Konflikt in der Elfenbeinküste Zeugen berichten von heftigen Kämpfen in Abidjan

Der Machtkampf in der Elfenbeinküste eskaliert. In der Millionenstadt Abidjan sind heftige Gefechte im Gange, das französische Militär greift nun in den Konflikt ein und zeigt Präsenz auf den Straßen. Ein wichtiger Kakao-Hafen ist inzwischen in der Hand der Outtara-Anhänger.


Paris - Das französische Militär greift in den Konflikt zwischen dem abgewählten Präsidenten Laurent Gbagbo und seinen gewählten Nachfolger in der Elfenbeinküste ein. In der Wirtschaftsmetropole Abidjan patrouillieren französische Soldaten, berichtete die Korrespondentin des französischen TV-Senders BFM, Nadia Dellaire, aus der Stadt. Mehrere Generäle Gbagbos hätten sich über die südafrikanische Botschaft abgesetzt. Der Botschafter habe dazu eine Mitteilung abgegeben. Auch aus Militärkreisen wurde die Entwicklung bestätigt, eine offizielle Stellungnahme dazu gab es von der Armee aber nicht.

In Abidjan wohnende Franzosen berichteten telefonisch, die Lage in der Stadt sei sehr angespannt. Es gebe viele Jugendliche, die Straßensperren errichteten. Die meisten Geschäfte seien geschlossen. In einer Gendarmerie-Kaserne seien Schüsse zu hören gewesen. Augenzeugen berichten von Gefechten mit schwerem Geschütz.

Den Angaben zufolge sind andere französische Truppenteile im Einsatz, um französische Staatsbürger vor Angriffen bewaffneter Anhänger Gbagbos zu retten. Frankreich unterhält ein 1000 Soldaten starkes Kontingent an der Elfenbeinküste.

Anhänger des international als Wahlsieger anerkannten Alassane Ouattara hatten Gbagbo in den vergangenen Tagen schwere Niederlagen zugefügt. In einer landesweiten Offensive rückten Kämpfer Ouattaras weiter vor. Gbagbo ist in Abidjan zunehmend isoliert. Am Donnerstag nahmen seine Gegner den wichtigsten Kakaohafen San Pedro ein. Am Vortag war ihnen die Hauptstadt Yamoussoukro in die Hände gefallen.

Ouattara erklärte am Donnerstag, seine Truppen hätten nach Monaten des politischen Chaos' beschlossen, die Demokratie wieder einzuführen. Die Rebellen und andere Kämpfer, die ihn unterstützen, setzten den Willen des Volkes durch, sagte er. Nachdem alle internationalen Bemühungen, Gbagbo zum Abtreten zu bewegen, gescheitert waren, hatten Ouattaras Unterstützer am Montag eine weitreichende Offensive begonnen und weite Teile des Landes erobert.

Militärchef flüchtet mit Familie in Botschaftsgebäude

Trotz der Erfolge der Anhänger Ouattaras ist ein Ende des gewaltsamen Konfliktes bislang nicht absehbar. In Abidjan dauert die Gewalt gegen Zivilisten an. Tausende Gbagbo-Anhänger aus seiner Jugendbewegung der "Jungen Patrioten" hatten sich in den vergangenen Wochen zur Armee gemeldet. Sie machen nun Jagd auf echte und vermeintliche Anhänger Ouattaras und erschossen allein am Donnerstag mindestens sechs Menschen.

Der Chef der ivorischen Streitkräfte, General Phillippe Mangou, suchte südafrikanischen Angaben zufolge gemeinsam mit seiner Frau und seinen fünf Kindern Zuflucht im Haus des südafrikanischen Botschafters. Aus humanitären Gründen sei ihm erlaubt worden sich weiterhin dort aufzuhalten, sagte ein Sprecher des südafrikanischen Außenministeriums. Allerdings sei noch nicht abschließend entschieden worden, was mit ihm geschehen solle.

Der Uno-Sicherheitsrat forderte in einer Resolution das Ende der Gewalt und verurteilte Gbagbos Entscheidung, die Wahl Ouattaras zum Präsidenten nicht zu akzeptieren. Das Gremium in New York drängte Gbagbo, "umgehend abzutreten". Zudem wurden Reiseverbote gegen Gbagbo, seine Frau sowie drei wichtige Vertraute verhängt und ihr Vermögen eingefroren. Internationale Beobachter befürchten, dass die seit Monaten anhaltenden Konflikte zwischen den beiden Lagern, bei denen seit November mindestens 462 getötet worden sind, zu einem Bürgerkrieg in dem westafrikanischen Land führen könnten. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte sich beunruhigt über die Eskalation des Konflikts. Er mahnte am Donnerstag in New York beide Seiten, von "Racheakten" abzusehen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat angesichts der Kämpfe in der Elfenbeinküste vor einer "massiven Verletzung der Menschenrechte" gewarnt. Abidjan stehe "am Rande einer Menschenrechtskatastrophe und des totalen Chaos'", erklärte sagte Amnesty-Sprecher Salvatore Sagues am Donnerstag in London. Die Organisation verurteilte Verbrechen an Zivilisten, die sowohl von Ouattaras Anhängern als auch von Truppen seines Rivalen Gbagbo begangen würden. Die internationale Gemeinschaft müsse "sofortige Schritte" unternehmen, um die Zivilbevölkerung zu schützen, forderte Sagues.

ffr/dpa/Reuters/dapd/AFP



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niepmann 31.03.2011
1. Frust
Offenbar versteht der Mensch nur eine einzige Sprache wirklich, nämlich die der Gewalt. Sie verstummt erst, wenn die Angst regiert. Man nehme sich Libyen vor, oder die Ivorer, oder die Energiebosse in DE - sie lernen nur Manieren, wenn man ihnen persönlich ans Leder geht. Ich betobne ausdrücklich: Nicht immer mit Waffe! Das ist nicht Volksverhetzung, sondern simple Wirklichkeit. Siehe dazu Merkels Kehrtwende nach Fukushima und vor den Wahlen.
observatorius 31.03.2011
2. Franceafrique 2.0
Natürlich gibt es überhaupt gar keinerlei geringsten Zusammenhang zwischen dem für Frankreich enttäuschenden EU-Africa Gipfel letzten November in Tripolis, der zunsehmenden Bedeutung von China, Indien und Brasilien bei der wirtschaftlichen "Erschließung" ehemals französischer Kolonien und der aktuellen Rolle Frankreichs in den Krisen in Libyen und Côte d'Ivoire! Aber irgendwie erinnert mich Sarkozys Post-post-koloniale Politik an eine analoge Geschichte, die wenigstens wie es scheint, nunach Fukushima nun einen Schritt weiter ist. Will heißen mich erinnert das an den Ausstieg aus den Ausstieg. Bleibt zu hoffen, dass nach dem zu erwartenden Desaster in Libyen auch der Ausstieg aus dieser anachronistischen Franceafrique 2.0 erfolgt.
manuelbaghorn 01.04.2011
3. !
Zitat von observatoriusNatürlich gibt es überhaupt gar keinerlei geringsten Zusammenhang zwischen dem für Frankreich enttäuschenden EU-Africa Gipfel letzten November in Tripolis, der zunsehmenden Bedeutung von China, Indien und Brasilien bei der wirtschaftlichen "Erschließung" ehemals französischer Kolonien und der aktuellen Rolle Frankreichs in den Krisen in Libyen und Côte d'Ivoire! Aber irgendwie erinnert mich Sarkozys Post-post-koloniale Politik an eine analoge Geschichte, die wenigstens wie es scheint, nunach Fukushima nun einen Schritt weiter ist. Will heißen mich erinnert das an den Ausstieg aus den Ausstieg. Bleibt zu hoffen, dass nach dem zu erwartenden Desaster in Libyen auch der Ausstieg aus dieser anachronistischen Franceafrique 2.0 erfolgt.
Ich kann ihre Befürchtungen schon nachvollziehen. Dennoch frage ich mich, was denn ihre Lösung des ganzes Dilemmas wäre. Solche Länder grundsätzlich sich selbst zu überlassen und zu sehen, was passiert?
Centurio X 01.04.2011
4. Wenn Frankreich wirklich post-post-koloniale Politik...
Zitat von observatoriusNatürlich gibt es überhaupt gar keinerlei geringsten Zusammenhang zwischen dem für Frankreich enttäuschenden EU-Africa Gipfel letzten November in Tripolis, der zunsehmenden Bedeutung von China, Indien und Brasilien bei der wirtschaftlichen "Erschließung" ehemals französischer Kolonien und der aktuellen Rolle Frankreichs in den Krisen in Libyen und Côte d'Ivoire! Aber irgendwie erinnert mich Sarkozys Post-post-koloniale Politik an eine analoge Geschichte, die wenigstens wie es scheint, nunach Fukushima nun einen Schritt weiter ist. Will heißen mich erinnert das an den Ausstieg aus den Ausstieg. Bleibt zu hoffen, dass nach dem zu erwartenden Desaster in Libyen auch der Ausstieg aus dieser anachronistischen Franceafrique 2.0 erfolgt.
...in der Cote d'Ivoire betreiben würde, hätte es schon viel früher reagiert. Das Eingreifen der franz. Garnison in Abidjan beschränkt sich allein auf den Schutz der dort wohnenden Europäer, und was ist daran verwerflich? Und mit der japanischen Atomkatastrophe und dem franz. Luftwaffeneinsatz in Libyen das Ganze in einen Zusammenhang zu bringen, bedarf es schon eines beträchtlichen Phantasietalents. Oder wollen Sie sich mit Ihrem Halbwissen hier nur wichtig machen?
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