstücher, wenn ihre Anhänger durch die transnistrische Hauptstadt marschieren. "Wir werden auch Kinder der Sonne genannt", erzählt Aljona Arschinowa, die Direktorin der Korporation.

Transnistrien ist ein Pseudo-Staat, der von keinem Land der Welt anerkannt ist. Offiziell gehört der schmale Landstreifen zur Republik Moldau. Inoffiziell haben sich hier staatliche Strukturen verfestigt, mit (fast) allem, was dazu gehört. Eigene Währung, eigene Flagge, eigene Briefmarken - und auf allem obligatorisch Hammer und Sichel. Nicht ohne Grund gilt die Region als "Museum der Sowjetunion".

"Che Guevara lebt!"

Das Hauptquartier von Proryw liegt an der "Straße des 25. Oktober". Links davon der Oberste Sowjet, rechts der Rat der Volksdeputierten. Proryw im Zentrum transnistrischer Macht - auch das kein Zufall. Die neue Jugend steht eisern hinter Präsident Igor Smirnow, der sein Regime unter anderem durch den Schmuggel von Waffen, Zigaretten, Öl und Alkohol am Leben hält.

Zur Ikone der Bewegung hat sie aber nicht ihn, sondern einen anderen Mann gemacht: Che Guevara. Schwarz prangt seine Silhouette auf den gelben Flaggen. Das Vereinsblatt titelt: "Che Guevara lebt!"

Außerdem ist er Namenspate einer neuen "Hochschule", die Proryw mitbegründet hat. Die Che-Guevara-Schule ist eine Kaderschmiede für die künftige Elite des Landes. Parallel zum Studium an der Universität sollen Jugendliche hier sogenannte "Polit- und Informationstechnologien" lernen. Wie organisiere ich eine Demo? Wie halte ich eine Rede? Wie schreibe ich ein Flugblatt?

Die Gründung der Schule geht auf das Konto von Dmitrij Soin. Er ist auch der strategische Kopf hinter Proryw. In den moldauischen Zeitungen wird Soin als "Mörder" beschimpft. Mindestens zwei Menschen soll er getötet haben. Auch Interpol sucht ihn deswegen.

Im Kreis seiner Proryw-Jünger spielt das keine Rolle. Ihre Blicke zeugen von tiefer Verehrung. Das Vereinsorgan preist ihn als allwissenden Soziologie-Guru. Der 36-Jährige versteht es meisterhaft, sich als smarter Typ zu verkaufen. Ein süffisantes Lächeln umspielt seine Lippen. Die braun gewellten Haare sind zum Zopf gebunden. Vertraut legt er Gesprächspartnern die Hand auf den Arm.

Angst, dass die Jugend davonläuft

Soin ist einer von ganz oben, genauer: vom transnistrischen Staatssicherheitsdienst. Ebenso wie die Administration von Präsident Smirnow pumpt dieser jede Menge Rubel in die linientreue Anhängerschaft. "Die haben Angst, dass ihnen auf Dauer die Jugend davonläuft", meint Gottfried Hanne, stellvertretender Leiter der moldauischen OSZE-Mission.

Proryw bedeutet "Durchbruch". Das Profil der Truppe ist damit klar definiert. Durchbrochen werden soll die weltweite Isolation - Ziel ist die Anerkennung Transnistriens als eigener Staat. Das aber ist aus Sicht der internationalen Gemeinschaft derzeit völlig ausgeschlossen und steht auch in den laufenden Verhandlungen der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) nicht zur Diskussion. "In denen soll geklärt werden, unter welchen Bedingungen das Gebiet in den moldauischen Staat reintegriert werden kann", so Hanne.

Seit 13 Jahren ist die OSZE aktiv in die Verhandlungen zur Lösung des Konflikts am Dnjestr eingebunden. Auslöser der Mission war der blutige Bürgerkrieg zwischen transnistrischen Separatisten und der moldauischen Zentralregierung, bei dem 1992 mehr als tausend Menschen gestorben sind. Das Sonderterritorium Transnistrien hatte sich am 2. September 1990 widerrechtlich noch als Teil der Sowjetunion gegründet. Seit 1995 hat die OSZE, die einen Frieden garantieren soll, auch ein Büro in Tiraspol. Es ist die einzige offizielle Präsenz des Westens in ganz Transnistrien - kein Wunder, dass Proryw gerade hier gern demonstriert.

"Doppelte Standards"

So wie am 27. September. Es ist ein sonniger Herbstmorgen, als sich rund 250 Jugendliche vor dem Eingang versammeln. Sie schwenken die Fahnen und rufen "Hill - geh nach Hause!" Adressat ist William Hill, der Chef der moldauischen OSZE-Mission. Von einem Kranwagen lässt sich schließlich ein Demonstrant in die Höhe fahren. Er reißt die weiß-blaue OSZE-Flagge aus der Halterung. Hinein steckt er die gelb-schwarze von Proryw. Die Menge jubelt.

Grund für den Protest gegen die OSZE sind laut Soin ihre "doppelten Standards". Die moldauische Parlamentswahl vom vergangenen März habe sie als "demokratisch" anerkannt. Die transnistrische Parlamentswahl am 11. Dezember diffamiere sie dagegen schon im Vorfeld als "antidemokratisch".

Demonstrationen von Proryw sind für die OSZE nichts Neues. Der Vorfall vom 27. September aber hatte eine neue Dimension. "Überraschend war, dass die transnistrische Miliz der Aktion tatenlos zugeschaut hat", sagt Claus Neukirch, der OSZE-Pressesprecher in der Moldau. Eine Schließung des Tiraspoler Büros hält er aber nicht für sinnvoll: "Das würde ja bedeuten, dass Proryw etwas erreicht hätte."

Inzwischen hängt die OSZE-Flagge wieder - doch der Kleinkrieg geht weiter. Am 10. November erschien auf der Internetseite "Lenta.PMR" eine unmissverständliche Drohung. Mit Blick auf die Flaggenaktion hieß es hier: "Die erste Warnung hat anscheinend keine Wirkung gezeigt. Warten wir die zweite ab..."

Die OSZE zweifelt nicht daran, dass Proryw dahinter steckt. Tags darauf verurteilt sie die "Hassrede" als "demagogisch und abscheulich". Die angedrohte Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Bei einer Demonstration am 20. November schlugen Proryw-Aktivisten auf eine Puppe von OSZE-Chef Hill ein und versuchten, sie zu verbrennen. Diesmal aber schritt die Miliz ein.

Eines hat Proryw auf jeden Fall erreicht: Die Organisation wird ernst genommen. "Eine Gefahr für den laufenden Verhandlungsprozess", sieht Hanne zwar nicht in ihr. Aber er gibt zu: "Eine derart indoktrinierte Jugend ist ein Faktor, der die Konfliktlösung erschwert." Hanne trägt eine gelbe Krawatte. Es ist die Farbe der Flagge von Proryw - nicht mehr als ein dummer Zufall.

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