Konflikt an der Grenze zu Indien Dalai-Lama-Besuch verärgert China

Zum fünften Mal seit seiner Flucht aus Tibet besucht der Dalai Lama Tawang in Ost-Indien. Es ist ein Besuch in heiklen Zeiten: An der indisch-chinesischen Grenze häufen sich Provokationen und Manöver, Neu-Delhis Militär bereitet sich schon auf den Verteidigungsfall vor. "Die Lage kann leicht außer Kontrolle geraten", heißt es.

Aus Tawang berichtet Padma Rao

Religionsführer Dalai Lama: Reise in die eigene Vergangenheit
REUTERS

Religionsführer Dalai Lama: Reise in die eigene Vergangenheit


Wehmutsvoll weist Thubten Shastri in die Ferne, wo sich hinter dichten Kieferwäldern und gelben Dächern, auf denen Hunderte Gebetsfahnen flattern, schneegekrönte Bergriesen abzeichnen. "Sie gehören zu Tibet und damit zu China", sagt er. "Dort drüben wurden letztes Jahr so viele Mönche getötet. Zum Glück gehören wir auf dieser Seite zu Indien."

Shastri ist selbst Mönch, ein kurz geschorener junger Mann von 22 Jahren. Er erklärt Besuchern auf dem Hinterhof des Klosters Ganden Namgyal ("Himmlisches Paradies") in Tawang, von wo man einen weiten Ausblick hat, die 37 Kilometer entfernte Grenze und ihre Geschichte. Und er erläutert auch, warum die ostindische Kleinstadt derzeit so herausgeputzt wird, warum die Gebetsglocken poliert und die selten benutzten Gästequartiere renoviert werden.

Für diesen Sonntag hat sich nämlich ein Ehrengast angekündigt: Seine Heiligkeit, der Dalai Lama. Zum fünften Mal seit seiner Flucht aus Tibet will das religiöse Oberhaupt der Tibeter nach Tawang reisen, um hier, im Bundesstaat Arunachal Pradesh, drei Tage lang zu beten und zu lehren. Tawang hat für ihn und seine Landsleute besondere Bedeutung, es ist der Geburtsort eines seiner Vorgänger und war 1959 seine erste Station im Exil.

Ebenso groß wie die Vorfreude ist allerdings die Sorge, dass der Besuch alte Streitigkeiten wieder anfachen und neue Spannungen zwischen den beiden großen Wirtschafts- und Militärmächten Asiens hervorrufen könnte.

Schon heute sind Provokationen, die meisten aus China, fast alltäglich. Eindringlinge aus dem Reich der Mitte pinselten an einen weithin sichtbaren Felsen auf indischem Territorium die Aufschrift "Yellow River", also den Namen des zweitlängsten chinesischen Flusses, der in Tibet entspringt. Prompt griffen die Inder Farbentferner und sprühten ihrerseits auf Hindi "Bharat" (Indien) auf den Stein. Andernorts warf ein chinesischer Hubschrauber Lebensmittelpakete ab - eine Unverschämtheit, wie man in Neu-Delhi findet. "Die Lage kann leicht außer Kontrolle geraten", warnt der nationale Sicherheitsberater Mayankote Kelath Narayanan.

Indien und China beginnen militärische Manöver

50.000 chinesische Soldaten nahmen im August an Manövern entlang der Grenze teil, fast 200.000 sind angeblich in Tibet schon stationiert. Indien reagierte mit der "Operation Alert", einem Aufgebot von Truppen und Kampfflugzeugen, und lässt nun eilig Straßen und selten genutzte Landebahnen asphaltieren. Die tibetische Seite ist bereits mit einem engmaschigen Straßennetz erschlossen und durch eine Eisenbahn mit dem Hinterland verbunden.

Die gemeinsame Grenze der beiden asiatischen Rivalen zieht sich über 3380 Kilometer hin und wird nur durch das dazwischen gelagerte Nepal und Bhutan unterbrochen. Jene gut 1000 Kilometer, die Arunachal Pradesh von China trennen, sind der umstrittenste Abschnitt, sie gelten als eine der brisantesten Konfrontationslinien in Asien. Denn die Chinesen halten nicht nur rund 43.000 Quadratkilometer umstrittenes Gebiet in Kaschmir besetzt, dessen völkerrechtlicher Status seit gut 60 Jahren ungeklärt ist, in einer gerade erschienenen, in Tibet verteilten Broschüre aber "unabhängig" genannt wird. Sie beanspruchen vor allem 90.000 Quadratkilometer im indischen Nordosten - mit dem ganzen Bundesstaat Arunachal Pradesh.

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Die Grenze dort heißt auch McMahon-Line, nach jenem britischen Chefdelegierten, der sie 1914, ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung Tibets, auf einer Konferenz im nordindischen Shimla ausgehandelt hatte. Teilnehmer waren die tibetische Regierung, China und die Briten als Indiens Kolonialmacht. Der Shimla-Konvention zufolge wurde der südliche Teil Tibets den Briten zugesprochen. Die junge Republik Indien erbte ihn nach deren Abzug und nannte ihn Arunachal Pradesh. China allerdings hat die Grenzlinie kategorisch abgelehnt, erst recht nach der Okkupation Tibets 1950.

Seit Gründung der Volksrepublik hat Peking 13 strittige Grenzverläufe mit seinen Nachbarstaaten friedlich geklärt, mit Indien ist dies trotz insgesamt 13 Gesprächsrunden nicht geglückt. 1962 überrumpelte die Volksbefreiungsarmee sogar indische Grenzeinheiten und marschierte für wenige Tage in Arunachal Pradesh ein. Kurz darauf zogen sich die Streitkräfte wieder hinter die McMahon-Linie zurück, die chinesische Regierung erklärte sie jedoch zu einer bestenfalls vorläufigen Kontrolllinie.

Erst jetzt stellt Neu-Delhi erhebliche Entwicklungshilfe für die umstrittene Region bereit. Für notwendige Infrastruktur-Verbesserungen erhält Arunachal Pradesh derzeit umgerechnet 3,5 Milliarden Euro. Premier Manmohan Singh versprach den raschen Bau einer über 1500 Kilometer langen Autobahn sowie zweier Wasserkraftwerke bis spätestens 2013.



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